Judo
Daniel Kistler muss Sergei Aschwanden aus dem Weg räumen

Daniel Kistler (51) will oberster Judoka der Schweiz werden. Der Brugger tritt am Samstag an der Präsidentenwahl gegen einen schweren Gegner an: Den Olympiamedaillengewinner Sergei Aschwanden.

Michael Schenk
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Gewichtige Persönlichkeit: Daniel Kistler , hier an Sportgala, als er für sein Judo-Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Gewichtige Persönlichkeit: Daniel Kistler , hier an Sportgala, als er für sein Judo-Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Foto Wagner

Der 51-jährige Daniel Kistler ist Aargauer Trainer des Jahres 2014. «Mister Judo» wie er auch genannt wird hat nach Beendigung seiner Karriere Anfang der 90er-Jahre aus dem damals nicht sehr berühmten JJJC Brugg bis heute eine Macht entwickelt. Elf Mal holten seine Kämpfer in den letzten 13 Jahren den Mannschaftsmeistertitel. Kraft dieser bemerkenswerten Entwicklung, primär befeuert durch den Olympia-Siebten von 1992, ist jetzt Brugg statt zuvor Magglingen Nationales Leistungszentrum. Kistlers Zeit als Coach und Funktionär des JJJC Brugg könnte indes heute ablaufen. Dann nämlich, wenn er, der beruflich im Departement Bildung, Kultur und Sport tätige Jurist, zum Präsidenten des Schweizerischen Judo- und Ju-Jitsu-Verbandes (SJV) gewählt wird. «In dem Fall würde ich alle meine Ämter beim JJJC Brugg ablegen und mich punkto Judo allein der Verbandsarbeit widmen.»

Judo-Philosophie ist gefragt

Arbeit für den als Nachfolger des aus gesundheitlichen Gründen zurücktretenden Pierre Ochsner gibt es genügend. Hört man sich um, so tönt es oft: «Es mönschelet.» Ex-Nationaltrainer Leo Held spricht von Leuten, die Angst vor Macht- und Prestigeverslust hätten im SJV. Leuten, die darum lieber ihre eigenen Bedürfnisse statt die des Verbands ins Zentrum stellten. Verband, Vereine und Athleten sind derzeit keine Einheit. Fronten und Grabenkämpfe werden «gepflegt». Die Basis fühlt sich vom Verband nicht richtig wahrgenommen und unterstützt. Die Seeländerin Lena Göldi, Vize-Europameisterin 2003 und Olympia-Teilnehmerin 2004, hat sich «wegen unterschiedlicher Wertvorstellungen» vom Verband abgewendet und ist jetzt U18-Bundestrainerin in Deutschland. «Sollte ich gewählt werden», sagt Daniel Kistler, «ist es mir ein besonderes Anliegen, alle motivierten Kräfte an einen Tisch zu bringen, für Ruhe zu sorgen und wieder eine Einheit zu schaffen.» Ganz in Judo Manier also. Schliesslich liegen dem Sport, der übersetzt «sanfter Weg heisst», zwei philosophische Grundprinzipien zugrunde. Das gegenseitige Helfen und Verstehen zum beiderseitigen Fortschritt und Wohlergehen; zum anderen der bestmögliche Einsatz von Körper und Geist. Ein anderes wesentliches Ziel von Kistler ist ein zweites Nationales Leistungszentrum in der Romandie aufzubauen.

Aschwanden, der Antipode

Der Aargauer kann auf prominente Promotoren zählen. So haben Kistler unter anderen die ehemaligen Spitzenkämpfer und heutigen Wirtschaftsführer Eric Born und Robert Siegrist zugesagt, falls er gewählt wird, ein Sponsoring-Konzept auf die Beine zu stellen, dass die finanzielle Belastung der Athleten merklich verbessert. Sie von Kosten für Trainingslager, Reisen, Material und so weiter also entlastet. Born ist CEO des britischen Logistikunternehmens Wincanton, Siegrist Rechtsanwalt und unter anderem Manager von Töff-Pilot Dominique Aegerter.

Freilich trifft Daniel Kistler heute im Haus des Sports in Ittigen auf einen pickelharten Gegner. Nebst dem Innerschweizer Nico Oana, dem keine Chancen eingeräumt werden, kämpft auch Sergei Aschwanden um das SJV-Präsidentenamt. Der 38-jährige WM- und EM-Medaillengewinner und Olympia-Dritte von Peking 2008 lebt in Prilly (VD) und ist Technischer Direktor des JJC Mikami in Lausanne, Master of Sport Management, Technischer Direktor Jugendtrainingscamp des Internationalen Verbandes und Leiter des Judo-Schulsportprojekts. Im SJV, dem zehntgrössten Sportverband im Land mit rund 50 000 Mitgliedern, besteht in dem Sinn absolut eine Balance zwischen Romandie und Deutschschweiz. Auf eine Wahl-Prognose will sich Daniel Kistler darum nicht einlassen. Und Aschwanden sagt: «Es ist toll, dass wir drei Kandidaten haben, während andere gar niemanden finden. Wenn ich nicht gewinne, werde ich den Sieger respektieren.»