Sport
Cornel Villiger: «Ich will den Fahrtwind spüren»

2004 verunfallte Cornel Villiger schwer und war fortan an den Rollstuhl gefesselt. Das hinderte den ehemaligen Marathonläufer nicht daran, weiterhin Ausdauersport zu betreiben.

Andreas Fretz
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Cornel Villiger hat im Marathon zwei persönliche Bestzeiten. Eine als Läufer und eine als Rollstuhlfahrer. Zu Fuss benötigte der Boswiler für die 42,195 Kilometer 3 Stunden. Im Rollstuhl 1 Stunde und 36 Minuten. Zwischen den beiden Rekordzeiten liegen einige Jahre und ein folgenschwerer Motorradunfall.

Bemerkenswert: Villiger, der Rollstuhlfahrer, ist schneller als Villiger, der Läufer. «Das Tempo der Rollstuhlfahrer wird oft unterschätzt», sagt der 34-Jährige. Fürs Training bedeutet das: Vorausschauend fahren. «Denn häufig versuchen Fahrzeuge noch vor mir einzubiegen. Oder Fussgänger wollen noch schnell die Strasse überqueren.» Angst hat Villiger bei seinen Trainingsfahrten keine. Vorsicht ist dennoch geboten: Seine Trainingszeiten passt er dem Verkehr an, der Rollstuhl kommt in leuchtendem Orange daher und hoch oben weht gut sichtbar ein Fähnchen.

«Ich kniff in meine Oberschenkel und spürte einfach nichts»

Oft ist er auf Velowegen im Bünztal unterwegs oder auf der Bahn in Aarau, Wohlen oder Nottwil. Häufig ergeben sich während dem Training spontane Kontakte mit nicht-behinderten Sportlern. «Vor allem mit Velofahrern», erklärt Villiger, «denn die fahren in etwa die gleiche Pace.» Diese Kontakte sind für Villiger sehr motivierend.

Nach Operationen und fünf Monaten Reha in Nottwil wurde er wieder ins normale Leben entlassen. Grosse Bedeutung kam und kommt seinem Umfeld zu. Villiger ist verheiratet mit Karin und hat zwei Söhne, Gian (7) und Nando (5). «80 Prozent der Beziehungen gehen nach solch einem Unfall in die Brüche», sagt Villiger. Nicht so bei ihm. Auch im Beruf konnte er wieder Fuss fassen. Vor seinem Unfall war Villiger Polizist und Instruktor bei der Kantonspolizei Aargau. Heute ist er an selber Stelle in einem 50-Prozent-Pensum für Planung und Projekte zuständig.

Im Natikader der Rollstuhlfahrer

Und auch der Sport hat ihn wieder. Nachdem abgeklärt war, welche Aktivitäten mit seiner Behinderung möglich sind, hegte er sofort wieder Ambitionen. «Mein Ziel war es, den Fahrtwind zu spüren und die Muskeln, die ich noch habe, zu aktivieren.» So wurde aus dem vormaligen Mittelstreckenläufer und Turnvereins-Vorstand ein Rollstuhlsportler.

Seit Mai 2010 ist Villiger im Natikader der Rollstuhlfahrer. Er trainiert an sechs Tagen pro Woche und ist auch mal mit dem Handbike oder dem Langlauf-Schlitten unterwegs. Wettkämpfe bestreitet er über die Mittel- und Langdistanz. Am 14. November startet der Freiämter am Oita-Marathon in Japan. Beim grössten Rollstuhl-Marathon der Welt möchte er die WM-Limite knacken. Und im Jahr 2012 stehen bekanntlich die Paralympics in London auf dem Programm.