Es ist bereits Abend in Campoamor. Am Horizont wehren sich noch die letzten Sonnenstrahlen gegen die Dunkelheit, während Igor Tadic sich in einem Sessel in der Hotellobby fallen lässt. Intensiv war er, dieser achte Tag im Trainingslager. Am Morgen eine Taktikeinheit, am Nachmittag ein Testspiel gegen Torrevieja, ein Team aus der vierthöchsten spanischen Spielklasse.

Wohlen gewinnt 4:0. Tadic erarbeitet sich ein halbes Dutzend Chancen, eine verwertet er. Ordentlich sei sein vierter Testspieleinsatz gewesen. Er spricht von Ideen, die je länger, je klarer werden. Anders als viele, die an einer neuen Wirkungsstätte beginnen, fordert er keine Zeit. Tadic will liefern. Sofort. Obwohl der blau-weisse Jogginganzug, den er an diesem Abend trägt, eben erst frisch mit seinen Initialen bedruckt worden ist.

Vor gut einem Monat trocknete die Tinte unter dem Vertrag, den Tadic bis mindestens im Sommer 2018 an den FC Wohlen bindet. In der Challenge League ist der 30-Jährige ein Spieler von Renommee. Vorwiegend wegen dieser ansprechenden Regelmässigkeit, in der er das Tor trifft. In 171 Auftritten in der zweithöchsten Schweizer Spielklasse traf er 76 Mal. Vor zwei Jahren erzielte er in seiner Debütsaison beim FC Schaffhausen gleich 19 Tore und wurde Torschützenkönig der Challenge League.

Keine Yakin-Ressentiments

Es sind Zahlen, die ligaweit nachhaltig Anerkennung finden. Gerade deshalb erstaunte Tadic kurz vor Weihnachten viele, als er sich trotz der Ankunft des angesehenen Fussballlehrers Murat Yakin gegen den FC Schaffhausen und für den FC Wohlen aussprach. Die Annahme, dass es zwischen Yakin und ihm Ressentiments gebe, sei falsch, betont Tadic. Wahr ist jedoch, dass er im Sommer 2012 eine Einladung Yakins ins Probetraining des FC Luzern ausschlug und sich für den FC St. Gallen entschied. «Vielleicht würde heute anders entscheiden», sagt Tadic. Weil Versprochenes nicht eingehalten wurde, ihm keine zwölf Monate Zeit zugestanden wurden und die Ostschweizer während der Saison weiter Offensivkräfte erwarben, hatte Tadic bereits nach einem Jahr Super League keine Perspektiven mehr. Er wechselt nach Genf und ein Jahr später nach Schaffhausen – und wird gleich Torschützenkönig.

In Wohlen wird er das in dieser Saison nicht mehr werden. Erst seit Herbst geht Tadic auf die Jagd nach Toren. Zuvor hatte er während fast einem Jahr einen Kreuzbandriss auszukurieren. Paradoxerweise sagt er in Verbindung zur Verletzung, dass diese zum richtigen Zeitpunkt kam. «So erhielt mein Körper endlich einmal eine Pause.» Tadic versichert, dass er heute leistungsfähiger sei.

Ein Statement, das die Hoffnungen im Freiamt weiter schürt. Seit Roman Buess’ Abgang im Sommer 2015 sehnt man sich nach einem Torjäger. Keiner kam seither an die Werte des heutigen St.-Gallen-Stürmers heran. Am ehesten noch Janko Pacar. Vieles deutet darauf hin, dass der FCW nach 18-monatiger Suche endlich wieder diesen einen Knipser gefunden hat. Die Aufmerksamkeit der Wohler Vereinsführung genoss er aber schon in den unteren Ligen. Bereits vor zehn Jahren wollte man Tadic ins Freiamt lotsen. Obwohl das Geschäft damals nicht zustande kam, riss der Kontakt nie ab. «Auch darum bin ich heute in Wohlen.»

Einst zu schmächtig

Heute ist Igor Tadic fest im Profifussball verankert. Lange schien dies jedoch utopisch. Einmal wurde er als Junior für die U18-Auswahl von Kriens als zu schmächtig und untalentiert empfunden. Er spielt fortan in der dritten Liga und findet über Umwege später doch zu den Innerschweizern. Weil dort aber die klammen Vereinskassen keinen Profibetrieb zulassen und Tadic als Fussballer überdurchschnittlich viel von einer abgeschlossenen Ausbildung hält, absolviert er neben den täglichen Einheiten auf dem Rasen auch eine Lehre als Spengler. Dreieinhalb Jahre ist er der Spengler mit dem Torjäger-Gen. Erst mit 25 Jahren wird er schliesslich Profi. Es ist nur eine von vielen verrückten Episoden, die es in der Karriere des Stürmers zu erzählen gibt. Eine erfolgreiche Rückrunde mit dem FC Wohlen soll die nächste sein.

Janick Kamber gibt im Trainingslager Auskunft.

Janick Kamber gibt im Trainingslager Auskunft.