Während Tolossa Chengere seine Rolle als grosser Favorit bei den Männern bis ins Ziel durchspielte, gewann bei den Frauen nicht die lange Zeit souverän wirkende Jasmin Widmer den GP Fricktal – sondern Sabine Kuonen. Wie es dazu kam, ist spannend, überraschend, einzigartig.

Sofort nach dem Start übernahm die Vorjahressiegerin Widmer das Diktat. Und die Urnerin, im Frauenfeld klar jene Athletin mit dem eindrücklichsten Palmarès und sodann klare Favoritin, zog sofort von dannen. Die Sprintwertung nach sechs Kilometern enthielt keinerlei Dynamik. Widmer allein auf weiter Flur. Mit einem Abstand von über einer Minute folgte Sabine Kuonen, ihrerseits auch in keiner Weise bedrängt.

Ein Rätsel mit einer Profiteurin

Die klaren Verhältnisse begannen sich auf dem letzten Streckenviertel zu ändern. Plötzlich ging bei Widmer gar nichts mehr. Zwei Kilometer vor dem Ziel lief Kuonen nicht nur auf, sondern sogleich vorbei. «Ein Rätsel, wie es soweit hat kommen können», blickte Widmer später auf die entscheidende Phase zurück. Den Rhythmus wollte sie halten, das hatte sie im Kopf, doch plötzlich klappte dies nicht mehr. «Ich fiel vom Wettkampf- in den Schonmodus», erklärte sie. Schnell hakte die 30-Jährige ab: «Das war ein Testrennen nach dem Trainingslager, ich kann viel mehr leisten.»

Vom Einbruch Widmers profitierte vor allem eine: Sabine Kuonen. Die 28-jährige Walliserin aus Laden feierte damit einen überraschenden Triumph. «Grossartig, einen besseren Saisonstart kann ich mir nicht vorstellen», sagte sie nach dem Rennen. Als «gewaltigen Motivationsschub» empfindet die IT-Spezialistin, die bei Swiss Olympic in Ittigen im Kanton Bern arbeitet, den Sieg.

Siegerin: Sabine Kuonen.

Siegerin: Sabine Kuonen.

Obwohl sie seit Jahren ambitioniert läuft bestärkt Kuonen der Erfolg darin, dass weiterhin Fortschritte möglich sind. Die Zusammenarbeit mit Coach Heinz Zurbrügg im TV Länggasse Bern macht sich bezahlt. Kuonen gewann mit 1:02:27 Stunden und einem Vorsprung von 3:13 Minuten auf die Baslerin Anna Zehnder.

Nicht ganz so stark, aber dennoch vom Start weg auf sich alleine gestellt, lief Männersieger Tolossa Chengere. Der seit bald 20 Jahren in der Schweiz lebende Äthiopier mit einem mehr als beachtlichen Palmarès sah mit seinen 54:48 Minuten als Siegerzeit die Form bestätigt: «Der Weg passt.» Drei Tage vor dem Rennen erst war der 39-jährige Routinier aus dem Trainingslager in Äthiopien in seine neue Heimat zurückgekehrt. «Da wusste ich nicht genau, wo ich stehe», sagte er und zeigte sich befriedigt in seinen Körpersignalen. Und ebenfalls schätzte er, dass er nicht zu viel Kraft hat aufwenden müssen. Am Halbmarathon von Madrid am nächsten Sonntag will er seine Leistungsgrenze antasten.

Sieger: Tolossa Chengere.

Sieger: Tolossa Chengere.

Klare Entscheidungen gab es auch beim Hasenlauf über 5,85 km. Pierre Fournier (Mauborget) und Christine Müller (Aeschi b. Spiez) siegten mit einem Vorsprung von 1:10 Minuten (Fournier), respektive 33 Sekunden (Müller). Vor allem die 25-Jährige überzeugte. Nur sechs Männer liefen schneller.

Kaum ein Thema bei den aktiven Läuferinnen und Läufer waren der Regen und die tiefen Temperaturen. «Zum Laufen ideal», sagten sie vielfach lachend und glücklich, fast alle mit Morastspritzern verschmutzen Kleidern und Gesichtern. Zufrieden bilanzierten die Organisatoren: Gut 1300 Klassierte und aufbauende Rückmeldungen sowie das Greifen der Philosophie, vermehrt auf Familien, Kinder und Jugendliche aus der Region zu setzen. Im Vergleich zum Vorjahr liefen fast 100 Kinder mehr, nämlich 550.