Trauer? Wut? Enttäuschung? Davon keine Spur. Die Stimmung ist gelöst, immer wieder wird gelacht, als wir Lucien Tschachtli und René Meier im Bauch des Stadions Niedermatten zum Gespräch treffen. Ganz eindeutig: Dem Führungsduo des FC Wohlen ist mit der Entscheidung, Ende Saison den Profibetrieb einzustellen, eine Last von den Schultern gefallen. Das Unverständnis über den aufgeblasenen Apparat «Swiss Football League» bleibt zwar. Aber das Wissen, dass die ewigen Zankereien mit Bern ein Ende haben, ist pure Erleichterung. Dass sie bis zuletzt die Fäden selber in der Hand halten und nicht von einem Insolvenzverwalter an die Leine genommen werden, macht das Ganze zusätzlich einfacher. «Wir gehen erhobenen Hauptes. Wir werden bis im Sommer alle Rechnungen begleichen und alle Löhne bezahlen», so Meier.

Hinter der Haupttribüne bereitet sich die Mannschaft auf dem Kunstrasen für die letzten 19 Spiele des FC Wohlen in der Challenge League vor. Der sportliche Ehrgeiz ist weiterhin da, es wird allem Anschein nach fleissig trainiert: Zumindest sportlich soll der Abstieg verhindert werden. Darum verscherble man nun auch nicht einfach so die Spieler, um Geld zu sparen. Tschachtli sagt: «Das sind wir uns, dem Trainerteam und dem harten Kern, der uns seit Jahren unterstützt, schuldig.» Dennoch: Spieler, die wechseln können und wollen, dürfen das auch.

Neben dem Platz aber haben die Abbrucharbeiten begonnen. Das im vergangenen Halbjahr aufgegleiste Projekt, eine neue Flutlichtanlage in der Niedermatten zu errichten, wird abgeblasen. Man müsste, so Meier, zwar nur aufs Knöpfchen drücken, um mit dem Bau zu beginnen. «Die Finanzierung ist grösstenteils sichergestellt». Auch dank der Spendenaktion «Fiat Lux»: Die bereits eingegangene Beiträge à 1000 Franken werden zurückerstattet, alle Gönner sind bereits schriftlich informiert. Auch der FC Aarau, der ebenfalls gespendet hat. «Die brauchen das Geld für das neue Stadion», witzelt Meier.

Die Auflösung der Spielerverträge ist kein Problem: Sie sind alle nur für die Challenge League gültig – das Damoklesschwert «Rückzug aus dem Profifussball» hängt nicht erst seit gestern über dem FC Wohlen. Auf der Geschäftsstelle müssen Kündigungen ausgesprochen werden. Immerhin: Geschäftsführerin Serena Fongione hat bereits eine neue Stelle gefunden, bleibt mit einem Teilpensum aber bis Ende Saison dem FCW erhalten.

Was passiert mit dem Business-Club? Den FCW-Friends? Der Donatorenvereinigung? Der FC Wohlen hat dank seiner Gönnervereine überhaupt 16 Jahre lang in der Challenge League überleben können. Werden sie alle aufgelöst? Das eher nicht, der gesellige Part soll erhalten bleiben. Aber: Die Beiträge an den FC Wohlen werden ziemlich sicher tiefer ausfallen.
Noch unklar ist, ob die FC Wohlen AG im Sommer tatsächlich aufgelöst wird. «Wir entscheiden das nicht. Das macht die neue Führungscrew», sagt Tschachtli und verweist auf Alp Gürsu. Der kürzlich gewählte neue Präsident des Vereins FC Wohlen 1904 ist ebenfalls zum Gespräch erschienen. Er verkörpert die Zukunft.

«Wir haben eine Projektgruppe gebildet und wollen bis Ende März entschieden haben, wie es weitergeht», sagt Gürsu. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Die FC Wohlen AG hat einen Platz in der Promotion League, der Liga unter der Challenge League, zugute. Vorteil dieser Lösung: Auf den Niedermatten würde weiterhin Fussball nahe am Spitzensport geboten und der Klub wäre attraktiv für Junioren. Nachteil: Eine Saison in der Promotion League kostet gemäss Meier «rund eine Million Franken» – fraglich, ob ein solches Budget künftig gestemmt werden kann. Weiterer Nachteil: Die Zuschauerzahlen würden weiter sinken, der FC Wohlen wäre verirrt im Niemandsland.

Wahrscheinlicher ist, dass die AG aufgelöst wird. Die bisherige U23 wäre die neue 1. Mannschaft, der Neustart würde in der 2. Liga interregional stattfinden. Gürsu sagt: «Wir wollen den FC Wohlen wieder zum Dorfklub machen, für den sich die Menschen interessieren. Wir wollen wieder greifbar werden.» Unter diesem Motto würde sogar ein Neustart im Regionalfussball (2. bis 5. Liga) infrage kommen, wo Derbys gegen Nachbardörfer garantiert wären. Gürsu sagt: «Wir sind momentan auf Identitätssuche. Als ich im Herbst Präsident des Vereins wurde, dachte ich nicht, dass diese Aufgabe so schnell auf mich zukommt. Aber ich stelle mich der Verantwortung.»