Challenge League
Das erste Heimspiel für Marinko Jurendic mit dem FC Aarau wird zum Tag der Wahrheit

Das erste Spiel des FC Aarau mit dem neuen Trainer Marinko Jurendic ist misslungen. Gegen Xamax verlor man auswärts 1:2. Im ersten Heimspiel der Saison gegen Wil soll es nun mit dem Sieg klappen. Und Jurendic hat gute Erinnerungen ans Brügglifeld.

Sebastian Wendel
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Marinko Jurendic: «Natürlich ist es unsere Mission, Spiele zu gewinnen. Aber sich vom Druck leiten zu lassen, wäre falsch.»

Marinko Jurendic: «Natürlich ist es unsere Mission, Spiele zu gewinnen. Aber sich vom Druck leiten zu lassen, wäre falsch.»

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Es tönt zu verrückt, um wahr zu sein. Doch das in den folgenden Sätzen Beschriebene hat sich tatsächlich so abgespielt: Es ist der 26. Oktober 2002. An diesem Samstag spielt im Stadion Brügglifeld die U21 des FC Aarau gegen den FC Grenchen. Endstand: 10:0 für die Gäste aus dem Kanton Solothurn. Doch das Resultat ist längst nicht das Spektakulärste.

Es stehen zwar auch in dieser Partie 22 Akteure auf dem Platz, doch spielen tut eigentlich nur einer: der Stürmer des FC Grenchen. Fünf der zehn Tore erzielt er selber, zu den restlichen fünf gibt er die Vorlage. Und als Sahnehäubchen trifft er noch je einmal Latte und Pfosten.

So viel dürfte klar sein: Eine spektakulärere Einzelleistung haben die damals 180 Zuschauer im Brügglifeld davor und danach nie mehr gesehen. Ja es ist eine Bilanz, die wohl auch in der Schweizer Fussballhistorie ihresgleichen sucht.

Eine Niederlage, die Lust auf mehr macht

Wer die Geschichte nicht glaubt, kann sich den Wahrheitsgehalt am Samstagabend im Brügglifeld bestätigen lassen. Und zwar vom Hauptakteur selber. Entweder vor oder nach dem FCA-Heimspiel gegen Wil den Eingang bei der Geschäftsstelle betreten, in den Gang rechts abbiegen, bei der Türe mit der Anschrift «Trainerbüro» klopfen und nach dem Chef fragen. Sein Name: Marinko Jurendic.

Weisse Weste im Brügglifeld

Marinko Jurendic hat sehr gute Erinnerungen ans Brügglifeld. Das 10:0 mit dem FC Grenchen am 26. Oktober 2002 gegen die FCA-U21 (siehe Haupttext) ist der Höhepunkt. Doch auch die restlichen Auftritte von Jurendic als Spieler im Brügglifeld waren aus seiner Sicht erfolgreich: Am 23. März 2002 gewann er mit Thun in der Auf-/Abstiegsrunde in Aarau 3:1 und schaffte am Saisonende mit den Berner Oberländern den Aufstieg in die damalige Nationalliga A. Am 14. April 2005 trat Jurendic mit dem FC Luzern in Aarau zum Cuphalbfinal an – vor 9000 Zuschauern. Die Innerschweizer erreichten dank des 2:1 den Final, der jedoch mit 1:3 gegen den FCZ verloren ging.

«Das war das Spiel meines Lebens.» Jurendic schüttelt ungläubig den Kopf, als er sich daran und an die restlichen Besuche im Brügglifeld während seiner Spielerkarriere erinnert. Viele Jahre sind seither vergangen. Am Samstag betritt Jurendic zum vierten Mal für ein Pflichtspiel das altehrwürdige Stadion des FC Aarau. In neuer Rolle, er ist nun der Trainer des Heimteams.

52 Tage nach seinem Amtsantritt gastiert der FC Wil im Brügglifeld. 52 Tage, in denen Jurendic und seine Mitarbeiter der Mannschaft ihre Spielphilosophie, die neue Leistungskultur und ihre Prinzipien des Teamgedankens vermittelt haben.

Das Startspiel in Neuenburg lieferte eine erste Kostprobe des «neuen» FC Aarau und machte trotz 1:2-Niederlage Lust auf mehr. Gegen Wil präsentieren Jurendic und die Mannschaft das Erarbeitete erstmals dem Heimpublikum. Wie Lehrer und Schüler, die wochenlang für die Theateraufführung geübt haben und nun vor den Augen der Familie und Freunde auf die Bühne treten. Der Tag der Wahrheit. «Die Vorfreude bei uns allen, vor heimischem Publikum spielen zu können, ist gross», sagt Jurendic.

Das zarte Pflänzchen

Seine persönlichen Erfolgserlebnisse im Brügglifeld sollen dabei als gutes Omen dienen. Ein Spiel des Lebens, ein 10:0 wie damals mit dem FC Grenchen, das muss es gegen die Wiler ja nicht gerade sein. In erster Linie zählt für den FC Aarau nur eines: der Sieg. Wenn dieser in überzeugender Manier gelingt – umso besser.

Nach einem Halbjahr zum Vergessen – mit Personalchaos, Kommunikationspannen und sportlichem Sturzflug – bewegt sich der FC Aarau auf dünnem Eis. Anders gesagt: Die in den vergangenen Wochen durch den Trainerwechsel entstandene Aufbruchstimmung ist ein zartes Pflänzchen. Ein Windstoss in Form einer Niederlage gegen den FC Wil – und das Pflänzchen erleidet einen bösen Knick, die Kritiker und Nörgler stünden wieder auf der Matte. Sportchef Raimondo Ponte sagt es so: «Es ist für die Stimmungslage praktisch alternativlos, dass wir gewinnen.»

Für Trainer Jurendic ist die Situation nicht einfach: Er trägt keine Mitschuld an der Krise im Frühling und hat seit seiner Ankunft den Neustart lanciert. Bis die neuen Mechanismen reibungslos funktionieren, braucht es jedoch Zeit. Hat das Umfeld die Geduld dafür? Oder zielt die Kritik bei einer Niederlage gegen Wil sofort auf Jurendic? Spürt er vor der Heimpremiere besonderen Druck?

Effizienter im Abschluss

Jurendic sagt: «Natürlich ist es unsere Mission, Spiele zu gewinnen. Aber sich vom Druck leiten zu lassen, wäre falsch. Vielmehr bin ich überzeugt von unserem Weg. Wenn die Spieler an die Leistungsgrenze gehen und ihre Qualitäten abrufen, können wir gegen Wil gewinnen.

Neuchatel Xamax - FC Aarau, 1. Runde, 21.07.2017
11 Bilder
Trotz ordenlticher Leistung müssen sich die Aarauer geschlagen geben.
Der FCA wusste bei der Premiere unter Marinko Jurendic trotz Niederlage mit seiner Spielweise zu gefallen.
Patrick Rossini sorgte für den Aarauer Anschlusstreffer.
Insgesamt hatten die spielerisch stark verbesserten Aarauer in der ersten Halbzeit mehr Abschlüsse auf das gegnerische Tor zu verzeichnen.
FCA-Neuzugang Leo Itaperuna war in der Startaufstellung.
Der FCA traf in der ersten Runde der Challenge League auf Neuchatel Xamax.
Der FCA startete gut in die Partie, ging dann aber unglücklich in Rückstand.
In der Offensive fehlte es an Durchschlagskraft.
Der FC Aarau trifft zum Saisonauftakt auf Neuchatel Xamax.
Der FCA konnte das letzte Aufeinandertreffen im Juni 2:0 gewinnen.

Neuchatel Xamax - FC Aarau, 1. Runde, 21.07.2017

Urs Lindt/freshfocus

Aber aufgepasst: Wil ist nicht zu unterschätzen, sie haben vor einer Woche Vaduz das Leben sehr schwer gemacht und verfügen über gute Einzelspieler wie etwa Johan Vonlanthen.» Und Jurendic fügt an: «Das Spiel gegen Wil ist nicht wichtiger als alle anderen. Eine einzelne Niederlage darf uns nicht von unserem Weg abbringen. Nach dem ersten Saisonviertel werden wir eine Standortbestimmung machen und analysieren, ob und was wir verändern müssen.»

Die Auftaktniederlage gegen Xamax sei aufgearbeitet. Die Spieler wüssten, woran es neben den unglücklichen Entscheiden des Schiedsrichters gelegen habe. «Die defensive Grundordnung war stabil», sagt Jurendic. «Aber wir müssen in der Offensive konsequenter sein. Gegen Xamax hatten wir viele Torchancen, im Abschluss aber haben wir zu oft die falsche Entscheidung getroffen.»