Challenge League
Spitzenspiel zwischen Winterthur und Aarau: Was die Klubs voneinander lernen können

Wie der FC Aarau operiert der FC Winterthur mit sechs Millionen Budget – beim Weg zum sportlichen Erfolg unterscheiden sich die Klubs. Bei den Zürchern stellt man sich gar die Frage: Wollen sie überhaupt aufsteigen?

Sebastian Wendel
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Heute Abend treffen der FC Winterthur (links Buess) und der FC Aarau (Bergsma) im Spitzenspiel der Challenge League aufeinander.

Heute Abend treffen der FC Winterthur (links Buess) und der FC Aarau (Bergsma) im Spitzenspiel der Challenge League aufeinander.

Der FC Winterthur in der höchsten Liga? Hat es das in der Fussball-Neuzeit schon einmal gegeben? Man muss schon ein Fussball-Nerd sein, um diese Frage mit «Ja» zu beantworten. Doch es stimmt: In der Saison 1984/85 gaben die Eulachstädter ein Gastspiel in der damaligen Nationalliga A, stiegen mit mickrigen 13 Punkten aus 30 Spielen aber direkt wieder ab.

Ganz anders die Sichtweise auf den FC Aarau: Er gehört, obwohl seit 2015 pausenlos zweitklassig, gefühlt immer noch zum Inventar der Super League. In 31 von 40 Saisons seit 1981 war der Fussball im Brügglifeld erstklassigen. Der Anspruch, sowohl intern als auch im Umfeld, ist die Rückkehr und Etablierung in der Super League: Ende dieser Saison soll es soweit sein, die Verantwortlichen haben als Ziel Rang 1 oder 2 ausgerufen, also den Aufstieg.

In Winterthur hingegen will man offiziell nur «vorne mitspielen». Und das, obwohl der Klub mit 6 Millionen Franken Budget operiert, gleich viel wie der FC Aarau. Eine Übermacht wie in den vergangenen Jahren GC, Lausanne, Servette oder der FC Zürich hat es in dieser Saison keine – warum also ruft nicht auch Winterthur den Aufstieg zum Ziel aus?

Erst Identität, dann sportlicher Erfolg

«Erstklassig zweitklassig» - der inoffizielle Klubslogan verrät viel: «Winti» ist weit über die Stadtgrenzen hinaus populär, hat den höchsten Zuschauerschnitt der Liga, «Winti» steht für Sirupkurve und für soziale Integration – aber «Winti» und sportlicher Erfolg? Nein. Der FC Winterthur war in der vergangenen Saison die schlechteste Rückrundenmannschaft, nachdem man Weihnachten noch auf dem Barrageplatz feierte. Doch gestört hats niemanden. Will man in der sechstgrössten Stadt der Schweiz (115000 Einwohner) gar nicht mehr? Ist man zufrieden mit dem Image «Wohlfühloase»?

Andreas Mösli, der FCW-Geschäftsführer, im Stadion Schützenwiese.

Andreas Mösli, der FCW-Geschäftsführer, im Stadion Schützenwiese.

Alex Spichale

«Jahrelang hat der Ruf gestimmt, aber die Stimmung dreht», sagt Andreas Mösli. Seit Anfang Jahrtausend ist er Geschäftsführer beim FC Winterthur. Damals hatte der Klub 2,5 Millionen Franken Schulden, an die Spiele kamen im Schnitt 500 Zuschauer. «Wir mussten ein neues Fundament aufbauen. Doch statt die Leute mit Versprechen von sportlichem Erfolg anzulocken, setzten wir auf eine klare Identität.»

Ex-Besitzer Hannes W. Keller hat die Strategie unterstützt, jedes Jahr die finanziellen Löcher gestopft, aber nie viel gefordert. Und so hat der FCW – abgesehen vom Sportlichen – unter Mösli viel erreicht: Bei den Zuschauerzahlen ist man seit zehn Jahren ganz vorne dabei. Die Leute kommen, auch wenn die Mannschaft verliert.


Der FCA-Talk vor dem Spiel in Winterthur:


Es gibt noch einen weiteren Grund für die Zufriedenheit mit dem Status Quo: In Winterthur existiert kein Super-League-Bewusstsein – und so naturgemäss auch keine grosse Erwartungshaltung wie in Aarau, wo die Stadiongänger die Partien gegen Basel oder YB noch vor Augen haben. Viele FCW-Sympathisanten fragen sich zudem, ob es lohnenswert wäre, für einen Aufstieg die Identität aufzugeben.

Das, so Mösli, würde nicht drohen: «Wir sind mittlerweile so gefestigt, dass wir uns für die Super League nicht verändern müssten.» Und eben: Zwar gebe es weiterhin viele Romantiker, doch er spüre, dass die Ansprüche steigen. Im vergangenen Frühling sind trotz leeren Stadien Unmutsbekundungen von Fans über die schlechten Resultate an Mösli gelangt – früher hat das Publikum sogar nach Niederlagen geklatscht. Und auch intern rüstet man sich für einen allfälligen Aufstieg: Seit 2017 hat man mit Oliver Kaiser erstmals einen Sportchef und die Nachfolger von Ex-Präsident Hannes W. Keller, dessen Söhne, sind ambitionierter als ihr Vater.

Im letzten Spiel auf der Schützenwiese zwischen Winterthur und Aarau traf Olivier Jäckle (hinten) per Freistoss, der FCA ging dennoch als Verlierer (2:5) vom Platz.

Im letzten Spiel auf der Schützenwiese zwischen Winterthur und Aarau traf Olivier Jäckle (hinten) per Freistoss, der FCA ging dennoch als Verlierer (2:5) vom Platz.

Freshfocus

«Wir wollen vorne mitspielen – und das heisst in der Konsequenz, dass wir bereit wären für die Super League», sagt Mösli. Der Aufstieg werde jedoch nicht zum offiziellen Ziel, solange die Super League nur aus zehn Teams bestehe: «In der Challenge League bewegen sich viele Klubs auf Augenhöhe. Grosse Erwartungen schüren im Wissen, dass es schief gehen kann, auch wenn man eine gute Saison spielt, bringt nichts.»

Hier der FC Winterthur, der sich abseits des Spielfeldes eine Identität geschaffen hat und nun auf diesem Fundament sportlich angreifen will. Da der FC Aarau, der seit der Neuausrichtung vor einem Jahr daran ist, sich über mehr als die Sehnsucht nach der Super League zu definieren. Auch in dieser Hinsicht darf man sich auf das Spitzenspiel heute Abend auf der Schützenwiese freuen.

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