Alle auswechseln geht nicht. Also entscheidet sich Trainer Marinko Jurendic für Innenverteidiger Stéphane Besle und Debütant Raoul Giger. Eine beliebige Wahl, denn keiner der zehn Feldspieler hat die Rückkehr auf den Platz verdient. Das, was der FC Aarau in den ersten 45 Minuten in Vaduz abliefert, ist ein weiterer Tiefpunkt in einer Saison, in der die einzige Konstante ebendiese Tiefpunkte sind.

0:3 steht es zur Pause. Gegen einen FC Vaduz, der es in keinem der 13 Saisonspiele zuvor geschafft hat, mehr als zwei Tore zu erzielen. Gegen Aarau treffen die Vaduzer drei Mal in 26 Minuten. Abgerundet wird der schwarze Sonntag des FC Aarau beim Blick auf die Tabelle: Der Rückstand auf Tabellenführer Xamax beträgt nach gut einem Drittel der Saison 23 Punkte. Der Abstand auf Minimalziel Rang 3, momentan vom FC Schaffhausen belegt, ist auf 17 Punkte angewachsen. Und bei einem Heimsieg des FC Wohlen heute Abend gegen Rapperswil-Jona fällt Aarau in der Tabelle hinter den Kantonsrivalen.

Noch bedenklicher als die nackten Zahlen sind die Art und Weise, wie sie zustande kommen: Allen vier Toren von Vaduz gehen dilettantische Fehler der Aarauer voraus. Doch statt sich umgehend gegen den Ballverlust zu wehren, schauen die Aarauer einfach nur zu: Bei keinem der vier Gegentore kommt es im Sechzehner zu Körperkontakt zwischen einem Aarauer und einem Vaduzer. Das Heimteam, wahrlich nicht in Hochform spielend, kann schalten und walten, wie es will. Nach dem Schlusspfiff diktieren mehrere Vaduzer in die Blöcke der einheimischen Reporter, dass sie überrascht gewesen seien über die nicht vorhandene Gegenwehr.

«Solange ich noch darf»

Eine halbe Stunde nach Spielende kommt Marinko Jurendic aus der Garderobe. Die Erwartung: Der Trainer arbeitet in gewohnt diplomatischer Manier seine Gedanken zum Geschehenen auf.

Doch dieses Mal ist es anders. Keine Schönrednerei. Stattdessen ein Frontalangriff auf die Spieler. Gezeichnet davon, zum x-ten Mal von der Mannschaft im Stich gelassen worden zu sein, spricht Jurendic Klartext: «Die erste Halbzeit war eine Frechheit. Kein Spieler hat Stolz gezeigt, keiner hat gekämpft. Das war Fussball wie in der Badi, aber sicher nicht das, was man von Profis im Minimum an Berufseinstellung erwarten darf.»

Die Trendwende, die nach den Siegen gegen Xamax (2:0) und Wil (3:1) eingeläutet schien, ist nach den beiden 1:4-Pleiten in Schaffhausen und Vaduz verpufft. Jurendic stösst sich vor allem an der Nonchalance im Team: «Ich habe gedacht, wir seien im Kopf stabiler. Da habe ich mich getäuscht. Charakter ist, wenn man trotz positiver Tendenz weiter demütig arbeitet und nicht nachlässt. Gegen Vaduz war das Gegenteil der Fall.»

Und jetzt? «Ich habe den Spielern schon in der Halbzeit gesagt, dass jetzt sie am Zug sind», sagt Jurendic. «Nach diesem Spiel bringt es nichts, Details zu analysieren. Jetzt muss jeder in den Spiegel schauen und sich fragen, ob er alles gegeben hat für den Erfolg der Mannschaft. Vor allem von den Führungsspielern, die sich als solche betrachten, erwarte ich eine Reaktion. Wir müssen eine Gruppe hinbekommen, in der jeder mit der richtigen Einstellung am Werk ist. Dass wir es können, haben wir gegen Xamax und Wil bewiesen. Da müssen wir wieder hinkommen. Ich werde alles dafür tun, solange ich darf.»

Burki: «Kein Kommentar»

Die letzten Worte lassen aufhorchen: «Solange ich darf.» Auch Jurendic kennt die Mechanismen des Geschäfts. Der Trainer ist in Krisenzeiten meistens der Erste, der gehen muss. Dass Jurendic in dieser Situation die gewohnten Muster verlässt und öffentlich die Spieler angreift, ist wohl ein letztes Aufbäumen des vielleicht fleissigsten Trainers in der Geschichte des FC Aarau, der nicht akzeptiert, dass seine Spieler nicht den gleichen Eifer haben wie er. Verständlich.

Aus neutraler Sicht betrachtet ist es so: Jurendic hat der Mannschaft keine Handschrift verpasst. Seit seinem Amtsantritt im Sommer ist kein FCA-Profi nachhaltig besser geworden. Die Spieler wirken blockiert – ob das nur an der mangelhaften Berufseinstellung liegt? Wollen die Spieler überhaupt noch mit Jurendic arbeiten? Kurz: Die Entwicklung ist auch nach der vom Trainer gewünschten Kaderretusche negativ.

Frage an FCA-Sportchef Sandro Burki: Ist Jurendic nach der Länderspielpause noch Trainer? Antwort Burki: «Kein Kommentar.»

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