Wenige Tage sind vergangen, seit es jeder erfahren hat: Beau Kägi tritt vom Handball-Spitzensport zurück – im Alter von gerade einmal 25 Jahren. Sein Körper hat ihn dazu gezwungen, sich ernsthafte Gedanken über seine Zukunft zu machen – und das hat der gebürtige Zürcher in den vergangenen Wochen und Monaten getan.

Es ist Mitte September, als Kägi vom Schicksal hart getroffen wird. Er zieht sich einen Kreuzbandriss zu. Den zweiten innert nur anderthalb Jahren. Erneut passiert es im Training, erneut ohne Fremdeinwirkung, erneut trifft es das rechte Knie – ein Déjà-vu. Drei Tage später sagt ein niedergeschlagen wirkender Kägi am Rande einer Partie seines HSC gegenüber der «AZ»: «Es war und ist wie in einem schlechten Film.»

Das Signal des Körpers

Viereinhalb Monate und unzählige Gedankengänge später wirkt Kägi in diesen Tagen sehr gefasst. Er scheint im Reinen mit sich selbst zu sein. Wenn er über die Verletzung und die für ihn schwerwiegenden Folgen spricht, schwingt kein Groll mit. «Es hat einfach nicht mehr sollen sein. Vielleicht wollte mir mein Körper sagen, dass es jetzt an der Zeit ist, das Kapitel Handball abzuschliessen», sagt Kägi.

Die Möglichkeit eines Rücktritts taucht schnell ein erstes Mal in seinen Gedanken auf. «Ich habe das nicht so gewollt, mir meine Karriere anders vorgestellt, aber was sollte ich tun?» Um einen endgültigen Entscheid zu fällen, nimmt er sich lange Zeit. Er erstellt eine Liste mit Pro- und Kontra-Argumenten.

Dass er in den vier Jahren seit seinem Wechsel von Stäfa zum HSC Suhr Aarau neben den beiden Kreuzbandrissen auch noch eine schwere Gehirnerschütterung und eine Schulterluxation erlitten hat und deshalb «nur» 44 Partien für die Aargauer bestritten hat, geht dabei nicht vergessen. Gerade die Gesundheit – «Ich will endlich wieder einmal so richtig gesund sein», sagt Kägi – spielt eine wesentliche Rolle. Er vergisst aber auch nicht, dass die Mannschaft zu einer zweiten Familie geworden ist. Alles zusammen führt schliesslich zum Rücktritts-Entscheid.

«Ich wusste nicht, was ich sagen soll»

Doch damit ist es noch längst nicht getan. Nicht nur der Entscheid an sich fiel Kägi schwer, sondern auch dessen Kommunikation. Nach dem Vorstand des HSC informiert er seine Eltern. Am vergangenen Donnerstag sind die Teamkollegen an der Reihe. «Das war schon ein sehr spezieller Moment. Ich wusste nicht, was ich sagen soll.» Das Team nimmt den Rücktritt des Kollegen zur Kenntnis, überrascht ist kaum jemand. «Irgendwie haben sie wohl damit gerechnet. Alle haben Verständnis dafür.»

Kägi ist froh, dass keine Tränen fliessen. «Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, aber ich habe mich gut und lange auf diesen Moment vorbereiten können.» Es hilft ihm, zu wissen, dass er den Teamkollegen auch nach seinem Rücktritt in einer «noch zu bestimmenden Funktion» im Umfeld der ersten Mannschaft erhalten bleiben wird.

Er selber wird den Handball aber künftig ruhen lassen. Stattdessen kann sich Kägi gut vorstellen, nach seiner Genesung regelmässig Tennis oder Squash zu spielen – oder beides. «Als Hobby muss ich mich dann schliesslich nicht mehr auf eine einzelne Sportart konzentrieren», sagt er und lächelt.

Neuer Alltag im Frühsommer

Kägi hat sich seinen Rücktritt reiflich überlegt. Es ist ihm anzumerken, dass er damit zwar (noch) nicht glücklich ist, sich aber langsam mit dem Gedanken anzufreunden beginnt. Vorerst aber gilt seine Konzentration dem HSC und der mit einem überraschenden Sieg gegen die Kadetten aus Schaffhausen gestarteten Finalrunde.

Kägi erfüllt seinen bis Mai laufenden Vertrag und macht den normalen Wiederaufbau in den Teamstrukturen – so, als würde er eine Rückkehr auf die Platte vorbereiten. Der Auftakt ins Leben ohne Handball steht dann im Frühsommer an.