Morgen Samstag noch das Cupspiel gegen den FC Köniz, und dann ist für Alain Schultz endgültig Schluss mit Spitzenfussball. Das letzte Meisterschaftsspiel seiner Laufbahn hat der Wohler Captain mit einem Tor und einem 2:0-Sieg gegen Breitenrain bereits würdig hinter sich gebracht. Stimmt die Statistik bei Transfermarkt.ch, dann hat er in 446 Pflichtspielen zum 110. Mal getroffen. 84 Mal für Wohlen, 20 Mal für den FC Aarau, 6 Mal für GC.

Jetzt sitzt Alain Schultz im Wohler Restaurant seines Freundes Sandro Burki, Sportchef des FC Aarau, beim Mittagessen und blickt auf seine Karriere zurück. «Ein wenig Wehmut ist schon da. Aber ich bin zufrieden, wie alles gelaufen ist. Nicht jeder kann ein Shaqiri werden», sagt der 36-Jährige. «Aber ich konnte während 17 Jahren mein Hobby zum Beruf machen, und dafür bin ich dankbar.»

Geholfen mit Tipps hatte ihm früher auch sein Götti, die FCB-Legende Karl Odermatt. Der Kontakt zu ihm ist nie abgerissen und Schultz nimmt jedes Jahr an Karlis Geburtstag an dessen Beizentour durch Basel teil.

Schultz der Imitationskünstler

Aufgewachsen in Binningen, spielte Schultz schon in frühen Jahren gegen Roger Federer. Nicht im Tennis, sondern mit den D-Junioren des FC Basel gegen Concordia. Federer machte im Fussball zwar eine gute Falle, entschied sich später aber nicht ganz zu Unrecht, voll auf die Karte Tennis zu setzen. Schultz dagegen verschrieb sich dem Fussball, war Captain im Nachwuchs von Rot-Blau, doch nach Differenzen wechselte er als 17-Jähriger zum FC Aarau. Zuerst pendelte er mit dem Zug von Basel nach Aarau, später wurde er im Aargau sesshaft.

Mit Federer verbindet ihn noch heute einiges. Selber beim TC Niedermatten Tennis spielend, lässt er sich am Fernsehen kein Spiel seines Idols entgehen. Zwar kann er nicht ganz so gut spielen wie dieser, dafür exakt so sprechen wie Federer. Schultz ist ein Imitationskünstler und sein Paradepferd ist der Tennisstar.

Er ist mit dieser Nummer schon bei Radiostationen zu Besuch gewesen und bei Weihnachtsessen und Geburtstagen aufgetreten. «Vielleicht sollte ich mal Mirka anrufen», schmunzelt Schultz. Mirka ist Federers Frau und es wäre spannend, ob sie checken würde, dass der Anrufer gar nicht ihr Mann ist. Auch den früheren Trainer Hanspeter Latour kann Schultz gut nachahmen.

Dazu kommt ihm eine lustige Anekdote in den Sinn aus der Zeit, als er bei GC in der Super League spielte. Vor einem Spiel sass er nach dem gemeinsamen Morgenessen auf dem WC und wusste, dass in der Kabine neben ihm Mitspieler Ricardo Cabanas hockte. «Ich gab mich als Latour aus, fragte Cabanas, ob er auch solche Probleme mit dem Darm habe und sonst noch einige andere Dinge. Schliesslich hat er dann unter der Trennwand durchgeschaut, meine Schuhe gesehen und Tränen gelacht.»

Bei GC in der Super League

Es war die Zeit, die Schultz in seiner Bilanz als «die beste seiner Laufbahn» bezeichnet. Mit Akteuren wie Cabanas, Smiljanic und Bobadilla in einem Team zu spielen und von Latour fast immer aufgestellt zu werden, sei cool gewesen. Er erinnert sich an sein Tor gegen YB im Stade de Suisse und natürlich an den Aufstieg mit dem FC Aarau 2013.

«Das war eine emotionale Explosion», sagt Schultz. Jetzt würde er es dem Klub gönnen, wieder aufzusteigen: «Er hätte es verdient. Es wäre für den Aargauer Fussball wichtig.» Schultz selber war stets als Regisseur unterwegs, als klassische Nummer 10, die heute vom Aussterben bedroht ist.

Am längsten hat er für den FC Wohlen gespielt, zu dem er drei Mal zurückgekehrt und mit dem er in diesem Frühling in die 1. Liga abgestiegen ist. «Ich hatte hier super schöne Zeiten, doch der Rückzug aus der Challenge League 2018 war auch der schlimmste Moment meiner Karriere. Ich hatte erstmals überhaupt Existenzängste.»

Diese aber sind längst vorbei. Seit bald einem Jahr hat er eine 100-Prozent-Stelle bei der Druckerei Kasimir Meyer in Wohlen. Er ist für den Auslieferdienst zuständig und täglich nach Zürich, Luzern oder im Aargau unterwegs. «Es macht Spass, das Arbeitsklima ist gut», sagt Schultz, der ganz in der Nähe der Druckerei wohnt.

Neuer Lebensabschnitt als Trainer

Obwohl er viele Jahre Profifussball in den Knochen hat, fühlt er sich zwäg. Er sagt: «Ich muss einfach täglich meine Fischölkapsel nehmen, dann fällt die Hüfte schon nicht auseinander.»

Vielleicht wird Schulz mal Trainer. Vielleicht sogar schon bald in der 2. Liga oder im Nachwuchs. Er hat als Assistent erste Erfahrungen gesammelt und sagt: «Der Trainerjob hat mich immer interessiert.» Er ist ungebunden und dabei, das B-Diplom zu erwerben. Eigentlich war vorgesehen gewesen, dass er in einem 50-Prozent-Job Leiter Préformation beim FC Wohlen wird, doch durch dessen Austritt aus dem Team Aargau hat sich das zerschlagen.

Aber eben: So wie es derzeit beruflich läuft, ist er ganz glücklich. «Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt», sagt Schultz. Dass er es lange ohne Fussball aushält, ist bei einem Vollblutspieler wie ihm ausgeschlossen. «Ich werde wohl in unteren Ligen noch etwas kicken», sagt Schultz.