Mit einem grossen Schritt stellt sich Joël Geissmann in den Weg seines Gegenspielers. Seine langen Beine sind vor Wohlens Sandro Foschini am Leder: wieder ein Ballgewinn im Mittelfeld für den FC Thun beim 4:0-Sieg im ersten Testspiel im Jahr 2017 gegen Geissmanns alten Verein.

Die neue Heimat des Wohler Vize-Captains der vergangenen Saison ist das Berner Oberland und Geissmann hat in seiner ersten Super-League-Hinrunde bewiesen, dass er auch im Schweizer Oberhaus eine tragende Rolle spielen kann.

Wer hätte das gedacht. Nicht eine einzige Partie hat der 23-Jährige bislang für den FC Thun in der vergangenen Halbsaison verpasst. Dem ehemaligen Wohler ist der Sprung in die höchste Schweizer Spielklasse formidabel gelungen. 18 Einsätze – davon 14 über 90 Minuten – stehen dem Hägglinger bei Saisonhälfte zu Buche. Nur Captain Dennis Hediger und Links- verteidiger Stefan Glarner kamen auf Thuner Seite auf mehr als Geissmanns 1400 Einsatzminuten.

Joël Geissmann (r.) setzt sich auch in der Super League durch.

Joël Geissmann (r.) setzt sich auch in der Super League durch.

Nur den Sommerneuzugang selbst scheint die Statistik nicht zu überraschen. «Genau so habe ich mir das vorgestellt. Ich bin ja nicht nach Thun gewechselt, um dort auf der Bank zu schmoren», sagt Geissmann und fügt selbstbewusst hinzu: «Ich war von meinen Qualitäten überzeugt und wollte auch hier von Anfang an Verantwortung übernehmen. Ich glaube, das ist mir zum Auftakt ganz gut gelungen.»


Es herrscht akute Abstiegsgefahr


Mit drei Saisontreffern liegt Geissmann in der klubinternen Torschützenliste hinter den Stürmern Christian Fassnacht (5 Tore) und Dejan Sorgic (4) an dritter Stelle. Dennoch läuft es ergebnistechnisch für den 1,87 Meter grossen Abräumer und seinen FC Thun alles andere als rund. Mit 16 Punkten stehen die Berner Oberländer auf Platz 9 und nur aufgrund des besseren Torverhältnisses vor dem Letzten, dem FC Vaduz.

Es herrscht akute Abstiegsgefahr. «Wir sind momentan etwas unter Wert klassiert», schätzt Geissmann die nicht ganz einfache Situation ein, doch auch er ist sich der Gefahr bewusst. Es geht um Existenzen.


Neben der sportlichen Talfahrt prägen finanzielle Probleme die Hinrunde des FC Thun. Immerhin. Durch zahlreiche Spenden – etwas mehr als eine Million ist bislang zusammengekommen – scheint der drohende Konkurs fürs Erste abgewendet. «Es sieht ja momentan ganz gut aus», sagt Geissmann, der wie die gesamte Mannschaft einen kleinen Beitrag leistete und auf zehn Prozent des Dezemberlohns verzichtete.

«Es ist schön, zu spüren, wie gross die Solidarität der Menschen hier im Berner Oberland ist. Die Leute wollen nicht, dass der FC Thun einfach verschwindet», lobt Geissmann den Aktionismus der Thuner Fangemeinde. Rund 300 000 Franken hat allein der Verein «Härzbluet für üse FC Thun» bislang gesammelt. Bis Saisonende fehlt insgesamt noch rund eine halbe Million, um den Spielbetrieb zu garantieren.

In Thun fehlt noch rund eine halbe Million, um den Spielbetrieb in der Stockhorn Arena zu garantieren.

In Thun fehlt noch rund eine halbe Million, um den Spielbetrieb in der Stockhorn Arena zu garantieren.

Ein sportlicher Abstieg wäre jedoch nach Aussage der Klubverantwortlichen das Ende für den kleinen FC Thun, was die Drucksituation für Geissmann und Co. nicht einfacher macht. «Unter der Woche war das auch in der Mannschaft immer wieder ein Thema, aber sobald wir spielen, kann ich das Finanzielle ganz gut ausblenden», sagt Geissmann, dem die Situation auch aus Wohlen bekannt vorkommen dürfte.

Vor Jahresfrist war es der FCW, der aus Spargründen auf ein Wintertrainingslager verzichtete, 2017 ist es der FC Thun. «Ein Trainingslager läge zwar finanziell drin, doch es wäre inkonsequent, wenn wir jetzt in den Süden geflogen wären», sagt Thuns Sportchef Andres Gerber. So spart die Mannschaft rund 60 000 Franken.


Wohlen ist Vergangenheit


Mit seinen ehemaligen Mitspielern aus Wohlen hat Geissmann kaum noch Kontakt. Eine kurze Begrüssungsrunde und etwas Smalltalk. Für mehr war deswegen auch beim Test gegen seinen alten Verein keine Zeit.

Der Vogel ist flügge geworden und aus dem Wohler Challenge-League-Nest entflogen. «Klar verfolge ich noch, was Wohlen macht, aber jetzt bin ich in Thun daheim», sagt Geissmann, der nur noch selten, wenn er ein paar Tage frei hat, auf Stippvisite bei seinem Vater und seinen Kollegen im Aargau weilt.