Fussball
Ciriaco Sforza brauchte psychologische Hilfe

Wohlens Trainer Ciriaco Sforza hat in einem bewegenden Interview über psychische Probleme berichtet. Nach seiner Zeit bei den Grasshoppers 2012 sei er "platt" gewesen, "total ausgelaugt, es ging nicht mehr", sagte er dem Tagesanzeiger.

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Ciriaco Sforza: "Meine Gefühlswelt war völlig durcheinander. Tränen flossen, einfach so."

Ciriaco Sforza: "Meine Gefühlswelt war völlig durcheinander. Tränen flossen, einfach so."

Keystone

"Meine Kraft war aufgebraucht, ich benötigte zwingend eine Auszeit. Das Ganze hatte mich krank gemacht", berichtete der 44-Jährige. Die Trennung von den Hoppers sei am Ende "eine echte Erlösung" gewesen: "Als die Zeit bei GC zu Ende war, unternahm ich oft lange Spaziergänge. Und unterwegs flossen die Tränen, einfach so. Meine Gefühlswelt war völlig durcheinander. Ich spürte Enttäuschung, auch eine totale Leere. Es gab Nächte, da erwachte ich immer um 2 Uhr schweissgebadet, wieder kamen Tränen, aber wieder wusste ich nicht, warum genau."

Ständige Angst

Zudem habe er "ständig Angst" gehabt, "dass mir etwas zustossen könnte, dass mein Herz versagen würde und niemand in meiner Nähe wäre. Sicher und halbwegs geborgen fühlte ich mich nur in den eigenen vier Wänden. Ich weinte oft, wehrte mich aber nicht dagegen. Es musste raus". Über die Gründe könne er "nur mutmassen. Schon mit 16 Jahren war ich Profi geworden, ich lebte nur für den Fussball, ich war Teil eines Geschäfts, in dem man stark sein muss".

In Zürich sei er zudem "zu lieb mit dem Verein" gewesen: "Hilf rechts, hilf links, hilf dort, und gleichzeitig litt meine eigentliche Arbeit darunter. Es frass mich auf. Die Energie schwand immer mehr, bis ich erschöpft war. Es waren schlimme Momente, die ich danach mitmachte."

In der schwierigen Phase könne es "schon eine Rolle gespielt haben, dass ich keinen Club mehr hatte, dafür viel Zeit. Dazu kamen private Dinge. Es gab in dieser Zeit oft Phasen, in denen ich unmöglich allein sein konnte. Es war heftig, was sich abspielte". Er sei damals nicht mehr ins Stadion gegangen, "den Fernseher schaltete ich nur noch selten ein. Es gab wichtigere Dinge als Fussball. Meine Person. Meine Gesundheit".

Psychologische Hilfe

Um aus der Krise zu kommen, habe er psychologische Hilfe in Anspruch genommen, "und ich greife jetzt noch darauf zurück. Ich hätte niemals Medikamente genommen. Aber der Psychologe war nötig, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe keine Hemmungen, darüber zu reden. Eine Schwäche einzugestehen, ist eine Stärke. Ich bin froh, dass ich das Oberflächliche abgestreift habe".

Heute gehe es ihm "sehr gut", berichtete Sforza, der als Trainer mit seinem Heimatverein FC Wohlen sensationell die Challenge League anführt: "Mein Leben hat neu angefangen, ich bin voller Energie. Geist und Körper wissen, in welche Richtung es gehen soll. Ich habe gelernt, dass ich auf meinen Bauch hören muss, auf meinen Verstand - und sicher nicht mehr auf Leute, auf die ich in der Vergangenheit zu oft hörte." (sid)