Analyse
Der FC Aarau im Tief: Die Verdienste und Fehler des Roger Geissberger

Wer ist der Hauptschuldige der sportlichen Krise des FC Aarau mit sechs sieglosen Spielen, nur zwei Punkten und dem Absturz ans Tabellenende der Challenge League? Für rund 40 Hardcore-Fans ist klar: Es ist Roger Geissberger, der bis vor kurzer Zeit zusammen mit dem inzwischen entlassenen Sportchef Raimondo Ponte für die erste Mannschaft verantwortlich war.

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Roger Geissberger (links) zusammen mit FCA-Präsident Alfred Schmid.

Roger Geissberger (links) zusammen mit FCA-Präsident Alfred Schmid.

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Ist Roger Geissberger tatsächlich der Hauptschuldige? Bringen wir Licht ins Dunkel: Der Vizepräsident des FC Aarau hat zweifellos Fehler gemacht, gleichzeitig aber auch grosse Verdienste. Der Reihe nach: Sein grösster Fehler in der jüngsten Vergangenheit war die Vertragsverlängerung mit Trainer Marco Schällibaum im Frühling dieses Jahres, die den FC Aarau total rund 180 000 Franken gekostet hat. Schällibaum fehlten zu diesem Zeitpunkt nicht nur Siege auf, sondern auch die Akzeptanz neben dem Spielfeld. Ein Grossteil des Teams stand nicht mehr hinter Schällibaum und hatte dessen Launen und Wutausbrüche satt.

Im Weiteren hat Geissberger zu lange an Sportchef Raimondo Ponte festgehalten. Ponte hatte zwischen April und Juli vier Monate Zeit, ein schlagkräftiges Team für die Saison 2017/18 zusammenzustellen. Passiert ist wenig. Sehr wenig! Die Verpflichtung von Torhüter Steven Deana war das einzige Highlight. Stürmer Leo Itaperuna galt als Versprechen, konnte die hohen Erwartungen bis jetzt aber nicht erfüllen. Und Michael Siegfried fehlt es an Spielpraxis. Er hatte bis jetzt mehr mit sich als mit den Gegenspielern zu kämpfen.

Deutliche Worte: Für den harten Kern der Aarau-Fans ist klar, wer an der aktuellen Misere schuld ist.

Deutliche Worte: Für den harten Kern der Aarau-Fans ist klar, wer an der aktuellen Misere schuld ist.

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Ponte hat es vor allem verpasst, den gewünschten Spielmacher, die gewünschte Nummer 10, zu finden. Und besonders gravierend: Mit Geoffrey Tréand und Sébastien Wüthrich kehrten ausgerechnet die beiden wertvollsten Spieler dem FC Aarau den Rücken. Und das trotz Vertrag bis Ende Saison 2017/18.

Viel Zeit und Energie für den FC Aarau

Die Führungscrew mit Geissberger, Ponte und Trainer Marinko Jurendic hat die Qualität des Kaders überschätzt. Das Saisonziel mit einem Platz im ersten Drittel, sprich unter den Top 3, war vermessen. Zieht man die Papierform in Betracht, sind Xamax, Schaffhausen, Servette und Vaduz besser als Aarau.

Kritische Anmerkungen an die Adresse von Geissberger sind also berechtigt. Aber das rechtfertigt noch lange nicht, dass der Vizepräsident von den Fans beleidigt und an den Pranger gestellt wird. Geissberger liebt den FC Aarau.

Er hat im vergangenen Jahrzehnt viel Zeit und Energie in den Klub gesteckt. Dass er dabei seinen Emotionen freien Lauf lässt und mit seinen Aussagen hin und wieder übers Ziel hinaus schiesst, ist nun mal so. Er wäre aber gut beraten, sich in nächster Zeit zurückzunehmen und still und leise seiner Arbeit nachzugehen. Frei nach dem Motto: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!

Es braucht frisches Blut und mehr Know-how

Geissberger hat es im vergangenen Jahrzehnt vor allem geschafft, die Finanzen im Gleichgewicht zu halten. Mehr noch. Der FC Aarau hat ein Eigenkapital von 110 Prozent. Das ist vorbildlich. Die Swiss Football League attestiert dem Klub seit vielen Jahren eine gute Führung. Geissberger hat als Unternehmer einen tadellosen Ruf. In der Reisebranche hat er sich national und international einen Namen gemacht. Seine wirtschaftlichen Kontakte halfen dem FC Aarau bei der Beschaffung des Budgets von knapp 6 Millionen Franken.

Geissberger selbst tritt seit Jahren als Grossaktionär und Premiumsponsor in Erscheinung. Er zählt ausserdem zu den knapp 30 Mitgliedern der «white socks», die jährlich je 25 000 Franken bezahlen. Und er unterstützt auch den «Club 100» mit einem jährlichen Beitrag von 6500 Franken.

Und als dem FC Aarau vor sechs Jahren wegen eines Rechtsstreits mit der Zuger Beratungsfirma MTO aufgrund des Verkaufs von Transferrechten an Spielern von 2001 der Konkurs drohte, half Geissberger dem Klub vom Brügglifeld mit einem Darlehen von 250 000 Franken aus der Patsche. Er tat dies, obwohl er beim dubiosen Deal vor 16 Jahren noch nicht in der Führungscrew war.

Zeit für einen Umbruch ist überreif

Der finanzielle Aspekt ist die eine Seite, der sportliche die andere: Sportlich ist beim FC Aarau die Zeit für einen Umbruch reif. Überreif! Um vorwärtszukommen, braucht es junge Kräfte, frisches Blut und mehr Know-how. Mit der Wahl des langjährigen FCA-Captains Sandro Burki zum neuen Sportchef hat man einen ersten Schritt in die richtige Richtung getan. Der bald 32-jährige Burki soll für den Umbruch stehen. Er soll das neue Gesicht des FC Aarau sein.

Und Geissberger? Er sollte sich als Verwaltungsratsmitglied der Aktiengesellschaft des FC Aarau auf seine Kernkompetenz besinnen, seine wirtschaftlichen Kontakte zum Wohl des Klubs spielen lassen und dafür schauen, dass der Finanzhaushalt in den nächsten Jahren im Gleichgewicht bleibt.