Challenge League

Der FC Aarau verliert gegen Winterthur — doch er sendet ein Lebenszeichen aus

Der FC Aarau fährt in Winterthur die sechste Niederlage in Serie ein. Das Resultat sagt zwar etwas anderes, doch die Leistung beim 2:3 in Winterthur war ein Schritt in die richtige Richtung.

Jürgen Wegmann war ein deutscher Fussballer, der weniger als grosser Dribbler, denn als Erfinder eines legendären Zitates in Erinnerung geblieben ist. «Da hat man schon kein Glück und dann kommt noch Pech dazu», sagte Wegmann einst. Ein Satz, aktueller denn je: Er bringt nämlich den Auftritt des FC Aarau in Winterthur auf den Punkt.

Auf der Schützenwiese läuft die 70. Minute. Das Heimteam lanciert einen Angriff, der Ball kommt zu Luca Radice. «Offside», denken alle, sogar einige Spieler von Winterthur bremsen ab. Doch es kommt anders: Der Linienrichter, der zwei Meter neben Radice steht, lässt die Fahne unten. Radice läuft los, passt in die Mitte zu Robin Kamber – 3:2 für Winterthur, gleichzeitig das Endergebnis.

«Schon wieder»

Endgültige Klarheit werden erst die TV-Bilder Anfang kommender Woche bringen. Doch wenn sogar Radice selbst sagt, er sei überrascht gewesen vom Ausbleiben des Pfiffs und mit einem Lächeln anfügt, wohl «ein Müü» im Offside gewesen zu sein, dann scheint die Sache klar.

«Schon wieder», sagt Aarau-Trainer Marco Schällibaum nach dem Schlusspfiff. «Fehler passieren im Fussball. Doch uns trifft momentan jede falsche Entscheidung ins Mark.» Schällibaum ist erstaunlich gelassen – kein Vergleich zum tobenden Aarau-Trainer vor zwei Wochen im Letzigrund: Damals hat er im Auswärtsspiel gegen den FC Zürich einen unberechtigten und einen zweifelhaften Penalty hinnehmen müssen und wie in Winterthur 2:3 verloren.

Die Stimmen zum Spiel:

FC Winterthur - FC Aarau 3:2 (29.04.2017, Stimmen zum Spiel)

Interviews mit Pascal Thrier und mit Cheftrainer Marco Schällibaum

Vielleicht hat Schällibaum nach der erneuten Benachteiligung resigniert. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass die Enttäuschung die Wut im Zaun hält. Denn war der FCA in Zürich nur dank zwei Goaliegeschenken überhaupt zum zwischenzeitlichen 2:2 gekommen, hätte er in Winterthur ein Unentschieden hochverdient gehabt. Anders gesagt: In Zürich war die Niederlage gemessen an der Leistung gerecht, in Winterthur nicht. Die Aarauer haben gute Gründe, sich bestohlen zu fühlen.

Das Messer am Hals

Das Spiel in Winterthur ist Teil 1 der Wiedergutmachungstour nach dem Derby-Debakel gegen Wohlen (0:3). Gleichzeitig geht es um Schällibaums Job: Drei Wochen nach der Vertragsverlängerung hat der Zürcher das Messer bereits am Hals und muss die Trendwende herbeiführen. Wie, ist klar: Schällibaum muss die Spieler wachrütteln, an ihren Stolz appellieren.

Die Frage ist nur: Erreicht Schällibaum die Mannschaft überhaupt noch? Die Anfangsphase auf der Schützenwiese lässt Schlimmes erahnen. Wieder kassiert der FCA ein frühes Gegentor. Bedenklich: Der Treffer ist ein Abbild des 0:1 im Heimspiel vor drei Wochen gegen den gleichen Gegner: Eckball, Kopfball Robin Kamber, Tor. Die Aarauer lassen Winterthur agieren, nehmen die Zweikämpfe nicht einmal an.

Zu neuem Leben erwacht

Das geht so weiter. Bis, ja bis zur 19. Minute, in der Tréand einen Eckball tritt und in der Mitte Rossini zum 1:1 einköpft. Im Nachhinein lässt sich sagen: Dieses Tor hat dem FCA nach Wochen des Leidens neues Leben eingehaucht. Zumindest für die restlichen gut 70 Minuten auf der Schützenwiese. Erst überzeugen die Aarauer kämpferisch, obwohl sie in der 25. Minute das 1:2 durch Silvio kassieren.

Und mit Beginn der zweiten Halbzeit sieht das, was der FCA abliefert, sogar wieder nach einigermassen geordnetem Fussball aus. Das 2:2 durch Ciarrocchi ist verdient, Aarau ist nach der Pause über weite Strecken die bessere Mannschaft. Dies nach fünf Niederlagen in Folge und gegen einen Gegner, der in der Tabelle zwar hinter Aarau steht, aber nun vier Mal in Serie gewonnen hat.

Mitten ins Gesicht

Aber eben: Das Schicksal schlägt in der 70. Minute zu – mitten ins Gesicht der Aarauer. Als wäre das irreguläre 2:3 nicht brutal genug, müssen kurz darauf auch noch Wüthrich und Josipovic verletzt ausgewechselt werden.

Bei Wüthrich deutet viel auf eine Muskelverletzung hin, Josipovic hat nach einem Schlag aufs Hüftgelenk Mühe mit Gehen. Ob das Duo in dieser Saison noch einmal für den FCA aufläuft? Mehr als fraglich.

Anfang der Trendwende?

Die Aarauer sollten sich nun ja nicht zu viel auf die Leistung einbilden. Diese war gemessen an jener gegen Wohlen phasenweise gut. Doch gemessen an den Ansprüchen im Brügglifeld natürlich noch lange nicht gut genug. Und eben: Die nackten Zahlen sind weiterhin verheerend, sechs Mal in Folge verloren hat Aarau zuletzt im Frühling 2010.

Ob das Spiel in Winterthur tatsächlich der Anfang der Trendwende war, werden die kommenden Spiele gegen den FC Zürich (4. Mai) und in Schaffhausen (7. Mai) zeigen. Kehrt der FC Aarau dann wieder in alte Fahrwasser zurück, ist der gefällige Auftritt in Winterthur nichts mehr wert.

Lesen Sie den Spielverlauf im Liveticker von Patrick Haller nach:

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