Challenge League

Das neue Leben von Gianluca Frontino: Der Ex-Captain des FC Aarau verkauft jetzt Versicherungen

Gianluca Frontino am Rheinufer in Schaffhausen - im Hintergrund der Munot

Gianluca Frontino am Rheinufer in Schaffhausen - im Hintergrund der Munot

Völlig überraschend trat der frühere FCA-Captain Gianluca Frontino zurück und wurde Versicherungsberater – Besuch bei einem, der Schlitzohr geblieben ist. Und der sagt, dass Challenge-League-Profis zu wenig verdienen.

Wenn der FC Aarau am 2. Februar zum Heimspiel gegen den FC Schaffhausen antritt, werden exakt acht Monate vergangenen sein seit dem 2. Juni 2019: Der Tag, an dem der FC Aarau im Barrage-Rückspiel gegen Xamax sein Waterloo erlebt. Und – unbemerkt wegen der dramatischen Ereignisse unter der brennenden Sonne: Der Tag, an dem im Leben des Gianluca Frontino das Kapitel «Profifussballer» endet.

«Ich hänge die Fussballschuhe an den Nagel und werde Versicherungsberater», gibt Frontino im Frühling 2019 bekannt. Obwohl er mit 29 im besten Fussballeralter ist, beim FC Aarau die Captainbinde trägt und ein Angebot zur Vertragsverlängerung vorliegen hat. Eine Ausgangslage, von der viele Berufskollegen träumen. Doch Frontino hat genug. «Ich will wieder ein normaler Mensch sein», sagt er damals in seinem Abschiedsinterview und liefert mit diesem Satz den Steilpass zur ersten Frage bei unserem Wiedersehen.

«Das war damals etwas übertrieben formuliert. Ein normaler Mensch war ich immer, aber nun führe ich auch ein normales Leben.» Sich den Alltag nicht mehr vom Fussball bestimmen lassen, mehr Freiheit in der Freizeit – das habe er gesucht und gefunden. Aber er gibt zu: «Ohne berufliche Perspektive hätte ich weitergespielt.»

Wir sitzen am Schaffhauser Rheinufer, als Treffpunkt hat Frontino eine schicke Bar vorgeschlagen. Elegante Kleidung, die Haare akkurat gestylt, zwei Handys – äusserlich ist er angekommen in seinem neuen Leben. Und sonst? «Die Versicherungsbranche ist genau mein Ding», schwärmt er, «von morgens bis abends nur auf dem Bürostuhl zu sitzen, wäre Horror. Ich brauche Menschenkontakt, das war als Fussballer meine Stärke und ist es auch jetzt.»

Minimal verdienen – leben wie Ronaldo: "Die Rechnung geht nicht auf"

Bis Ende September absolviert er berufsbegleitend die Ausbildung zum diplomierten Versicherungs- und Vorsorgeberater. Das Büffeln ist für Frontino eine neue Erfahrung, eine, die er seriös wahrnehme. «Ich will den Job von der Pike auf erlernen und nicht auf meinen Promistatus reduziert werden.» Wobei: Der hilft ihm schon. Im Raum Schaffhausen kennt ihn fast jeder als Fussballer, bei Kundenterminen wird zuerst eine halbe Stunde über Fussball gesprochen, ehe es ums Geschäftliche geht. Frontino nennt es einen «idealen Eisbrecher».

«Es tut brutal weh, es brennt richtig»: FCA-Captain Gianluca Frontino über die Niederlage

«Es tut brutal weh, es brennt richtig»: Gianluca Frontino nach dem Barrage-Desaster und seinem letzten Spiel als Profifussballer

Man glaubt ihm aufs Wort, wenn er sagt, seinen überraschenden Rücktritt vom Profifussball noch keine Sekunde bereut zu haben. Was nicht heisst, dass er nichts vermisst: Das Kabinenleben mit den Mitspielern unterschiedlichster Herkunft, die positiven und negativen Dynamiken während einer Saison, die Emotionen nach einem Torerfolg, diese Dinge fehlen. Aber gerade habe er Bilder gesehen von den ehemaligen Kollegen im Trainingslager und gedacht: «Lieber die als ich.»

Frontino hat sein Karriereende auch mit den fragwürdigen Arbeitsbedingungen im Schweizer Fussball begründet. Ein schwieriges Thema: Fussballer haben in den Augen vieler einen «Schoggijob»: Zwei Stunden pro Tag trainieren, viel verdienen – wie kann man das als fragwürdig bezeichnen? Die Realität in der Challenge League ist: Die meisten verdienen keine 5000 Franken, haben aber die Pflicht, das Leben eines Spitzensportlers zu führen, mit all seinen Entbehrungen. «Profi zu sein, heisst zum Beispiel, sich gesund zu ernähren. Aber was kostet im Coop am meisten? Genau – Gemüse und gutes Fleisch. Minimal verdienen und leben wie Ronaldo? Die Rechnung geht in der Challenge League nicht auf.»

Er habe Mitspieler gehabt, die mit 3000 Franken eine Familie ernähren mussten. Selber könne er sich nicht über seine Löhne beschweren, zumindest nicht seit seinem Wechsel zum FC Thun im Jahr 2014: «Ich konnte ein Haus bauen und habe etwas Erspartes. Aber als 20-Jähriger war ich in Schaffhausen für 800 Franken monatlich Profi. Als ich trotzdem nicht spielte, war es mir zu blöd und ich kehrte dem Profigeschäft erstmals den Rücken. Ein Jahr später boten sie mir immerhin 3500 Franken, weshalb ich nochmals einen Anlauf nahm.»

Der Amateurfussball als beste Schule für höhere Aufgaben

Mitunter die vielen Entbehrungen für in seinen Augen verhältnismässig kleines Geld sind es, wegen denen Frontino eine Rückkehr ins Profibusiness ausschliesst. Zumindest jetzt. «Sag niemals nie», sagt er und grinst, angesprochen auf die Bilanz seiner jungen Trainerkarriere. Im Sommer hat er den Schaffhauser Vorortklub FC Diessenhofen als Spielertrainer übernommen. Letzte Saison fast abgestiegen, liegt der FCD nach der Vorrunde ungeschlagen auf Rang 3 der 2. Liga.

Bereits haben sich zwei Klubs aus der semiprofessionellen 1. Liga bei Frontino erkundigt, ob er zur Verfügung stehe. «Das ist momentan kein Thema, weil ich noch nicht die nötigen Diplome habe und beruflich richtig Fuss fassen will.» Und nicht zuletzt sei er im Fussball kürzergetreten, um mehr Zeit für seine Freundin zu haben. Ja, Kinder wolle er auf jeden Fall, aber zuerst noch ein paar Jahre das unbeschwerte Leben als Paar geniessen. Mit 30 die Profikarriere zu beenden, habe auch seine Vorteile: «Den Druck, nahtlos genügend Geld für den Familienunterhalt verdienen zu müssen, habe ich nicht.»

Frohnatur und hervorragender Techniker, aber gemäss eigener Aussage nicht immer einfach in der Handhabung: Der Fussballer Gianluca Frontino

Frohnatur und hervorragender Techniker, aber gemäss eigener Aussage nicht immer einfach in der Handhabung: Der Fussballer Gianluca Frontino

Frontino kommt nochmals zurück auf den Rollenwechsel vom Spieler zum Trainer. «Mir wurden die Augen geöffnet», sagt er und lacht. «Als Spieler habe ich über viele Dinge den Kopf geschüttelt, weil ich nur an meinen Vorteil gedacht habe, ich war manchmal zu vorlaut. Einen Trainer habe ich gehasst dafür, dass er mich rausgeworfen hat. Jetzt sage ich: Ich hätte an seiner Stelle genau gleich gehandelt.» Er empfehle jedem ambitionierten Trainer, im Amateurfussball zu beginnen, es sei die beste Schule für höhere Aufgaben: «Mir muss es gelingen, dass die Jungs gerne ins Training kommen. Wem es ablöscht, der sagt es mir ins Gesicht oder kommt einfach nicht mehr. Im Unterschied zu einem Profi mit gültigem Vertrag haben Amateure nichts zu verlieren. Der Umgang ist offener und vor allem ehrlicher.»

Und dann ist da noch ein Thema, an dem wir nicht vorbeikommen: der 2. Juni 2019. «Kein Problem», sagt er. «Ich habe bis heute keine Erklärung, wie wir das vergeigen konnten.» Am Tag danach stieg Frontino ins Flugzeug, um sich mit seiner Freundin den lang gehegten Traum einer USA-Reise zu erfüllen. «Erstaunlicherweise war ich in den vier Wochen frei im Kopf. Zurück in der Schweiz wurde ich an jeder Ecke darauf angesprochen, alles kam wieder hoch.» Er blicke mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Mit der Enttäuschung, dass die letzten Gefühle als Profifussballer keine positiven waren – andererseits, typisch Schlitzohr Frontino: «Wer kann schon von sich behaupten, am letzten Arbeitstag Geschichte geschrieben zu haben?»

Meistgesehen

Artboard 1