3:0 gegen Lausanne! Das muss man sich als Aarau-Fan auf der Zunge zergehen lassen! Eine Woche nach dem Auswärts-Coup beim Tabellenführer Servette (2:1) besiegt der FC Aarau auch das Zweiplatzierte Lausanne! 4477 Zuschauer trotzten dem Wintereinbruch und strömten ins Brügglifeld - was sie geboten bekamen, haben sie sich wohl nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorgestellt. Zwar liegen die Aarauer in der Tabelle immer noch zwei Punkte hinter Lausanne. Aber das Momentum im Barrage-Kampf ist nun auf ihre Seite gekippt. Diese Klatsche muss die 12-Millionen-Truppe aus dem Waadtland erst einmal verdauen - und am nächsten Spieltag muss Lausanne bei Servette antreten, das mit einem Sieg oder einem Unentschieden gegen den Erzrivalen vom Genfersee den Aufstieg klarmachen kann. Das Traumszenario aller Aarau-Fans: Ihre Mannschaft gewinnt am Samstag in Schaffhausen und profitiert von einer Lausanne-Niederlage, womit der FCA drei Spieltage vor Schluss den Barrage-Platz übernehmen würde.

So weit ist es noch nicht, doch Aarau-Trainer Patrick Rahmen spricht nun nicht mehr um den heissen Brei herum: "Natürlich ist es nun unser Ziel, die Barrage zu erreichen. Die Siege gegen Wil (4:0), Servette (2:1) und Lausanne (3:0) waren imposant. Die Mannschaft hat Blut geleckt und den Druck in Energie umgewandelt. Ich freue mich ungemein für die Jungs!"

Die Ausgangslage vor dem Heimspiel gegen Lausanne war klar: Alles andere als ein Sieg wäre zu wenig gewesen, um den Barrage-Traum am Leben zu halten. Und dann beginnt es eine Stunde vor Anpfiff zu schneien wie im tiefen Winter. Wie würden die Teams auf die widrigen Umstände reagieren? Denn eines war klar: Die Partie verkam zur Schnee-Lotterie, der Zufall übernahm eine wichtige Rolle.

Ab der ersten Spielminute ist offensichtlich: Aarau kommt mit der seifigen Unterlage besser zurecht. Immer wieder, hauptsächlich über die rechte Seite mit dem überragenden Raoul Giger, setzte das Heimteam gefährliche Nadelstiche. In der vierten Minute hätte Karanovic bereits zum 1:0 treffen müssen, doch das Abschlussglück blieb dem sonst ebenfalls bärenstarken Karanovic in dieser Partie verwehrt. In der 11. Minute die nächste Chance für Aarau, als ein Kopfball von Marco Schneuwly knapp über die Latte fliegt.

Das 1:0 liegt Mitte der ersten Halbzeit in der Luft - und in der 36. Minute fällt es: Nach einem Lausanne-Corner setzt Aarau wieder zu einem Konter an, Tasar erbt nach einer verunglückten Abwehr den Ball, schüttelt einen Verteidiger ab und trifft überlegt per Flachschuss zur vielumjubelten Führung ins Tor. Spätestens jetzt kocht das Brügglifeld - auch die Zuschauer spüren: Wer bei diesen Bedingungen das 1:0 erzielt, hat das Spiel schon halb gewonnen. 

Nach der Pause bringt Lausanne-Coach Giorgio Contini mit Zeqiri und Ndoye zwei neue Offensivkräfte. Die Gäste sind nach dem Wiederanpfiff optisch überlegen, doch die Aarauer bleiben ruhig, sind in der Defensive gut organisiert und verzichten auf dem Schnee auf das riskante Kurzpassspiel. Ab der 55. Minute ebbt die Lausanner Angriffswelle ab und das Heimteam übernimmt wieder das Zepter. Trainer Patrick Rahmen nimmt Karanovic vom Platz und bringt den grossgewachsenen Stefan Maierhofer. Karanovic oder Maierhofer in der Startelf? Rahmen hat im Vorfeld der Partie lange überlegt - und sich im Endeffekt für die richtige Variante entschieden: Mit der Führung im Rücken den frischen Maierhofer bringen, diese Einwechslung ist Gold wert. Der "Major" hält viele Bälle und drängt die Waadtländer zurück, es bieten sich immer mehr Räume für Aarau-Konter.

So wie sich das 1:0 abgezeichnet hat, ist auch das 2:0 in der 69. Minute eine logische Folge. Wobei anzufügen ist: Der Penaltypfiff vom sonst tadellosen Schiedsrichter Nikolaj Hänni ist mehr Geschenk denn zwingend - aus Aarau-Sicht kann man aber auch sagen: Clever gemacht von Marco Schneuwly, der mit seinem Laufweg Lausanne-Verteidiger Brandao überrascht und die feine Berührung zum Sturz ausnützt. Nach heftigen Protesten der Waadtländer ist es Markus Neumayr, der in der Aufregung kühlen Kopf bewahrt und im Nachschuss zum 2:0 trifft.

Zwei Minuten später kratzt Lausanne-Castella einen Maierhofer-Kopfball von der Linie. Doch das 3:0 ist nur aufgehoben: Es läuft die 79. Minute, als Tasar sich an der Cornerlinie freidribbelt, zur Mitte passt, wo dann Marco Schneuwly aus dem Gewühl heraus den FCA-Heimsieg besiegelt.

Die Schlussphase wird zum Schaulaufen: Von den Sitzplatz-Zuschauern auf der ausverkauften Haupttribüne gibt es Standing-Ovations und die Hardcore-Fans auf der Gegengeraden entrollen ein Banner mit dem Schriftzug "Barrage" - Szenen, die man im Brügglifeld schon lange nicht mehr gesehen hat. Nach dem Schlusspfiff brechen endgültig die Dämme. Bei Stürmertrainer und Klublegende Petar Aleksandrov fliessen die Tränen, die Spieler drehen eine Ehrenrunde im Stadion und noch lange nach dem Schlusspfiff begiessen die Zuschauer hinter der Haupttribüne den Sieg. Ein Sieg, der von A bis Z verdient ist: Aarau-Goalie Djordje Nikolic wird während der Partie nicht ein Mal ernsthaft gefordert, während das Heimteam Chancen auf weitere Tore hat.

Die Fussball-Euphorie ist nach diesem Husaren-Stück gegen Lausanne endgültig angekommen in Aarau! Auch der ausgepumpte Captain Elsad Zverotic strahlt nach dem Sieg, aber warnt: "Die Siege gegen Servette und Lausanne geben uns viel Kraft. Aber es ist noch nichts erreicht. Lausanne ist weiterhin vor uns und wir sind auf einen Ausrutscher von ihnen angewiesen. Gleichzeitig müssen wir unsere Hausaufgaben erledigen." Die heissen in den letzten vier Spieltagen: Schaffhausen (auswärts), Kriens (zuhause), Chiasso (auswärts) und Rapperswil-Jona (zuhause). Und eines hat diese verrückte Saison bislang eindrücklich gezeigt: Prognosen sind in heuer in der Challenge League unmöglich. Oder wer hätte nach dem 11. Spieltag gedacht, dass das mit vier Punkten abgeschlagene Schlusslicht Aarau nach dem 32. Spieltag ein ernsthafter Barrage-Kandidat sein wird?

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