Laufsport
Der schnellste Aargauer Langstreckenläufer ist ein ehemaliger Asylbewerber

Kadi Nesero gewinnt die Rennen im Kanton seit Jahren. Der 27-Jährige kann auch bei grossen Veranstaltungen mit den Besten mithalten. Jetzt arbeitet der ehemalige Asylbewerber aus Rohr arbeitet an seinem Olympiatraum

Rainer Sommerhalder
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Kadi Nesero – ein Leben für den Laufsport.

Kadi Nesero – ein Leben für den Laufsport.

Foto Wagner

Vor zehn Jahren kam der damalige Wirtschaftsstudent als Asylbewerber in die Schweiz. Er hatte in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gegen die Militärregierung protestiert und wurde danach von der Armee verfolgt. Es blieb nur die Flucht. Vater und Mutter, wie auch das elterliche Bauernhaus in einer Hochebene auf 3000 Metern über Meer musste er hinter sich lassen. Er hat seine Familie seither nie mehr gesehen.

Schönster Sieg in Bremgarten

Von Anfang an wollte er in der Schweiz das machen, was er am besten kann: Rennen! Den ersten Wettkampf musste er aufgeben, weil nach einigen Kilometern ohne Laufschuhe die Füsse zu sehr schmerzten. Andere Asylbewerber aus seiner Heimat sowie Menschen aus der Schweizer Laufsportszene wurden auf den kleinen, stets freundlichen jungen Mann aufmerksam, halfen ihm mit Ausrüstung und mit allerlei sonstigen Notwendigkeiten. Er dankte es mit Siegen. Wie viele es sind, weiss er nicht. «Ich führe darüber kein Buch. Ich weiss nur, dass es 2013 leider nur einer war – am 31. Dezember am Gippinger Stauseelauf», sagt Kadi Nesero mit leiser Enttäuschung.

Als seinen schönsten Triumph bezeichnet er den Sieg beim Bremgarter Reusslauf vor drei Jahren mit Streckenrekord. Damals startete er noch als Asylbewerber und lebte in der ständigen Angst, von einem Tag auf den andern aus der Schweiz ausgeschafft zu werden. Selbst im Siegerinterview von 2011 kam er auf dieses Thema zu sprechen. Er sei damals immer sehr traurig und sehr gestresst gewesen, sagt er rückblickend.

Erstmals im Leben nach Asien

Inzwischen hat Nesero die vorläufige Niederlassungsbewilligung erhalten. Jetzt kann er sich wieder um seine Träume kümmern und darf auch Rennen im Ausland bestreiten. In Deutschland war er schon, in Frankreich und in Spanien. Morgen nun reist Kadi Nesero an einen Halbmarathon nach Japan, ganz allein und erstmals in seinem Leben. Er sei vom Veranstalter, den er im letzten Jahr bei einem Höhentrainingslager in St. Moritz kennen gelernt hatte, eingeladen worden, sagt er stolz. Nach seiner Rückkehr wartet als nächster Programmpunkt der Bremgarter Reusslauf mit dem Duell gegen Viktor Röthlin.

Mit dem Halbmarathon in Japan will der Äthiopier seinem Traum ein Stück näher kommen: der Teilnahme an Olympischen Spielen im Marathon. «Es ist erst ein Traum», sagt er. Am letztjährigen GP Bern konnte er sich im Ziel mit einem unterhalten, der bei Olympia bereits mehrmals gewonnen hat, mit Landsmann Haile Gebrselassie. «Wir kennen uns schon von der Heimat her. Er wohnt nicht weit von meinen Verwandten entfernt. Haile ist in Äthiopien eine absolute Ikone.»

Kadi Nesero hingegen ist zu Hause ein unerwünschter Mann. Seine Heimat wird mehr und mehr die Schweiz. «Seit ich besser deutsch spreche und die Menschen verstehe, wenn sie mit mir reden, fühle ich mich viel wohler.» Der beste Aargauer Läufer spricht von der Idee, in zwei Jahren Schweizer zu werden. «Wieso nicht für die Schweiz bei Olympischen Spielen starten», sagt er und meint es durchaus ernst. Kadi Nesero verweist auf den aus Eritrea stammenden Tadesse Abraham - auch er ein ehemaliger Asylbewerber - , der den Pass mit dem roten Kreuz diesen Sommer erhalten soll und plant, an der Europameisterschaft nebst Viktor Röthlin als zweiter Medaillenanwärter für die Schweiz an den Start zu gehen.

Als Schweizer zu Olympia

Diesen Weg möchte Kadi Nesero auch bestreiten. Doch zuerst einmal muss er dafür gemäss eigenem Fahrplan einen Halbmarathon unter 62 Minuten laufen, danach sein allererstes Rennen über 42 Kilometer absolvieren und schauen, wie weit sein Potenzial tatsächlich reicht. Er ist als Langstreckenläufer noch jung, hat alle Zeit der Welt. «Ich will mir diese Zeit auch lassen.» Nur wenn ich wirklich dafür bereit bin und eine schnelle Zeit laufen kann, macht ein Marathonstart Sinn.»

Täglich arbeitet der in Rohr wohnende Afrikaner auf das Ziel hin. Apropos Arbeit: Nesero hat in den letzten Jahren erfahren müssen, wie schwierig es für einen wie ihn ist, in der Schweiz Arbeit zu finden. Er würde jeden Job annehmen, sagt er, am liebsten etwas mit Sport. «Vielleicht in einem Sportgeschäft?»

Werbung in eigener Sache

Noch lieber allerdings möchte er seinen Olympia-Traum mit aller Konsequenz, das heisst als Profisportler, verwirklichen. «Kennen Sie Sponsoren, die mich unterstützen könnten? Diese könnten auf meinem Laufshirt Werbung machen. Ich bin ein guter Sportler, der in den letzten Jahren immer besser geworden ist», fragt er beim Interviewtermin mit herzlicher Naivität zurück und betont, dass er ein gutes Investment sei. «Dann müsste ich auch nicht mehr von der Gemeinde leben», sagt dieser kleine, offene und liebenswürdige Mann, der bei Strassenläufen schneller rennt als jeder andere im Kanton Aargau.