FC Aarau
Der Hundeflüsterer Fabian Stoller hat ein grosses Herz

Aaraus Mittelfeldspieler Fabian Stoller hat einen schweren Stand. Nach Engagements in Israel, Griechenland und Zypern zog es den Berner Oberländer wieder in die Schweiz zum FC Aarau. Dort wartet der 27-Jährige geduldig auf sein Debüt.

Dean Fuss
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«Hier kann ich abschalten und nachdenken»: Fabian Stoller beim Spaziergang mit seinen beiden Rüden Lio (r.) und Nino im Aarschächli in Rohr.

«Hier kann ich abschalten und nachdenken»: Fabian Stoller beim Spaziergang mit seinen beiden Rüden Lio (r.) und Nino im Aarschächli in Rohr.

Mario Heller

Es ist kalt an diesem Mittag. Die durch die Baumkronen schielende Sonne vermag nur ein wenig zu wärmen. Davon lässt sich der junge Mann, der mit seinen beiden Hunden im Aarschächli spaziert, nicht abschrecken. Fabian Stoller ist ein häufiger Gast im Wald in der Nähe seiner Wohnung in Rohr. Der Mittelfeldspieler des FC Aarau verbringt viel seiner trainingsfreien Zeit mit seinen beiden vierbeinigen Lieblingen Lio und Nino im Freien. «Hier kann ich abschalten und nachdenken. Das ist ein guter Ausgleich», sagt Stoller.

Der 27-Jährige ist ein geduldiger Mensch. Das gilt sowohl für den herzlichen Umgang mit seinen Hunden als auch für das professionelle Handling seiner Situation beim FC Aarau. Und diese gestaltet sich eigentlich seit seiner Ankunft im Brügglifeld schwierig. Sehr schwierig sogar.

Einsatzlos im FCA-Dress

Keinen einzigen Ernstkampf durfte Stoller bisher für den FCA bestreiten. Kaum hatte die Saison begonnen, zog er sich Ende Juli einen Sehnenanriss in der Ferse zu. Erstmals in seiner Karriere fiel er verletzt aus, und das gleich für zwei Monate. Zuletzt stand er nicht einmal mehr im 18-Mann-Aufgebot von Trainer Marco Schällibaum.

Für Stoller sind schwierige Umstände allerdings kein Novum. Immer wieder geriet er im Laufe seiner Karriere in Sackgassen. Im vergangenen Sommer war Stoller in die Schweiz zurückgekehrt. Während viereinhalb Jahren hatte er vor seinem Transfer zum FCA in den für hiesige Legionäre eher exotisch anmutenden Ligen Israels, Griechenlands und Zyperns gespielt.

Doch der Reihe nach: Nach seiner Juniorenzeit beim FC Thun heuerte der gebürtige Berner Oberländer im Sommer 2008 beim FC Locarno in der Challenge League an. Zu diesem Zeitpunkt sah er in Thun keine Perspektive für seine persönliche Weiterentwicklung mehr, nachdem er noch drei Jahre zuvor bereits als 17-Jähriger zu vier Super-League-Einsätzen gekommen war. Im Tessin hingegen reifte Stoller schnell zum Stammspieler, kam fast in jeder Partie über die volle Distanz zum Einsatz.

Blindflug ins Auslandabenteuer

Nach zwei Jahren kehrte Stoller nach Thun zurück, wo er erneut zu keinem Einsatz im Fanionteam kam. Ende des Jahres 2010 schliesslich entschied sich der damals 22-Jährige für ein Abenteuer im Ausland. «Ich wollte etwas Neues erleben», sagt Stoller. Er zeigte seinem neuen Spielervermittler Mattia Galli die Situation auf. Dieser versprach, sich auf dem Markt umzusehen.

Bald schon erhielt Stoller von seinem Agenten einen Anruf, dass er ihm seinen Pass und weitere Unterlagen zusenden solle. «Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wo es hingehen sollte. Ein paar Tage später sass ich bereits im Flugzeug nach Tel Aviv. Ich hatte nur das Nötigste im Gepäck mit dabei», erinnert sich Stoller.

Er unterschrieb bei Hapoel Petah Tikva und absolvierte gleich zwei Meisterschaftspartien. Erst danach flog er nochmals zurück in die Schweiz, um sein restliches Gepäck nach Israel zu holen. Mit Stoller schaffte Petah Tikva den Ligaerhalt, startete aber wegen Lizenzvergehen in der folgenden Saison mit minus neun Punkten und stieg ab.

Isreal als Zwischendestination

Stoller wechselte deshalb nach anderthalb Jahren zum Ligakonkurrenten Hapoel Haifa – trotz anderen massiv lukrativeren Angeboten. «Vielleicht hätte ich karrieretechnisch anders entscheiden sollen, aber ich habe mich auf mein Gefühl verlassen.»

In Haifa wurde er nicht glücklich. Zwar hätte der Trainer auf ihn gesetzt, doch wurde dies durch die auf Eigengewächse fokussierte Klubpolitik verhindert. Nach sechs Monaten sah sich Stoller zum nächsten Wechsel gezwungen: Mittlerweile 25-jährig, nahm er das Angebot des griechischen Klubs Platanias Chania an. Schweren Herzens verliess er Israel – das Land, von dessen hoher Lebensqualität er trotz der fast schon alltäglichen Raketen-Warnsirenen noch heute schwärmt.

Überlebenskampf am Mittelmeer

Von der griechischen Super League erhoffte sich Stoller einiges: «Ich dachte, dass mir dieses Engagement einige Türen öffnen könnte.» Doch es kam anders: Nach gutem Start geriet Stoller nach einem Trainerwechsel auf die neue Saison hin auch bei Platanias aufs Abstellgleis. Er wurde unter Vorwänden ins Einzeltraining verbannt, sah erneut nur noch einen Wechsel als Ausweg.

Im Winter 2013/14 reiste er zurück in die Schweiz, trainierte ein paar Wochen alleine. Einen neuen Vertrag erhielt er bei Ethnikos Achnas in Zypern. Hier kam Stoller zwar viel zum Spielen, doch stimmte einiges neben dem Feld nicht: Versprochene Prämien wurden nie ausbezahlt und der Lohn liess oft auf sich warten – noch heute wartet Stoller auf sein Geld. «Ich kam mir manchmal vor, als würde ich ums Überleben kämpfen», sagt Stoller.

Trotzdem bereut er keines seiner Engagements im Ausland. «Diese Erfahrungen haben mich weitergebracht. Ich möchte nichts davon missen.» Und davon profitiert er auch in der aktuellen Situation: «Ich gebe in jedem Training Vollgas. Ich bin heiss auf meine ersten Minuten im FCA-Dress.»

Den Hund von der Strasse geholt

Stoller könnte mit den Geschichten aus seinem noch jungen Leben ein von der ersten bis zur letzten Seite spannendes Buch problemlos füllen. Klar, dass er auch auf nicht ganz üblichem Weg zu seinen beiden Hunden gekommen ist: Boxer-Mischling Lio stammt aus einem SOS-Hundezentrum in Israel, den kretischen Jagdhund-Mischling Nino hat er in Griechenland auf der Strasse eingesammelt. «Er war dreckig und hat stark gerochen. Nach dem Training habe ich ihn zu Hause gewaschen und aufgepäppelt», erinnert sich Stoller.

Als sich auf seine Aushänge jemand meldete, der den Hund aufgenommen hätte, wollte ihn Stoller doch nicht mehr hergeben: «Ich hatte plötzlich ein komisches Gefühl dabei und brachte es nicht übers Herz, ihn ziehen zu lassen.»

Die Vierbeiner als Einsamkeitsdämpfer

So hat er nun zwei Rüden, die ihn nach jedem Training voller Freude zu Hause begrüssen. «Das gibt mir sehr viel.» Lio und Nino verhindern auch, dass sich Stoller in Aarau einsam fühlt. Denn seine Verlobte und deren Sohn wohnen in der gemeinsamen Wohnung in Tafers.

Die Hunde erinnern ihn auch jederzeit an seine Stationen im Ausland: Mit Lio spricht Stoller Hebräisch, mit Nino Griechisch. «Aber bei Nino könnte ich mir die Kommandos fast schon sparen. Er hört nicht wirklich auf mich und macht mehrheitlich, was er will», sagt Stoller und lächelt dabei nachsichtig. Seine Geduld hilft ihm nicht nur beim FCA, sondern auch bei den täglichen Spaziergängen im Aarschächli.