Es ist die letzte Frage des Gesprächs: «Wer ist der bessere Fussballer?» Die Antwort kommt von Gil – und sie kommt ohne Zögern: «Er!»

Tim, der daneben sitzt, lächelt nur. Die Antwort auf die Frage behält er für sich. Gil Hemmi war Fussballprofi. Als Gilberlandio Rolim da Silva spielte er für den FC Aarau, danach für Schaffhausen, Concordia Basel, Thun, Wil und Wohlen. Eine Karriere abseits des Scheinwerferlichts. «Aber», wie der ehemalige Stürmer ohne Bedauern sagt, «eine anständige. Ich bin zufrieden». 2007 trat Gil ab von der Profibühne und arbeitet seither als Platzwart im Stadion Brügglifeld.

Hans Peter Latour schreit Gil Hemmi an 2002

«Leged im doch das Libli a!»

Gil Hemmi wird 2002, als er noch bei Thun spielt, gegen Servette eingewechselt. Er bringt seinen sowieso schon temperamentvollen Trainer Hanspeter Latour zum Verzweifeln, weil er sein Trikot nicht schnell anziehen kann. Die legendäre Szene im Video.

Tim Hemmi ist 20 und somit 18 Jahre jünger als Gil. Von klein auf durchlief er beim FC Aarau alle Juniorenstufen, vor wenigen Monaten dann der grosse Moment: FCA-Sportchef Raimondo Ponte lädt Tim ins Trainingslager der ersten Mannschaft ein und gibt dem Offensiv-Allrounder einen Profivertrag bis Ende Saison. Tim, der bislang zu zwei Kurzeinsätzen in Wil (3:0) und gegen Winterthur (2:3) kam, sagt: «Ich bin daran, mich an den Rhythmus und den Alltag als Profi zu gewöhnen. Ich komme körperlich und mental immer besser zurecht.»

Der Nachname, okay. Doch was – ausser dass sie im Sold des FCA stehen – haben Gil und Tim sonst noch gemeinsam? Hier Gil, der braun gebrannte, schmächtige, nicht besonders gross gewachsene Brasilianer mit lockigem Haar. Da Tim, bleiches Gesicht, glatte Haare, breites Kreuz und einen Kopf grösser als sein Gegenüber.

Wer oder was verbindet diese zwei? Die Antwort heisst Seraina, Tims Mutter. Als Tim 4 Jahre alt war, verliebte sich Seraina in einen neuen Mann, in Gil. Das Resultat: Tim bekam einen Stiefvater und in den folgenden Jahren zwei Brüder (Noah und Luiz).

Tim Hemmi unterschrieb vor wenigen Monaten einen Profivertrag bis Ende Saison beim FC Aarau.

Tim Hemmi unterschrieb vor wenigen Monaten einen Profivertrag bis Ende Saison beim FC Aarau.

Gelernt vom Stiefvater

Was für ein Glücksfall für den kleinen Tim! Plötzlich ein Profifussballer als Vater – welcher Bub hätte das nicht gerne! «Meine Kumpels wollten immer, dass ich Gil mitnehme, wenn wir uns zum Fussballspielen trafen. Es war genial, dass Gil dank seines Berufs viel Zeit für mich und meine Brüder hatte.» Und wenn er dann noch Brasilianer ist, umso besser, oder? Schliesslich gilt das Land als grösste Quelle von Fussballtalenten. «Nein, nein», sagt Tim und lacht, «fussballerisch musste mir Gil nicht viel zeigen.

Da haben mir vor allem die Youtube-Filme von Ronaldo, Messi und Neymar geholfen.» Sein Stiefvater habe ihm etwas anderes, etwas ebenso Wichtiges beigebracht: «Ich bin einer, der eher zu viel als zu wenig überlegt. Dank Gil habe ich mehr Mut.» Gil nickt und sagt: «Ein starkes Selbstvertrauen und eine Portion Egoismus sind sehr wichtig im Profifussball. Das Risiko, dass der Ball bei einem Dribbling verloren gehen könnte, muss man auf sich nehmen. Das musste Tim lernen.»

Wir sitzen auf der Tribüne im Brügglifeld, Gils Blick geht über den Platz. Seit zehn Jahren mäht, düngt, wässert und walzt er das «heilige Grün». Das Brügglifeld hat einen wichtigen Platz in seinem Leben. Hier macht Gil seine ersten Schritte als Profi in der Schweiz. 2001 lädt ihn Rolf Fringer zu einer Trainingswoche ein.

Gil (l.) lernt in einem Deutschkurs seine jetzige Ehefrau Seraina kennen – und später lieben.

Gil (l.) lernt in einem Deutschkurs seine jetzige Ehefrau Seraina kennen – und später lieben.

An deren Ende erzielt Gil zwei Tore im Testspiel gegen Baden und darf bleiben. «Ich weiss es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich hätte die ganze Welt umarmen können vor Glück.» Nach einem Jahr und drei Toren in 15 Spielen für den FCA zieht er weiter, bleibt jedoch wohnhaft in der Region. Und lernt in einem Deutschkurs seine jetzige Ehefrau Seraina kennen – und später lieben.

2007 – Gil spielt mittlerweile beim FC Wohlen – fragt ihn der damalige FCA-Sportchef Jürg Widmer, ob er Platz- und Hauswart im Brügglifeld werden wolle. Sicherer Job oder Warten auf das Angebot eines neuen Klubs? Im besten Fussballeralter wählt Gil die sichere Variante – ein ganz und gar nicht brasilianischer Zug, oder? Gil lacht und sagt: «Ich rede und sehe vielleicht aus wie ein Brasilianer. Aber ich ticke wie ein Schweizer, ich bin fleissig und ehrlich. Auch fussballerisch war ich kein Künstler, auf dem Platz war ich ein Arbeiter.»

«Das stimmt», sagt Tim, «aber in mentaler Hinsicht warst du immer mein grosses Vorbild.» Für etwas ist Tim seinem Stiefvater besonders dankbar: «Er hat nie Druck gemacht. Andere Eltern sind strenger zu ihren Kindern. Gil hat immer gesagt: Spiel nur, wenn es dir Spass macht.» Im Vergleich mit anderen Jungprofis, die schon vor der Vertragsunterschrift das Leasing auf den Ferrari aufnehmen, wirkt Tim geerdet und nüchtern.

Einen Eindruck, den er mit folgender Episode untermauert: «Alle meine Kumpels sind ausgerastet, als ich einen Profivertrag bei unserem FC Aarau erhielt. Ich aber habe mich innerlich gefreut und gewusst: Gewonnen habe ich noch gar nichts.»

Bis vor wenigen Monaten hat Tim nicht einmal zu träumen gewagt von der ersten Mannschaft, dieser Zug schien abgefahren. Als er nämlich vor zwei Jahren aus der U18 kommt und die Tür zu den Profis zu ist, verlässt er den Leistungssport und geht in die 2.-Liga-Mannschaft des FC Aarau. «Ich wollte nicht in die U21, die Zukunftsaussichten waren zu unsicher. Ich fand es vernünftiger, meine Energie in die Matura zu investieren.»

Tim Hemmi (2. v. l.) im FCA-Trainingslager in Marbella.

Tim Hemmi (2. v. l.) im FCA-Trainingslager in Marbella.

Im Breitenfussball verliert er seine Kondition, nicht aber seine Fähigkeiten. Sein Spielertrainer ist ausgerechnet Gil. Der sagt: «Es war schön, Tim in meinem Team zu haben. Aber mein Fussballerherz blutete in jedem Training, wenn ich sah, dass er für höhere Aufgaben gemacht ist.» Die Wende bringt ein Spiel in Windisch, wo Raimondo Ponte Präsident des Fussballklubs ist. Nach dem Spiel fragt Ponte Gil, was ein Spieler wie Tim im Regionalfussball zu suchen habe. Der Rest ist Geschichte.

Wie geht es weiter?

«Unglaublich stolz» sind Gil und seine Frau, als Tim den Profivertrag unterschreibt. Dass dieser nur bis Ende Saison läuft, ist damals Nebensache. Doch schon bald muss sich Tim mit der Frage befassen: Wie weiter? Er sagt: «Es gibt drei Möglichkeiten: Jus-Studium oder Jus-Studium und Fussball oder nur Fussball.» Welche bevorzugt er? Das wisse er selber noch nicht, erst am Ende der Saison finden Gespräche mit dem FCA statt. Die Vertragsverlängerung mit Marco Schällibaum spricht jedenfalls schon einmal für den Verbleib im Profifussball: «Mit ihm verstehe ich mich super, er ist fachlich und menschlich ein Toptrainer.»

Und Gil? Auch dessen Zukunft ist unsicher. Nicht, dass er Angst haben muss um seinen Job. Doch die Frage ist: Wo arbeitet er künftig? Weitere zehn Jahre im Brügglifeld? Oder bald im neuen Stadion? «Das Brügglifeld ist wunderschön, auch weil wir direkt nebenan wohnen. Aber ich hoffe, das neue Stadion kommt. Und dass ich dort den Rasen vorbereite, auf dem dann Tim seine Tore erzielt. Und zeigen kann, dass er der bessere Fussballer von uns beiden ist.»