Analyse zum FC Wohlen
Der FC Wohlen nach der ersten Saisonhälfte: Totgesagte leben länger

Wohlen-Trainer Francesco Gabriele hat den Challenge-Ligisten wiederbelebt. Und das nach solch einem desaströsen Saisonstart. Das Saisonziel sollte nichtsdestotrotz der Nicht-Abstieg bleiben. Eine Analyse von Calvin Stettler über die Hinrunde des FC Wohlen.

Calvin Stettler
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Unter Francesco Gabriele ging es mit Wohlen langsam, aber stetig bergauf.

Unter Francesco Gabriele ging es mit Wohlen langsam, aber stetig bergauf.

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Der Schluss passt ganz gut ins Bild dieser turbulenten Hinrunde: Am Sonntag bezwingt ein furioser FC Wohlen unter den Augen von Investor Monquez al-Yousef Schlusslicht Schaffhausen mit 4:0. Nur 28 Stunden später wird an der Generalversammlung der FC Wohlen AG überraschend bekannt gegeben, dass der saudische Geschäftsmann den Grossteil seines Aktienpakets zurückgibt.

Es ist kein Rückzieher des Saudis, sondern ein Wunsch der Freiämter. Einerseits, weil die Bilanz gemäss Ehrenpräsident René Meier so gut wie noch nie ausschaue. Vor allem aber, weil der FC Wohlen in den letzten Wochen bemerkte, dass er wieder unabhängig sein will, gut schweizerisch eben. Das Ehepaar al-Yousef bleibt jedoch im Verwaltungsrat und auch Minderheitsaktionär.

Joel Kiassumbua: Note 5,5 Im Sommer sagte der 24-Jährige, dass er endlich konstanter werden wolle. Gesagt, getan. Er parierte zuverlässig und war regelmässig ein Lichtblick im Team.
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Davide Giampà: Note 4 Anfang Saison war es unklar, auf welcher Position er am effektivsten ist. Kaum schien die Lösung mit ihm als Innenverteidiger gefunden, verletzte er sich.
Sead Hajrovic: Note 4,5 Blieb zu Beginn unter den Erwartungen, steigerte sich aber sukzessive. Mittlerweile ist er das, was er im Sommer versprach: mehr als ein Mitspieler.
Olivier Kleiner: Note 3,5 Als er letzten Winter nach Wohlen kam, bezeichnete man ihn als Sofortgewinn. Diese Saison ist bisher aber unbefriedigend, weil er kaum zum Zug kommt.
Noah Loosli: Note 5 Während Rueda noch über den 19-Jährigen hinwegsah, setzte Gabriele konsequent auf ihn. Loosli revanchierte sich mit überraschend starken Darbietungen.
Nils von Niederhäusern: Note 4 Wurde mitten in der Saison verpflichtet und auf der rechten Seite sogleich integriert. In jedem Spiel engagiert, zuweilen aber noch etwas übermütig.
Yannick Schmid: Note 4,5 Hatte keinen einfachen Start. Dann stand ihm GC-Leihgabe Loosli vor der Sonne. Wegen dessen Verletzung spielte er zuletzt wieder häufiger – und überzeugte.
Florian Stahel: Note 4,5 Die Rechnung, dass er dem jungen Team von Beginn weg helfen kann, ging nicht auf. Nach anfänglicher Verunsicherung ist er nun aber der erhoffte Abwehrchef.
Alain Schultz: Note 5,5 Dreh- und Angelpunkt in der Wohler Offensive und ein vorbildlicher Leader. Der 33-Jährige geht auch in der spätsommerlichen Krise mit gutem Beispiel voran.
Nico Abegglen: Note 3 Bleibt klar unter den Erwartungen. Wird selten eingesetzt und wenn er doch einmal eine Chance erhält, dann kann er zu selten auf sich aufmerksam machen.
Marko Bicvic: Note 5 Kam im September und integrierte sich problemlos. Funktioniert als Bindeglied zwischen Abwehr und Offensive. Muss vorne aber noch einflussreicher werden.
Miguel Castroman: Note 4,5 Spielte unter Rueda auf dem Flügel, doch im Zentrum, wo ihn Gabriele aufstellt, ist er effektiver. Fällt aber sowohl durch Traum- als auch Fehlpässe auf.
Sandro Foschini: Note 3,5 Kam im Sommer mit dem Selbstverständnis, ein Stammspieler zu sein. Muss aber meist mit der Rolle des Jokers vorliebnehmen. Eine unbefriedigende Situation.
Janick Kamber: Note 4,5 Benötigte einige Zeit, um sich vollends entfalten zu können. Gegen Ende der Hinrunde wird der agile Flügelspieler zu einer Schlüsselfigur in der Offensive.
Marko Muslin: Note 4,5 Die Umfunktionierung vom Innenverteidiger zum offensiven Mittelfeldspieler wirkte erst etwas seltsam. Doch mittlerweile findet er sich ganz gut zurecht.
Marko Dangubic: Note 4 Ein ansprechender Start in die Saison. Dann folgen wirkungslose Wochen. Setzt mit seinem Doppelpack vor der Winterpause ein Ausrufezeichen.
Augusto Lotti: Note 3 Eine ungenügende Hinrunde. Nutzt seine Chancen, die er vom Trainer und vor den gegnerischen Toren bekommt, nicht. Deshalb meist in der Reservistenrolle.
Janko Pacar: Note 4,5 Benötigte acht Spiele Zeit zur Akklimatisierung, dann kam er auf Touren, traf plötzlich. Ein entscheidendes Puzzlestück auf dem Weg aus dem Tabellenkeller.
Flamur Tahiraj: ohne Note zu wenig Einsatzzeit
Muhamed Seferi: ohne Note zu wenig Einsatzzeit
Ronny Minkwitz: ohne Note zu wenig Einsatzzeit
Kilian Pagliuca: ohne Note zu wenig Einsatzzeit
Marvin Graf: ohne Note keine Einsatzzeit
Dominik Stutzer: ohne Note keine Einsatzzeit

Joel Kiassumbua: Note 5,5 Im Sommer sagte der 24-Jährige, dass er endlich konstanter werden wolle. Gesagt, getan. Er parierte zuverlässig und war regelmässig ein Lichtblick im Team.

Zur Verfügung gestellt

Die unerwartete Botschaft aus dem Freiamt gründet auf der Sehnsucht nach Identifikation. Mit al-Yousef als Mäzen fand der Klub eine Lösung, die vor allem für die Bilanz angenehm war, nicht aber für das Umfeld. Da waren diese Zweifel, diese Angst vor Fremdbestimmung.

Und das, obwohl sich al-Yousef von Beginn weg nicht ins operative Geschäft einmischte und man dank ihm plötzlich Namen wie Florian Stahel oder Sead Hajrovic ins Freiamt lotsen konnte. Die mit den Transfers verbundene Hoffnung, sich früh vom Tabellenkeller distanzieren zu können, war im Sommer gross. Sie wich bald der Ernüchterung.

Vom Risikoprojekt zum Erfolgsarchitekten

Nach ordentlichem Start verlor der FC Wohlen plötzlich Spiel um Spiel. Die Verteidigung, die eigentlich als Grundstein für den Erfolg angedacht war, verkam zur grössten Baustelle. Dazu kam, dass Trainer Martin Rueda das sinkende Schiff über Nacht auch noch in Richtung Wil verliess. Für ihn kam der Italiener Francesco Gabriele ins Freiamt.

Weder war er der absolute Wunschkandidat noch stimmte dessen Vita positiv. Auf den ersten Blick schien die Installierung des 39-Jährigen nur eines – ein Risikoprojekt. Die Bedenken akzentuierten sich kurz nach Gabrieles Amtsantritt: Es gab haushohe Pleiten gegen Genf und Aarau. Der FC Wohlen, längst Letzter in der Liga, wurde für tot erklärt.

Umso erstaunlicher ist, dass drei Monate später der Kontrast nicht grösser sein könnte. Nach dem letzten Spiel der Hinrunde gegen Schaffhausen hat der FC Wohlen plötzlich so viel Vorsprung auf den Tabellenletzten wie noch nie in dieser ersten Saisonhälfte.

Neun Punkte sind es bereits. Ein angenehmes Polster und die Erkenntnis, dass Totgesagte eben doch länger leben. Es ist die Zusammenfassung erstaunlicher Wochen im Freiamt. Gabriele, der die Aargauer nach sieben Spieltagen mit läppischen vier Punkten übernommen hat, gelang die Wiederbelebung der Mannschaft.

Der Italiener trotzte allen Skeptikern, änderte das System und implementierte den Spielern seine Idee vom temporeichen Konterfussball. Das ideale Konzept für die technisch versierten Wohler, die nur so gegen die robusten Verteidiger in dieser Liga bestehen können. In welch kurzer Zeit Gabriele die löchrigste Verteidigung der Liga zudem in solch ein Bollwerk transformierte, ist beachtlich.

Geht die Rechnung ohne saudische Alimente auf?

22 Punkte haben die Freiämter nun. «14 fehlen uns noch zum Klassenerhalt», sagte Trainer Gabriele nach dem Sieg am Sonntag. Denn 36 Punkte, so betont er immer wieder, sollten unter normalen Umständen reichen. Dass sich in dieser Challenge-League-Saison aber so manches Unerwartetes ereignen kann, hat die Hinrunde bewiesen.

Das Saisonziel muss deshalb der Nicht-Abstieg bleiben. Der eingeschlagene Weg ist positiv. Ob die Rechnung neben dem Platz auch ohne saudische Alimente aufgeht, bleibt abzuwarten. In sportlicher Hinsicht dürfte für die Rückrunde entscheidend sein, ob Gabriele die Reservisten im Team bei Laune halten kann.