Sonntag, 4. November 2018: Der Tabellenletzte FC Aarau reist nach Chiasso. Mit nur sieben Punkten aus zwölf Spielen im Gepäck. Der Rückstand auf die Tessiner beträgt vier Zähler. Ein Sieg wäre ein kleiner Befreiungsschlag. Eine Niederlage hätte fatale Folgen.

Nach 86 Minuten steht der FC Aarau am Rande des Abgrunds. Chiasso führt 2:1, ist mit den Kräften allerdings am Ende. Die Tessiner laufen auf dem Zahnfleisch, sehnen den Schlusspfiff herbei. Patrick Rahmen spürt, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Der Trainer der Aarauer tigert in der Coaching-Zone auf und ab und treibt seine Spieler nach vorne. Dann richtet er seinen Blick in Richtung Spielerbank. Er sucht den Blickkontakt mit Assistenz-Trainer Petar Aleksandrov und sagt: «Petar, es kann nicht sein, dass wir dieses Spiel verlieren.»

Erfolgserlebnis benötigt

Rahmen steht unter Strom. Er weiss, dass der FC Aarau im Abstiegskampf ein Erfolgserlebnis braucht. Er weiss auch, dass es in diesem Spiel um seinen Job als Trainer geht. Was er noch nicht weiss, ist die Tatsache, dass sich die Ereignisse zwischen der 87. und der 91. Minute überstürzen werden.

Es passiert Unglaubliches. Der FC Aarau schafft die Wende: Elsad Zverotic erzielt mittels Kopfball das 2:2. Ein Punkt? Schön und gut! Aber der FC Aarau will mehr, drückt nochmals aufs Tempo und holt in der Nachspielzeit einen Freistoss an der Strafraumgrenze heraus.

Olivier Jäckle schiesst den Ball aufs Tor. Chiasso-Goalie Anthony Mossi wehrt das Spielgerät nach vorne ab – und Mickael Almeida trifft aus kurzer Distanz zum 3:2.

Horrorszenario abgewendet

Sekunden später ist Schluss. Geschafft! Der Jubel in den Reihen der Aarauer ist grenzenlos. Die Erleichterung ist gross. Das Horrorszenario mit sieben Punkten Rückstand auf den Zweitletzten Chiasso ist abgewendet.

Bildergalerie der schicksalsträchtigen Partie gegen Chiasso:

Dass der 3:2-Sieg in Chiasso den Knoten platzen lässt, weiss zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Die wundersame Wende im Stadio Riva IV ist der Beginn einer beispiellosen Aufholjagd.

Nach dem miserablen Start mit nur vier Punkten aus elf Spielen schafft der FC Aarau in 23 Partien 16 Siege und 6 Unentschieden. Einziger Schönheitsfehler: Die 0:2-Niederlage am 24. Februar in Vaduz.

Chiasso mit dem Messer am Hals

Was nun? Schliesst sich knapp sieben Monate nach dem Befreiungsschlag in Chiasso der Kreis? Schiesst sich der FC Aarau in die Barrage oder gelingt Chiasso die Revanche? Am nächsten Donnerstag geht für die beiden Mannschaften der Tanz auf der Rasierklinge weiter.

Eines ist klar: Die Ausgangslage ist eine andere als Anfang November des vergangenen Jahres. Die Aarauer haben den Tessinern längst den Rang abgelaufen. Das Abstiegsgespenst ist längst verflogen.

Im Gegensatz zum 4. November 2018 schlüpfen die Tessiner in die Rolle der Aarauer. Diesmal haben sie im zähen Ringen gegen den Abstieg das Messer am Hals. Sie werden kämpfen bis zum Umfallen und dafür sorgen, dass das Spiel für den FC Aarau alles andere als ein Selbstläufer wird.

Mögliche Startformation

Aus Sicht des FC Aarau gilt es, der Favoritenrolle gerecht zu werden. Im Vorfeld der Partie ist vor allem Patrick Rahmen gefordert. Elsad Zverotic ist nach der vierten, Linus Obexer nach der achten gelben Karte gesperrt.

Für Linksverteidiger Obexer kommt aller Voraussicht nach Damir Mehidic zum Einsatz. Aber wer übernimmt den Part von Zverotic? Spielt Markus Neumayr für einmal im defensiven statt im offensiven Mittelfeld? Oder zieht Rahmen Gezim Pepsi oder sogar Mats Hammerich aus dem Ärmel?

Und wenn wir schon über die mögliche Startformation gegen Chiasso spekulieren, sei ein Detail erwähnt: Mickael Almeida wird das Siegestor diesmal mit Sicherheit nicht erzielen. Der 20-jährige Portugiese zählte zuletzt nicht einmal mehr zum 18-Mann-Aufgebot.

Almeida steht stellvertretend für die aufwühlende, emotionsgeladene Saison. Eine Saison, die noch nicht zu Ende ist. Keiner weiss, ob die Aufholjäger noch zwei oder vier Spiele bestreiten müssen. Keiner weiss, wohin der Weg führen wird. Sollte er tatsächlich in die Barrage führen, heisst der Gegner aller Voraussicht nach Xamax.