Die Bühne gehört anderen. Denen, die Tore erzielen oder sie spektakulär verhindern. Denen, die mit ihrer Taktik die Gegner überlisten, die Transfers abwickeln und die mit dem eigenen Portemonnaie Finanzlöcher stopfen. Den Spielern, Cheftrainern, Sportchefs und Präsidenten. Norbert Fischer weiss das. Und darum bedankt er sich bei unserem Treffen als Erstes für das Interesse an seiner Arbeit. Fischer, 41, ist der Konditionstrainer des FC Aarau. Er sagt: «Die Physis ist nicht alles, aber ohne Physis ist alles nichts.»

Was bringt es, wenn einer 1000 Mal den Ball jonglieren kann, ihm aber nach zehn Minuten die Luft ausgeht? «Ich bringe die Spieler in die Verfassung, damit sie die Vorgaben des Chefs umsetzen können», sagt Fischer. Der Chef, das ist Patrick Rahmen. Der schwärmt von seinem Konditionstrainer, von «Nobi», wie Fischer von allen genannt wird: «Er scheut keinen Aufwand, er setzt sich mit jedem Spieler individuell auseinander. Was ich vor allem an seiner Arbeit schätze: Nobi verschliesst nicht die Augen vor den klassischen Methoden und vermischt Altes und Modernes.»

Heisst: Neben GPS-Trackern, mit denen Laufwege und Belastungsgrad der Spieler aufgezeichnet werden, lässt Fischer auch mit den guten alten Medizinbällen trainieren. Ein Konditionstrainer könnte es sich einfach machen und sich hinter dem Daten-Dickicht verstecken; zur körperlichen und mentalen Fitness gibt es mittlerweile genauso viele Studien wie zur Eisschmelze am Nordpol. Fischer: «Die Datenflut bietet viel Raum für Schindluderei. Für mich ist die Wissenschaft ein wichtiger Zulieferer. Aber jedes Spiel, jeder Spieler ist anders, das muss bei der Interpretation der Daten zwingend mit einfliessen.»

Cheftrainer Patrick Rahmen (rechts) schwärmt von der Arbeit seines Konditrainers Nobi Fischer (links)

Cheftrainer Patrick Rahmen (rechts) schwärmt von der Arbeit seines Konditrainers Nobi Fischer (links)

Das Resultat spricht für ihn: Der FCA hat in 13 von 25 Saisonspielen in der Schlussviertelstunde getroffen, zwei Mal mehr als in allen 36 Partien der vergangenen Saison. Auf der anderen Spielfeldseite sind nur neun Gegentore in der Schlussphase ein Topwert. «Wir können jederzeit einen Gang höher schalten, wir sind fit», sagt Rahmen, der mindestens so erfreut ist über einen anderen Fakt: die wenigen Muskelverletzungen. Eine Folge von Fischers besonderem Augenmerk auf die Prävention. Die Spieler erhalten Hausaufgaben in Form von auf sie abgestimmten Stabilisations- und Kraftübungen. Andere Faktoren wie Ernährung und Freizeitgestaltung sind bei einem Challenge-League-Klub nicht überwachbar, hier appelliert Fischer an die Eigenverantwortung der Spieler.

Mit der Verpflichtung von Fischer, so der Tenor, ist dem FC Aarau ein Coup gelungen. Das beginnt bei seiner Identifikation mit dem FCA. Fischer, in Othmarsingen aufgewachsen, infiziert sich als Bub im Brügglifeld mit dem Fussballvirus. Später schafft er es als Spieler nicht zum Profi, ehe ihn eine schwere Knieverletzung früh in die Trainerrolle bugsiert. 2007 beendet er seine Aktivkarriere beim FC Muri, wird direkt Chefcoach und führt die Freiämter vier Jahre später in die 1. Liga. Fischer, Sportwissenschaftler mit ETH-Abschluss, hat stets ein besonderes Augenmerk auf die körperliche Konstitution seiner Spieler. Irgendwann zieht es ihm so den Ärmel rein, dass er die Ausbildung zum Konditionstrainer absolviert.

Fitnessprofis gibt es wie Sand am Meer. Doch Fischers Wissen aus eigener Erfahrung, wie Cheftrainer und Spieler denken, macht ihn zum begehrten Fachmann. 2014 wird er Konditionsverantwortlicher in der Nachwuchsabteilung des FC Luzern. Rasch übernimmt er auch Aufgaben bei den Profis, doch richtig entfalten kann sich Fischer über die Jahre nicht, weil der Konditionstrainer der Profiabteilung eine andere Philosophie verfolgt. Da kommt der Anruf von FCA-Sportchef Sandro Burki im Frühling 2018 gerade recht. Fischer hat zwar noch andere Angebote auf dem Tisch, unterschreibt aber in Aarau.

Vor dem Wechsel nach Aarau war Fischer (links) im Dienst für den FC Luzern - hier mit Nicolas Schindelholz, der wie Fischer den Weg nach Aarau gefunden hat

Vor dem Wechsel nach Aarau war Fischer (links) im Dienst für den FC Luzern - hier mit Nicolas Schindelholz, der wie Fischer den Weg nach Aarau gefunden hat

Ein triftiger Grund dafür ist die Nähe zur Heimat und zur Familie. Der Vater von zwei Söhnen (10 und 6) und einer Tochter (8) sagt: «In den Jahren zuvor haben sie den Papi kaum gesehen. Die Zeit, in der sie von mir nichts mehr wissen wollen, kommt schnell genug. Bis dahin will ich mehr in ihrer Nähe sein.» In Wiliberg oberhalb von Zofingen bewohnt die Familie Fischer ein altes Bauernhaus mit grossem Garten – Idylle pur? «Ja», sagt er und lacht, «jetzt muss ich nur noch lernen, sie zu nutzen. Ich will ein guter Vater, ein guter Ehemann und ein guter Konditionstrainer sein. Die Zeit für mich kommt definitiv zu kurz.» Umso mehr, als er neben seinem Job beim FC Aarau zwei Halbtage pro Woche als Sportlehrer an der Berufsschule in der Aarauer Telli unterrichtet.

Kein Problem, so Fischer, solange ihn die anderen Dinge erfüllen. «Ich habe Freude an der Arbeit hier und glaube, dass ich mit meiner Art ganz gut zum FC Aarau passe.» Das stimme, ruft der Materialwart, der in diesem Moment vorbeiläuft. Später schaut Nachwuchsprofi Noah Lüscher-Boakye vorbei und Fischer, voll im Element, gibt ihm mit, ja nicht zu viele der besprochenen Kraftübungen zu machen. Wieder dem Reporter zugewandt, sagt er: «Ich nehme verschiedene Rollen ein. Vor dem Training bin ich für jeden Spass zu haben. Sobald die Übung läuft, bin ich der Antreiber.» Fischer ist auch Anlaufstelle für die Spieler, die sich mit ihren Sörgeli an ihn oder die anderen Assistenten wenden statt an Rahmen, vor dem Chef will schliesslich keiner Schwäche zeigen. Dieser sagt: «Die Spieler arbeiten gerne mit Nobi, weil sie spüren, dass sie besser werden und weil er gut darin ist, den Sinn hinter jeder Übung zu erklären.»

Fischer schätzt seine Freiheiten. Durch die Überschaubarkeit der Ressourcen hat jeder Mitarbeitende mehr Gewicht als bei einem Klub mit einem 20-köpfigen Trainerstab. Gleichzeitig schränkt die Realität ein. «Für materielle Anschaffungen etwa braucht es einen langen Atem», so Fischer, «aber das muss wissen, wer nach Aarau kommt. Ideen zur Verbesserung habe ich viele, aber es bringt nichts, Luftschlösser zu bauen. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, im Verein das Bewusstsein einzupflanzen, dass Trainings und Spiele auf Topniveau ohne eine top aufgestellte medizinische Abteilung auf Dauer nicht möglich sind.» Wenn er einen Wunsch frei hätte – was wäre der? «Ein zweiter Physiotherapeut», antwortet er ohne Zögern und fügt an: «Aber mit Lust auf die Arbeit kann man auch mit knappen Ressourcen viel erreichen.» Das lebt Fischer vor. Und so ist anzunehmen, dass er am Tag unseres Treffens einmal mehr als Letzter das Licht im Brügglifeld löscht.