Linksverteidiger sind dünn gesät. Woher nehmen und nicht stehlen? Diese Frage stellten sich die Verantwortlichen des FC Wohlen vor der Saison 2013/14. Mit der Verpflichtung von Wellington Ferreira Gomes Sobrinho im Sommer 2013 nahm ein Schmierentheater mit vielen Kapiteln seinen Lauf. Am 27. September 2013 trat die «Aargauer Zeitung» mit der exklusiven Veröffentlichung und der Schlagzeile «Schwere Vorwürfe: Schummelt der FC Wohlen bei Spielerverträgen?» eine Lawine los.

Der «Fall Wellington» war während eineinhalb Jahren in aller Munde und zog sich bis in den Frühling 2015 hinein. Die Sache mit dem Doppelvertrag für einen Berufsfussballer ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer vermeintlichen Lappalie eine Riesengeschichte wird. Eine Riesengeschichte mit lauter Verlierern. Vier Personen standen im Brennpunkt des Geschehens. Der damalige Präsident Andy Wyder, der damalige Geschäftsführer Urs Bächer, der langjährige Verwaltungsratspräsident und Ehrenpräsident René Meier und natürlich der Spieler Wellington waren involviert. Eine gute Rolle spielte keiner.

Wellington

Beginnen wir mit dem Mann, der das Schmierentheater auslöste, aber wohl zu keinem Zeitpunkt so richtig wusste, wie ihm geschah. Eigentlich konnte Wellington ja froh sein, dass ihm der FC Wohlen einen Vertrag anbot. Der Brasilianer hatte bis kurz vor dem Saisonstart keine Anstellung. Das Interesse an seiner Person war gering. Hätte er still und leise seine Arbeit auf dem Fussballplatz verrichtet, wäre die Wahrheit über den Doppelvertrag wohl nie ans Licht gekommen. Wellington hatte bei seiner Verpflichtung im Beisein von führenden Kräften des FC Wohlen zwei Verträge unterschrieben.

Einen Vertrag mit einer Lohnsumme von 3000 Franken und einen zweiten «Scheinvertrag» mit einer Lohnsumme von 3800 Franken. Dies um den Anforderungen des Amts für Migration gerecht zu werden. Es verlangt für Ausländer der Challenge League einen Mindestlohn von 3800 Franken. Nach der vorzeitigen Vertragsauflösung kam es zu Streitereien. Die Sache flog auf. Schliesslich kam es zu einem Rechtsstreit. Der Brasilianer klagte den FC Wohlen an und verlangte eine Schadenssumme von total 46 400 Franken. Er gewann den Rechtsstreit. Aber nur auf dem Papier!

Andy Wyder

Den 1. Oktober 2013 wird Wyder nie vergessen. Es war der Tag, als er an seinem Arbeitsplatz festgenommen wurde. Auf der Geschäftsstelle des FC Wohlen musste er alle Akten über den Spieler Wellington herausgeben. In Baden gab es die erste Einvernahme. Gegen Abend überführte man Wyder in eine Einzelzelle nach Aarau. Dort war der Präsident des FC Wohlen während 27 Stunden eingesperrt. Nach einer weiteren Befragung am 2. Oktober war er um 16.30 Uhr wieder auf freiem Fuss.

Andy Wyder war damals Präsident des FC Wohlen

Andy Wyder war damals Präsident des FC Wohlen

Als Präsident des FC Wohlen war er der Hauptverantwortliche. Wyder gab zu, dass er bei der Anstellung des Spielers einen administrativen, einen formellen Fehler gemacht habe. Der Architekt hat den FC Wohlen während knapp zwei Jahrzehnten geführt. Der sportliche Höhenflug ist in erster Linie ihm zu verdanken. Er hat Kopf und Kragen für den Klub riskiert und jede Menge privates Geld investiert. Es ist geradezu grotesk, dass Wyder gegen Ende seiner Amtszeit eine Nacht im Knast verbringen musste. Dass er sich danach grundsätzliche Gedanken über das Amt des Präsidenten gemacht hat, ist nachvollziehbar. Genauso wie sein Rücktritt im Herbst 2018.

Urs Bächer

Im Juni 2013 trat Urs Bächer die neu geschaffene Stelle als vollamtlicher Geschäftsführer des FC Wohlen an. Ein halbes Jahr später erhielt er bereits wieder die Kündigung. Am 31. Januar 2014 war er arbeitslos. Danach musste er sein Leben komplett umkrempeln. Die Suche nach einem Job war langwierig und mühsam. Bächer ist der grosse Verlierer im «Fall Wellington». Er war bei der Ausarbeitung der Verträge für den Abwehrspieler massgeblich beteiligt.

Urs Bächer ist auf Seiten des FC Wohlen zweifellos der grosse Verlierer im Fall Wellington.

Urs Bächer ist auf Seiten des FC Wohlen zweifellos der grosse Verlierer im Fall Wellington.

Unterschrieben hat er nichts. Einfach deshalb, weil er nicht unterschriftsberechtigt war. Im Endeffekt war Bächer nicht mehr als ein Bauernopfer. Dass er sich unlängst als Mitglied der neuen Sport-Kommission zum Wohl des FC Wohlen in der Promotion League zur Verfügung gestellt hat, verdient Respekt. Es ist so etwas wie die zweite Chance für Bächer. Ob er sie nützt, wird die Zukunft zeigen.

René Meier

Bleibt der Ehrenpräsident, der sich bei der Ausarbeitung der Spielerverträge im «Fall Wellington juristisch nicht strafbar machte. Dennoch musste er sich vor Gericht verantworten. Meier wurde folgende Aussage zum Verhängnis. «Grund für die von Herrn Wellington gewünschte Vertragsauflösung beim FC Wohlen dürften nicht die von ihm angeführten privaten und familiären Probleme sein, sondern die drohende Zwangsvollstreckung wegen Schulden aus seiner Zeit beim SC Kriens.» Dieser eine Satz führte zu einer Strafanzeige wegen übler Nachrede.

René Meier machte sich juristisch strafbar

René Meier machte sich juristisch strafbar

Am 10. Dezember 2014 kam es zu einer Verhandlung vor dem Bezirksgericht Bremgarten. Meier wurde schuldig gesprochen, zu einer bedingten Geldstrafe von 46 200 Franken, zu einer Busse von 3000 Franken, zur Übernahme der Gerichtskosten von 1500 Franken und zu einer Parteientschädigung an Wellington von 7200 Franken verurteilt.

Rechtskräftig wurde dieses Urteil nie, wie die Einstellungsverfügung vom 12. März 2015 beweist. Meier hatte einerseits Berufung eingelegt und sich anderseits aussergerichtlich mit Wellington geeinigt. Etwas überspitzt gesagt, kaufte er sich frei. Was Meier dem Brasilianer bezahlt hat, wurde nie publik. Bezüglich der Summe vereinbarten die beiden Parteien Stillschweigen. So endete der «Fall Wellington» eineinhalb Jahre nach dem ersten Artikel in der «Aargauer Zeitung» mit einem Vergleich. Es war gleichzeitig der Schlusspfiff in einem kleinen Drama mit grossen Folgen. Ein kleines Drama, das dem Image des FC Wohlen enorm geschadet hat.