Da soll noch jemand behaupten, dass das Team Aargau keine Früchte trägt! Mit Olivier Jäckle, Miguel Peralta, Daniele Romano, Mats Hammerich und Marco Thaler zählen gleich fünf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zum Kader des FC Aarau. Schaut man sich das Quintett etwas näher an, wird eines klar: Die fünf sind nicht nur technisch überdurchschnittliche Fussballer, sondern auch höfliche und wohl erzogene junge Männer. Oder, um es mit den Worten von Thaler zu sagen: «Wir sind die ‹nice guys› des FC Aarau.»

Nice guys! Nette Jungs! Das sind sie tatsächlich. Alle fünf! Thaler speziell: Ob Regen oder Sonnenschein – der 22-Jährige aus Wohlen ist stets gut drauf, grüsst immer freundlich und hat meistens ein Lächeln im Gesicht. Aus der Ruhe bringen lässt er sich nie. Nun kann ein sympathisches Auftreten im Leben wirklich nichts schaden. Will sich ein Profi im knallharten Fussballgeschäft allerdings durchsetzen, muss er sich wehren, hin und wieder auch mal die Ellbogen ausfahren oder sogar zu einer Grätsche ansetzen.

Natürlich weiss das Thaler. Schläge unter die Gürtellinie sind allerdings nicht sein Ding. Er ist alles andere als ein rüder Kerl und streckt einem Gegenspieler lieber einmal die Hand entgegen, statt ihn von den Socken zu holen. «Ich muss lernen, böse zu sein», gibt er sich selbstkritisch.

Kann man das lernen? Natürlich! Aber wie? Und von wem? Ganz einfach! Als Spieler des FC Aarau wird Thaler täglich mit dem Bösen konfrontiert. Die Bösen sind die Teamkollegen Stéphane Besle und Juan Pablo Garat. «Böse klingt mir zu negativ», sagt Thaler. «Aber es ist schon richtig, dass ich von Besle und Garat bezüglich Zweikampfverhalten, Härte, Aggressivität und Schlitzohrigkeit einiges lernen kann. Das will ich ja auch. Schliesslich sind Besle und Garat meine Kontrahenten im Kampf um einen der beiden Plätze in der Innenverteidigung.»

Der Konkurrenzkampf spornt Thaler zu Höchstleistungen an. Dass er im Cup in Zollbrück (5:0) und in den vier Spielen dieser Saison stets zur Startformation zählte und beim 2:0-Sieg gegen Servette im Brügglifeld mit einem Kopfball das 1:0 und damit den ersten Treffer im Dress des FC Aarau erzielte, hat sein Selbstbewusstsein zusätzlich gestärkt.

Kommt hinzu, dass Thaler ein dickes Lob von höchster Stelle bekommt. «Marco hat Fortschritte gemacht», sagt Trainer Marco Schällibaum. «Früher schlug er die Bälle in den meisten Fällen einfach nur aus der Gefahrenzone. Jetzt versucht er, Fussball zu spielen. Er hat einen Plan und gelernt, während der Angriffsauslösung saubere Pässe zu schlagen.»

Thaler ist auf dem Weg nach oben. Weil das so ist, hat er sich in der teaminternen Rangliste der Innenverteidiger von Rang drei auf Rang zwei verbessert. Mindestens! Und so zählt Thaler im Heimspiel gegen den FC Schaffhausen zum fünften Mal in Serie zur Startformation und bildet zusammen mit Besle die zentrale Abwehrreihe.

Zeit, sich zu hinterfragen

Für Thaler hängt der Himmel momentan also voller Geigen. Gut zwei Jahre nach dem Debüt in der ersten Mannschaft zu Beginn der Saison 2014/15 hat er einen Lauf. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Anfang dieses Jahres zog sich der Abwehrspieler einen Bruch des linken Mittelfussknochens zu und musste eine sechsmonatige Zwangspause einlegen. Natürlich nervte ihn das lange Nichtstun.

«Ein halbes Jahr ohne Ernsteinsatz ist für einen Berufsfussballer eine ganz bittere Pille», blickt Thaler zurück. Was tun? Ganz einfach! Mentale Stärke und positives Denken waren angesagt. Er nützte die Zeit, um sich Gedanken zu machen und sich selbst zu hinterfragen. «Weil bei meiner Verletzung kein Gegenspieler mit dabei war, fragte ich mich nach den Gründen», fügt er hinzu. «Ich fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht habe und was ich besser machen kann.»

Mal schauen, ob der Aufwärtstrend von Thaler in nächster Zeit weitergehen wird. Sein Vertrag beim FC Aarau dauert noch bis 2018. Den will er auf jeden Fall erfüllen. Früher oder später möchte er aber zurück in die Super League. Über das nötige Rüstzeug verfügt der 1,85 Meter grosse und 82 Kilogramm schwere Modellathlet zweifellos.

Thaler hat es aber nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf: Natürlich hat für ihn nach der Matura im Sommer 2015 die Karriere als Berufsfussballer Priorität. Aber so ganz nebenbei begann er vor einem Jahr auch noch mit einem Jus-Studium. Schliesslich hat Thaler das Glück, dass bei ihm in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist ist.