«So kann ich beim FC Aarau nicht abtreten!» Patrick Rossini hat im Juni ein Angebot des heutigen Gegners FC Chiasso vorliegen. Doch obwohl die Verlockung gross ist, ins Tessin, in die Heimat, zurückzukehren, entscheidet er sich dagegen. «50 Prozent in meinem Kopf sagten, ich soll den einfachen Weg gehen und das Angebot von Chiasso annehmen. Die anderen 50 Prozent appellierten an meinen Stolz. Ich habe mir in Aarau einen Namen als zuverlässiger Torschütze gemacht, ich will dem Verein, den Fans und mir selber beweisen, dass ich es noch kann.»

Patrick Rossini und der heutige FCA-Sportchef Sandro Burki (rechts) standen bis Sommer 2017 gemeinsam auf dem Platz

Patrick Rossini und der heutige FCA-Sportchef Sandro Burki (rechts) standen bis Sommer 2017 gemeinsam auf dem Platz

Vor zwei Jahren ist Rossini beim FC Aarau ganz oben. Captain, Nachfolger von Sandro Burki, der über Nacht vom Platz ins Sportchef-Büro wechselt. Eine von Burkis ersten Amtshandlungen: Er beginnt mit Rossini die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung, die im Frühjahr 2018 nach zahlreichen und zähen Gesprächen besiegelt wird. Die neu gewonnen Klarheit über die Zukunft beflügelt Rossini, er schiesst seine Saisontore 7 bis 12, das letzte am 22. April 2018 ausgerechnet in Chiasso.

Der Badi-Rauswurf mitten in der FCA-Krise

Eine Woche später: Im Heimspiel gegen Servette reisst 30 Sekunden nach dem Anpfiff das Kreuzband im rechten Knie. Der Beginn einer Leidenszeit. Bei der Operation gelangen Keime ins Kniegelenk, Entzündung, Rossini droht das Karriereende. Der Infekt wird gerade noch rechtzeitig bemerkt, doch erst nach zwei weiteren Operationen geht es langsam aufwärts. Beim Gedanken an diese Zeit wird auch Frohnatur Rossini ernst, sein Blick trübt sich: «Horror! Wegen der Antibiotika habe ich mich nur noch zwischen Sofa und WC bewegt und acht Kilo abgenommen.» Es sind die Gespräche mit dem damals neuen Trainer Patrick Rahmen, die ihm eine Perspektive geben: «Er sagte mir, dass er auf mich wartet und meine Tore noch wichtig sein würden für den FC Aarau.»

Vorerst aber sorgt Rossini neben dem Platz für Schlagzeilen: Mitten in der sportlichen Krise des FC Aarau im August 2018 werden Rossini und seine Familie nach einem Streit mit der Bademeisterin aus der Badi Suhr geworfen. Seine Frau Eleonora regt sich fürchterlich auf und beschwert sich via «AZ» über das Verhalten der Bademeisterin. Rossini, der damals geschwiegen hat, kann rückblickend über die Sommerposse lachen und sagt: «Ich habe meine Frau gewarnt: Wenn Sie es den Journalisten erzählt, geht der Tumult los. Sie hat viel daraus gelernt daraus. Das Ganze hatte auch etwas Gutes, die Krise des FC Aarau rückte einige Tage in den Hintergrund.»

Die schwierige Trennung von der Familie

In der Kabine hätte sich Rossini von den Teamkollegen viele Sprüche anhören müssen. Nur gut, kann er diesen aus dem Weg gehen. Monatelang schuftet er im Kraftraum und beim Physiotherapeuten für die Rückkehr auf den Platz. Ehe es im Januar 2019 soweit ist. Dumm nur für Rossini: Der Mannschaft beginnt es ab dem ersten Spiel in der Rückrunde so gut, dass ein Vorbeikommen an der Konkurrenz zur «Mission impossible» wird. Stefan Maierhofer und Goran Karanovic sorgen im Sturmzentrum für die Musik und für Tore, ausser einem achtminütigen Kurzeinsatz am 2. April in Kriens verfolgt Rossini den Durchmarsch in die Barrage auf der Tribüne.

Eine schwierige Situation für einen, der Captain war und den Sportchef Sandro Burki einst als Schlüsselspieler bis 2020 an den FC Aarau gebunden hat. «Aber», so Rossini, «ich hatte Verständnis für den Trainer. Die Resultate stimmten, die Mannschaft war stabil, ich hätte an seiner Stelle auch nichts verändert. Ich habe mir immer gesagt: Hart trainieren – die nächste Saison gehört mir!»

Eleonora und Patrick Rossini

Eleonora und Patrick Rossini

Doch wo wird er ab Sommer 2019 spielen? Diese Frage ist nach dem verpassten Aufstieg ungeklärt. «Ich wollte vom Trainer und vom Sportchef wissen, wie sie mit mir planen. Sie sagten, sie würden mich gerne behalten. Aber wenn ich ein Angebot hätte, das ich annehmen will, würden sie mich gehen lassen.» Als Chiasso anklopft, scheint Rossinis frühzeitiger Abgang aufgegleist: Umso mehr, weil vor einigen Wochen Frau Eleonora mit den Kindern Leonardo und Vittoria ins Tessin gezügelt ist. «Leonardo kommt in die Schule, Vittoria in den Kindergarten. Nach meiner Karriere werden wir sowieso im Tessin leben. Wir wollen Stabilität für die Kinder – und auch für mich ist es besser, wenn sie mit der Tessiner Mentalität aufwachsen. Ich fühle mich zwar wohl in Aarau, aber im Herzen bin ich ein Tessiner.»

Rossini wohnt nun in einer Einzimmer-Wohnung in Gränichen, hat sich ein GA kauft und reist, wann immer es der Trainingsplan zulässt, zur Familie nach Giubiasco. «Wenn ich jeweils wieder gehen muss, fragen die Kinder traurig, warum. Auch für meine Frau ist es schwierig, dass ich nicht mehr jeden Tag zuhause bin.»

"Der Trainer weiss, dass ich bereit bin"

Trotz der Möglichkeit, im Tessin zu spielen und bei der Familie unter einem Dach zu leben, lehnt Rossini das Angebot des FC Chiasso ab. Nach dem Abgang von Goran Karanovic, der nicht ersetzt wurde, ist er in der Stürmerhierarchie die Nummer 3, hinter Maierhofer und Schneuwly. Dass er in Chiasso nicht annähernd so viel verdient hätte wie in Aarau, dürfte die Entscheidung auch beeinflusst haben.

Rossini sagt: «Ich fühle mich so fit wie noch nie, körperlich hat mir die lange Pause gut getan. Ich bin sicher, ich kann für den FC Aarau in den nächsten Monaten wichtig sein.» In den ersten drei Saisonspielen wurde er drei Mal eingewechselt, beim 4:1 gegen Kriens gab er die Vorlage zum letzten FCA-Tor, sein erster Skorerpunkt seit 16 Monaten. Mit 36 Toren in 96 Spielen seit Januar 2016 belegt Rossini den sechsten Rang in der ewigen Torschützenliste des FC Aarau. Rang 1, belegt von Charly Herbert mit 100 Toren, ist unerreichbar.

Doch schon den 54-fachen Torschützen Patrick De Napoli einzuholen, liegt drin. «Das ist mein Ziel. Gleichzeitig würde ich dann die Marke von 100 Challenge-League-Toren knacken, momentan habe ich 83. Am liebsten würde ich in einem Jahr den Vertrag in Aarau verlängern. Doch um diese Ziele zu erreichen, muss ich spielen. Ich bin bereit, der Trainer weiss das, ich warte auf meine Chance in der Startelf.» Warum nicht heute Abend in Chiasso, 16 Monate nach Beginn der Leidenszeit?