FC Aarau

Der neue FCA-Assistenztrainer Stephan Keller im Interview: «Vielleicht war ich 15 Jahre zu früh»

Rückkehr nach 13 Jahren: Stephan Keller spielte 2004 für ein halbes Jahr beim FC Aarau.

Rückkehr nach 13 Jahren: Stephan Keller spielte 2004 für ein halbes Jahr beim FC Aarau.

Stephan Keller, Aaraus neuer Assistenztrainer, über kritische Fussballer, Karrierepläne für 7-Jährige und Nachzügler.

Stephan Keller, Anfang der Nullerjahre als Schweizer Abwehrhoffnung gehandelt, ist zurück. Seine Frau und die drei Söhne bleiben vorläufig in Holland. Keller will nun in Aarau seine Karriere als Trainer im Profibereich lancieren – als Assistent von Marinko Jurendic.

War es klar, dass Sie nach der Spielerkarriere Trainer werden?

Stephan Keller: Ja, und zwar relativ früh. Ich habe schon als junger Spieler mit Trainern diskutiert, hatte Ideen und kontroverse Meinungen, welche ich dem Trainer gegenüber auch offen mitteilte. Es ist deshalb fair, dass ich es jetzt selber versuche. Kritisieren kann jeder, entscheidend ist aber: Was mache ich besser?

Was wollen Sie besser machen als Ihre Trainer?

Ich habe von fast allen meinen Trainern viel gelernt. Es sind kleine Dinge, im Umgang miteinander und in der Spielidee. 22  Spieler in eine Richtung zu bringen, erfordert enorm viel von einem Trainer.

«Wer aufhört, selber zu lernen, ist nicht qualifiziert, anderen etwas beizubringen.»

Stephan Keller:

«Wer aufhört, selber zu lernen, ist nicht qualifiziert, anderen etwas beizubringen.»

Was ist die wichtigste Eigenschaft, um ein guter Trainer zu sein?

Er sollte Ahnung von Fussball haben. Wobei dies nicht zwingend heissen muss, dass ein guter Trainer auf hohem Niveau gespielt haben muss. Es geht darum, sich in das Spiel zu vertiefen und ständig lernbereit zu sein. Wer aufhört, selber zu lernen, ist nicht qualifiziert, anderen etwas beizubringen.

Die Hierarchie zwischen Trainer und Spieler ist flacher als früher.

Natürlich. Die Spieler sind mündiger, ein Trainer muss eine Anweisung begründen können, sonst stösst er auf taube Ohren. In der Schweiz ist diese Entwicklung aber noch weniger ausgeprägt als etwa in Holland: Dort muss man schon einem 16-Jährigen für alles Argumente liefern. In Aarau habe ich bislang eine Gruppe kennen gelernt, die gerne mitdenkt, aber unsere Vorgaben und Ideen akzeptiert und dem Trainerteam vertraut.

Als Spieler haben Sie sich vor allem über Trainer geärgert, die ihre Entscheidungen nicht begründen konnten. Waren Sie damals der Einzige, der sich gewehrt hat?

Vielleicht war ich 10 bis 15 Jahre zu früh Fussballer. Eigenschaften, die mir damals als negativ angelastet wurden, sind bei den heutigen Profis gefragt. Aber egal, welchen Weg ein Trainer wählt, am Ende glaube ich, dass jeder auf seine Art ein Ziel verfolgt: Er steht morgens auf, um mit seinem Verein Erfolg zu haben.

Bei GC ausgebildet, spielte Stephan Keller (r.)  später für Xamax, Kriens, Zürich, Aarau, Erfurt, Waalwijk, De Grafschaap, Sydney und Willem II Tilburg.

Bei GC ausgebildet, spielte Stephan Keller (r.) später für Xamax, Kriens, Zürich, Aarau, Erfurt, Waalwijk, De Grafschaap, Sydney und Willem II Tilburg.

Wären Sie unter den heutigen Voraussetzungen gerne nochmals Profi?

Der Fussball ist ein massives Geschäft geworden, das sich auch im Jugendbereich ausbreitet. Meine Mutter hat mich als Bub in den Hardturm gebracht, weil sie nicht wusste, wie ich sonst meine Energie ausleben sollte. Heute melden sich Scouts bei D-Junioren-Spielen an, und es werden Karrierepläne für 7-Jährige gemacht. Schon die Zehnjährigen werden auf Herz und Nieren geprüft. Ob das mehr Spass macht als in meiner Zeit – ich weiss nicht. Ich hatte meine Zeit. Auch wenn nicht die ganz grossen Klubs in meinem Lebenslauf stehen und vielleicht mehr dringelegen wäre, kann ich auf über 400 Spiele zurückblicken.

2012 haben Sie Ihre Karriere bei Willem II Tilburg beendet. Was haben Sie in den letzten fünf Jahren gemacht?

Ich wollte ein Sabbatical nehmen, nach drei Monaten begann ich mich aber zu langweilen. Ich brachte meine Söhne zum Golfen, zum Fussball und in die Schule. Und weil ich Zeit hatte, wurde ich von verschiedenen Vereinen angefragt, ob ich im Vorstand mitmachen wolle. Als Vielgereister sei ich eine Bereicherung. Im Spätsommer 2012 fragte ich einen Bekannten beim PSV Eindhoven, ob ich vorbeischauen dürfe. So begann meine Trainerlaufbahn.

Wie ging es weiter?

PSV will Trainer, die schon als Spieler für den Verein aktiv waren. Also ging ich zu NAC Breda und coachte vier Jahre lang die U16 und die U17. Daneben habe ich mit meiner Frau und meinem Schwiegervater ein kleines Unternehmen gegründet.

Welche Branche?

Wir importieren Spirituosen wie den mexikanischen Tequila Padre Azul, den deutschen Siegfried Gin und holländische Craft-Biere in die Schweiz. In jeder Bar mit einer guten Getränkekarte sollten wir vertreten sein. (lacht)

Warum haben Sie sich mit der Familie in Holland niedergelassen und nicht in der Schweiz?

Wir könnten glatt als Holländer durchgehen, nur zwei Dinge haben wir nicht übernommen: Wir feiern Samichlaus nicht wie die Holländer am 5. Dezember und wir streuen keine Schokostreusel aufs Butterbrot. Die Kinder sind mehrheitlich in Holland aufgewachsen. Das Schulsystem mit wenigen Hausaufgaben, damit die Kinder den Freizeitaktivitäten nachgehen können, ist ein grosser Pluspunkt. Meine Frau hat gesagt: Nutz die Chance in der Schweiz, aber wir bleiben im Moment noch hier.

Sind die Holländer liberaler als die Schweizer?

Das ist teilweise so, aber der Rest ist gutes Marketing. Es gibt viele aufgeschlossene, innovative Menschen in Holland, die Ideen haben und sich trauen, diese schnell umsetzen. Bei jedem Blick hinter den Vorhang wird aber deutlich, dass es auch viele sehr konservative Mitbürger gibt. Durch die sehr direkte Art im Umgang miteinander werden in Holland oft Dinge ausgesprochen, die in anderen Ländern niemals durchgehen würden. Dies passiert in der Politik, im Sport, aber auch in der Wirtschaft. Und wie alle West-Europäer können die Holländer auf hohem Niveau klagen und jammern, mindestens ebenso gut wie die Schweizer.

Wie hat sich die Schweiz seit Ihrem Weggang 2004 verändert?

Das Leben ist nochmals teurer geworden. Während meiner 13-jährigen Abwesenheit schwappte die deutsche Einwanderungswelle in die Schweiz – heute spricht, gefühlt, jeder zweite Hochdeutsch. Und es wurden enorm viele Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Ist Zürich noch «Ihre» Stadt?

Das wird Zürich immer irgendwie bleiben. Ich kenne mich immer noch sehr gut aus, könnte Touristen problemlos die schönsten Plätze zeigen. Aber Waalwijk, wo meine Familie lebt, ist auch meine Stadt. Sydney, wo wir zwei Jahre waren, ebenso. Auch Erfurt, meine erste Auslandstation, ist meine Stadt. Wir haben uns überall sehr schnell zurechtgefunden und feine Menschen kennen gelernt. Ich hoffe, auch Aarau wird «meine» Stadt.

Wollten Sie auch die Chance nutzen, dank dem Fussball die Welt zu sehen?

Das trifft es gut! Ich wollte als junger Mensch immer ins Ausland, die Welt sehen. Als mein Agent 2009 von der Option Australien erzählte, zögerte ich nicht lange, flog hin, um alles anzuschauen.

Ihre Familie musste viel opfern, damit Sie Ihren Traum leben konnten.

Wir haben aber genauso viel zurückbekommen. Wir sind eine glückliche Familie. Seit bald 18 Jahren bin ich verheiratet und habe mit einer fantastischen Frau drei tolle Söhne. Die älteren sind 15 und 12, der jüngste ist 3.

Ein geplanter Nachzügler?

Ja, meine Frau fand, wir seien noch nicht komplett.

Sie fühlen sich heimisch in Holland. Warum sind Sie nun doch in die Schweiz zurückgekehrt?

Im vergangenen Herbst war das unvorstellbar. Im Februar habe ich bei Boris Smiljanic in der U21 von GC reingeschaut. Am Ende fragte er mich, ob ich zu GC kommen wolle, sie bräuchten im Nachwuchs noch einen Trainer. Das hat sich dann zerschlagen, aber ich konnte mir plötzlich vorstellen, wieder in der Schweiz zu arbeiten. Danach gab es einen kurzen Flirt mit dem Schweizer Fussballverband, und so kam ich mit Marinko (FCA-Chefcoach Marinko Jurendic; die Red.) in Kontakt. Auch mit dem FC Zürich hatte ich ein interessantes Gespräch über eine Rolle im Nachwuchs.

Warum passen Sie und Jurendic zusammen?

Wir haben einige längere Gespräche geführt und dabei festgestellt, dass wir den Fussball ziemlich gleich sehen.

Ein Beispiel?

Wir sind der Überzeugung, dass auch der beste Individualist nur mit einem guten Team im Rücken funktioniert. Der Teamgedanke steht über allem und muss aufgebaut, gelebt und beschützt werden. Wir wollen sportliche Strukturen schaffen und noch mehr professionalisieren, weil wir überzeugt sind, dass es das braucht, um den FCA nachhaltig vorwärtszubringen. Dabei scheuen wir uns nicht davor, neue Reize zu setzen. Altbewährtes ist gut, aber es braucht auch Platz für Innovation.

Jetzt sind Sie Assistent – peilen Sie den Posten eines Cheftrainers an?

Dafür brauche ich die Uefa-Pro-Lizenz. Diplome sind viel Arbeit und haben mich, ehrlich gesagt, in meiner Kreativität belastet. Man erhält viele gute Ratschläge während eines Trainerkurses. Das Wichtigste ist aber: Man darf seine eigene Vision nicht verlieren. Ich will mich an der Seite von Marinko beim FC Aarau weiterentwickeln. Wenn ich in dieser Zeit ein besserer Trainer werde, wird die Uefa-Pro-Lizenz eine logische Konsequenz sein.

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