Trainer-Debatte
Der Rahmen-Bonus: Deshalb ist der FCA-Trainer trotz der klar schlechteren Bilanz als Vorgänger Jurendic noch im Amt

Die These lautet: Marinko Jurendic wäre mit der Bilanz von Rahmen längst entlassen worden. Letzterer aber hat weiterhin das Vertrauen von Sportchef Sandro Burki und vom Klubpräsidium. Warum?

Sebastian Wendel
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Patrick Rahmen: Wie lange kann er sich noch als FCA-Trainer halten?

Patrick Rahmen: Wie lange kann er sich noch als FCA-Trainer halten?

Pascal Muller/freshfocus

Die Bilanz von Marinko Jurendic nach elf Spielen in der Saison 2017/18: drei Siege, drei Remis, fünf Niederlagen. Die zwölf Punkte ergeben damals in der Tabelle den sechsten Rang.

Die Bilanz von Patrick Rahmen nach elf Spielen in der Saison 2018/19: ein Sieg, ein Remis, neun Niederlagen. Mit vier Punkten liegt der FC Aarau abgeschlagen am Tabellenende. Auch bei zwei Siegen aus den nächsten Spielen gegen Wil und Chiasso wäre Aarau noch Letzter.

Die These lautet: Marinko Jurendic wäre mit der Bilanz von Rahmen längst entlassen worden. Letzterer aber hat weiterhin das Vertrauen von Sportchef Sandro Burki und vom Klubpräsidium. Warum?

Jurendic hat die Kabine verloren

Marinko Jurendic war als Trainer ein Neuling im Profigeschäft. Er meinte, beim FC Aarau genau gleich arbeiten zu können wie in den drei Jahren zuvor beim Amateurklub SC Kriens. Als ehemaliger Ausbildner beim Schweizerischen Fussballverband vertraute Jurendic darauf, was in den Lehrbüchern stand. Und nicht auf sein Bauchgefühl.

Kein Sieg in sechs Ligaspielen, dazu das blamable Cup-Out gegen das unterklassige Echallens: Der FC Aarau kam auch vor einem Jahr schlecht aus den Startlöchern. Die Erkenntnis, dass sein Fleiss nicht fruchtet, machte Jurendic zunehmend unsicher. Er beging Fehler. Der grösste bestand darin, teils miserable Darbietungen nicht nur gegen aussen schönzureden, sondern auch intern die Spieler dafür zu loben: Die einen verstanden die Welt nicht mehr, die anderen suhlten sich in der Komfortzone.

Als der FC Aarau nach einem kurzen Zwischenhoch im Herbst wieder ins alte Fahrwasser geriet, war Jurendics Schicksal besiegelt. Er verlor die Kabine, wie es im Fussball-Jargon heisst, und das bedeutet: Der Grossteil der Mannschaft glaubte nicht mehr an die Methoden des Trainers und daran, mit ihm Erfolg zu haben.

Burki steht nicht auf Jurendic

Jurendic hatte zudem das Pech, dass es kurz nach seinem Amtsantritt zum Wechsel im Sportchef-Büro kam. Raimondo Ponte, der Jurendic holte und als «grösstes Trainertalent der Schweiz» ankündigte, musste Sandro Burki weichen. Dieser stand schon in den wenigen Wochen, in denen er ihn noch als Spieler erlebte, nicht auf Jurendic und dessen pedantische Art.

Burki hätte sich am liebsten schon in der Winterpause von Jurendic getrennt. Doch Präsident Alfred Schmid und Vizepräsident Roger Geissberger überstimmten den Sportchef und forderten ihn dazu auf, mit Jurendic weiterzuarbeiten. Erst als auch in der Rückrunde die spielerische Entwicklung ausblieb, hatten die Bosse ein Einsehen und erfüllten Burkis Wunsch. Nach sieben Siegen, sechs Unentschieden und zwölf Niederlagen musste Jurendic am 21. März 2018 gehen.

Burki und der Vergleich mit Streller

Ob Patrick Rahmen wie sein Vorgänger am 25. Spieltag noch im Amt ist? Die Chance dazu besteht weiterhin. Weil Rahmen intern viel besser dasteht als in der vergangenen Saison Marinko Jurendic.

Die Führungsspieler stehen hinter Rahmen. Captain Elsad Zverotic sagte kürzlich: «Wir Spieler sind schuld. Den Trainer zu entlassen, wäre ein grosser Fehler.» Ähnlich tönt es von Sturm-Veteran Stefan Maierhofer: «Der Trainer stellt uns Woche für Woche hervorragend ein. Wir Spieler müssen uns endlich den Arsch aufreissen.» Dass das nicht nur Worthülsen sind, beweist dies: Wegen der Unzulänglichkeiten einzelner Spieler war zwar jede Niederlage verdient. Doch gerade in den letzten Partien gegen Vaduz, Winterthur und Servette wäre ein FCA-Sieg alles andere als gestohlen gewesen. Die Mannschaft spielt nicht wie in der vergangenen Saison gegen den Trainer, sie scheitert am eigenen Unvermögen.

Höhere Hemmschwelle

Rahmen profitiert zudem davon, dass Sandro Burki ihn geholt hat. Die Hemmschwelle des Sportchefs, seinen Trainer zu entlassen, ist um ein Vielfaches höher als bei Jurendic. Zwar kommt Burki bei anhaltender Talfahrt irgendwann nicht mehr um die Entlassung von Rahmen herum. Doch in dem Moment gerät er ins Kreuzfeuer der Kritik: So wie sein Berufskollege Marco Streller in Basel, an dem sie die FCB-Krise aufhängen, seit er Raphael Wicky fallenliess.

Nicht zuletzt dank seines starken Charakters hält sich Rahmen im Amt. Trotz Mega-Krise wirkt er jederzeit mehr oder weniger souverän. Er beschönigt gegenüber seinen Vorgesetzten nichts, scheint aber glaubhafte Lösungen präsentieren zu können. Und dass sich das Präsidium in seinem letzten Amtsjahr so lange wie möglich gegen eine kostspielige Trainerentlassung sträubt, versteht sich von selbst. Auch wenn Rahmen trotz Vertrag bis 2020 dank einer Klausel nur bis Ende der laufenden Saison ausbezahlt werden müsste.

Die Spiele gegen Wil und in Chiasso sind wegweisend. Heisst: Bleibt der Abstand zum rettenden Ufer bestehen oder wird er gar grösser, ist der Rahmen-Bonus aufgebraucht.

Alle Aarau-Trainer seit 1981:

Stephan Keller: seit Juli 2020. Wurde vom Assistenten zum Cheftrainer befördert und erreichte mit dem FCA in der ersten Saison Rang 5 in der Challenge League sowie den Cup-Halbfinal.
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Patrick Rahmen: Juli 2018 - Juli 2020 Der Basler führte den FC Aarau in der ersten Saison nach miserablem Start sensationell noch in die Barrage. Dort vergeigte das Team ein 4:0 nach dem Hinspiel gegen Xamax. Gut ein Jahr später wurde Rahmen nach einem 1:4 in Kriens entlassen.
Ton Verkerk: April - Juni 2017: Während acht Spielen stand der Holländer als Interimstrainer an der Seitenlinie.
Stephan Keller: März - April 2017. Einige Spiele interimistischer Cheftrainer, ehe er wegen fehlender Diplome offiziell wieder in die Assistenten-Rolle schlüpfen musste.
Marinko Jurendic: Juni 2017 - März 2018. Der gebürtige Kroate Marinko Jurendic (39) galt in der Szene einst als grosses Trainertalent und stand bei mehreren Profiklubs auf der Liste. Er ging zum FC Aarau, musste nach zehn Monaten und schlechten Resultaten den Stuhl früh wieder räumen.
Marco Schällibaum: Oktober 2015 - Juni 2017. Der 53-jährige Zürcher schaffte es langfristig ebenfalls nicht, die Erwartungen der Klubbosse zu erfüllen. Nach 64 Spielen an der FCA-Seitenlinie erhält er am 6. Juni 2017 die Kündigung – genau zwei Monate, nachdem man seinen Vertrag verlängert hatte.
Livio Bordoli: Juni - Oktober 2015. Nach nur zwölf Punkten nach elf Spielen musste der Tessiner, der vom Super-League-Aufsteiger aus Lugano zum FCA gekommen war, die Segel streichen.
Raimondo Ponte: März - Juni 2015. Raimondo Ponte konnte den Abstieg aus der Super League in den letzten elf Spielen nicht mehr verhindern. Drei Siege und zwei Unentschieden waren zu wenig, um den zweiten Abstieg des FCA zu verhindern. Von September 2015 bis August 2017 war Ponte Sportchef bei den Aargauern.
Sven Christ: Juli 2014 - März 2015. Nachdem er zuvor beim FC Baden erfolgreicher Trainer war, übernahm Sven Christ im Juli 2014 das Zepter beim FC Aarau. Nach sechs Siegen aus 24 Spielen wurde Christ im März 2015 entlassen.
René Weiler: April 2011 - Juni 2014. René Weiler führte den FC Aarau 2013 in seiner Amtszeit aus der Challenge League zurück in die Super League. Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt 2014 wechselte Weiler nach Deutschland zum 1. FC Nürnberg.
Thomas Binggeli: April 2011 Beim 1:1 in Locarno stand Binggeli im April 2014 für ein Spiel als Verantwortlicher an der Seitenlinie.
Ranko Jakovljevic: Juli 2010 - April 2011 Der ehemalige Interimscoach war bei seiner zweiten Amtszeit bei den Aarauern mässig erfolgreich. In 24 Spielen holte der aktuelle Trainer des FC Baden 24 Punkte.
Fredy Strasser: Mai 2010. Er vermochte in den letzten drei Spielen der Saison 09/10 das sinkende Schiff nicht mehr retten und holte nur drei Punkte.
Ranko Jakovljevic: April 2010 - Mai 2010. Mit drei Siegen gestartet, musste der Interimscoach nach dem 4:0 gegen Luzern für die letzten drei Spiele der Saison seinen Posten wieder abgeben.
Martin Andermatt: Oktober 2009 - April 2010. Martin Andermatt ist der Hauptverantwortliche für den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte. In 18 Spielen gelang dem FC Aarau unter seiner Führung nur ein mickriger Sieg.
Jeff Saibene: Juli 2009 - Oktober 2009. Der ehemalige Co-Trainer leitete mit einem schlechten Saisonstart den erstmaligen Abstieg seit 1981 ein. Nur acht Punkte aus zwölf Spielen waren viel zu wenig.
Ryszard Komornicki: Juli 2007 - Juni 2009 Unter dem Polen belegte der FCA zweimal Platz 5 - trotzdem wird der Vertrag mit dem Meisterspieler von 1993 nicht verlängert.
Gilbert Gress: Mai 2007. Gilbert Gress rettete den FC Aarau 2007 in die Relegation und schliesslich vor dem dem Abstieg. Mit zwei Siegen gegen Bellinzona schafften die Aarauer unter ihm den Klassenerhalt.
Ryszard Komornicki: Januar 2007 - Mai 2007. Mit einem Punkteschnitt von nur 0,69/Spiel musste Komornicki nach 16 Spielen schon wieder gehen.
Ruedi Zahner: November 2006 - Dezember 2006 Zahner war für sechs Spiele Interimscoach der Aarauer. Seine Bilanz mit drei Siegen und drei Niederlagen ist ausgeglichen.
Urs Schönenberger: Mai 2006 - Oktober 2006. Nur 15 Punkte aus den ersten 18 Spielen führten zur Trennung zwischen dem FC Aarau und Urs Schönenberger.
Alain Geiger: Dezember 2005 - April 2006. In seiner zweiten Amtzeit beim FC Aarau holt Geiger pro Partie im Schnitt einen Punkt.
Andy Egli: August 2004 - Dezemeber 2005 Nach 55 Partien wird Andy Egli Ende 2005 eine Serie mit fünf Spielen ohne Sieg zum Verhängnis.
Martin Rueda: Januar 2004 - August 2004 Martin Rueda verliert mehr als die Hälfte seiner 22 Spiele mit dem FCA.
Alain Geiger: Juli 2002 - Dezember 2003. In 40 Partien unter Geigers Regie kommt der FCA nicht vom Fleck. Im Winter 2003 muss er gehen.
Rolf Fringer: Mai 2000 - Juni 2002 Der Meistertrainer kehrt für zwei Jahre zu seinem FCA zurück.
Jochen Dries: April 1999 - Mai 2000. Zur Jahrtausendwende leitete Jochen Dries die Geschicke im Brügglifeld.
Fredy Strasser: Oktober 1998 - März 1999. In seiner ersten Amtzeit ist Fredy Strasser interimistisch für vier Monate Trainer des FCA.
Martin Trümpler: Juli 1995 - September 1998. Mit 142 Partien als Cheftrainer der Aarauer schafft es Martin Trümpler in dieser Kategorie auf Rang 3.
Rolf Fringer: Juni 1992 - Juni 1995. 1993 gewinnt der FCA unter Rolf Fringer die Schweizer Meisterschaft.
Roger Wehrli: Juli 1990 - Juni 1992 Zwei Saisons setzte der FCA auf Roger Wehrli, der als Spielertrainer seine aktive Karriere beim FC Aarau ausklingen liess.
Wolfgang Frank: Januar 1989 - Juni 1990. Wolfgang Frank wurde 1990 zum Sportchef der Aarauer befördert.
Werner Mogg: Holte 1988 in zwei Spielen einen Sieg.
Hubert Kostka: Juli 1988 - Dezember 1988 Hubert Kostka war für 30 Spiele Cheftrainer des FCA.
Ottmar Hitzfeld: Juli 1984 - Juni 1988 Die Trainerlegende wurde im ersten Jahr beim FC Aarau Vizemeister und Pokalsieger. Nach 152 Spielen in vier Jahren wechselte der Deutsche 1988 zu GC.
Zvezdan Cebinac: Januar 1983 - Juni 1984 Nach anderthalb Jahren wurde der Vertrag des Serben nicht verlängert. Er starb 2012 im Alter von 72 Jahren.
Paul Fischli und Paul Stehrenberger Juli 1981 - Dezember 1982 Fischli und Stehrenberger (zweite Reihe aussen) hiess das Trainer-Duo in der ersten Saison in der höchsten Schweizer Spielklasse.

Stephan Keller: seit Juli 2020. Wurde vom Assistenten zum Cheftrainer befördert und erreichte mit dem FCA in der ersten Saison Rang 5 in der Challenge League sowie den Cup-Halbfinal.

Martin Meienberger