Silvana Tirinzoni, wenn Sie nun mit etwas Abstand auf die EM von letzter Woche in Tallinn zurückblicken: Ist es nach dem verlorenen Final gegen Schweden eine gewonnene Silbermedaille oder eine verlorene Goldene?

Silvana Tirinzoni: Schon eher eine Gewonnene. Unmittelbar nach dem Final war die Enttäuschung schon sehr gross, dass es nicht gereicht hat, zumal das Spiel auf beide Seiten hätte kippen können. Aber wir dürfen letztendlich stolz sein auf unsere Leistung. Wir haben eine super Woche erlebt, die Silbermedaille ist ein guter Lohn.

Sie waren in einem packenden Finalspiel gegen das beste Team der Welt ungemein nahe an der Goldmedaille dran. Bedauern Sie etwas am Spielverlauf?

Wenn man das Spiel anschaut, gab es bis zum letzten End nie ein Zweierhaus, weder für uns noch für Schweden. Wir können deshalb auch im Nachhinein nicht sagen, wir seien taktisch völlig falsch ins Spiel gegangen. Wir hätten aber vielleicht gerade in den schwierigen Momenten mehr Risiko eingehen sollen. Ich würde vielleicht in paar Situationen ein wenig anders spielen, aber da sind wir uns im Team noch immer nicht ganz einig. Es gab im Verlaufe des Spiels immer nur Einer, da hätte man vielleicht erwarten können, dass es im letzten End auch nur einen gibt. Aber dem war nicht so.

Wie meinen Sie das?

Wir hätten zum Beispiel zwei Garde setzen können. Sie haben daraufhin ins Haus gespielt, worauf wir diesen Stein angegriffen hatten. Wir hätten diesen auch einfach ignorieren können und eine zweite Garde spielen. Es hätten sich dann auf beiden Seiten neue Chancen und Risiken ergeben. Aber ob das besser gekommen wäre? Das ist jetzt im Nachhinein reine Spekulation.

Beim vorletzten Stein im 10. End misslang Alina Pätz ein Promotion-Takeout. Denken Sie etwa noch an diesen Stein zurück?

Auf einer Schwierigkeitsskala ist der Stein sehr hoch zu gewichten. Es ist nicht ein Stein, der jedes Mal kommt. Es ist viel mehr vorher: Mein letzter Stein rollt zu weit nach aussen. Treffe ich ihn frontaler, dann geben wir ihnen weniger Chancen. Oder auch ein Stein von Alina Pätz, der ebenfalls nach aussen driftet. Das sind nicht komplette Fehlsteine, aber sie wären wohl eher zu vermeiden gewesen.

Blickt man auf das gesamte Turnier zurück, hatten Sie die Konkurrenz regelrecht dominiert. Mit nur einer Niederlage aus 11 Spielen (Schweden: 2 Niederlagen) und einer ausgezeichneten Quote von 84 Prozent (Schweden: 82 Prozent) waren sie das statistisch beste Team der EM. Wurmt es Sie anhand solcher Statistiken nun umso mehr, dass man nicht die Goldmedaille gewinnen konnte?

Nun, wir wussten ja, gegen wen wir im Final antreten. Es war ja nicht so, dass wir gegen irgendwen spielen würden – es waren die Olympiasieger. Aber es war schon so: Wir gingen mit einem grossen Selbstvertrauen in das Endspiel und wussten, dass wir mindestens genau so gut spielen können wie die Schwedinnen, vor allem auch nach den starken EM-Spielen zuvor. Aber uns war auch bewusst, dass wir uns keine Fehler leisten dürfen. Und man muss auch festhalten, dass Schwedens Skip Anna Hasselborg keine Fehler machte und jene Leistung punktgenau abrufen konnte, die es eben zum EM-Titel gebraucht hat, was auch nicht selbstverständlich ist.

Sie galten bislang als Spielerin, die in den wichtigen Momenten den Nerven nicht standhalten konnte. Nebst dem WM-Titel als Juniorin im Jahr 1999 ist es nun Ihre erste grosse internationale Medaille. Ist das ein befreiendes Gefühl?

Ich bin schon sehr erleichtert, konnte ich nun endlich diese Medaille gewinnen. Es ist auch schön, dass ich den Kritikern zeigen konnte, dass ich auf höchstem internationalen Niveau doch gewinnen kann. Ich habe es persönlich zwar nie so krass empfunden, wie es manchmal in den Medien dargestellt wurde. Wir hatten ja auch schon beachtliche Erfolge feiern können, zwar nicht an einer EM oder einer WM, aber immerhin an Grand Slams oder grossen Turnieren in Kanada. Was gefehlt hat, war wirklich nur eine solche Medaille.

Sie mussten nach dem enttäuschenden 7. Rang an den Olympischen Spielen in Pyeongchang auf diese Saison hin zwei Mitspielerinnen ersetzen, was die Ausgangslage vor dieser Saison nicht einfacher gemacht hat. Wie geht es nun als Team weiter? Macht der neuste Erfolg Lust auf mehr?

Ja, sicher. Jetzt geht es erst richtig los. Wir wussten mit der neuen Zusammenstellung des Teams nicht, ob es funktionieren und harmonieren würde. Aber nach ein paar Monaten hatten wir die Gewissheit, sodass wir langfristig planen können. Unsere Zukunft ist nun ganz klar in Richtung Peking 2022 gerichtet. Unser nächstes grosses Ziel ist bereits die WM im März (Anm. d. Red.: 16. bis 24. März 2019 in Silkeborg, Dänemark). Aber wir müssen uns auch dafür erst einmal noch qualifizieren.