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Millionensumme belastet FC Aarau: So will der Klub vom Exodus aus dem Lazarett profitieren

Die sinkende Verletzungsrate seit dem Amtsbeginn von Sportchef Sandro Burki soll bald auch die Klubkasse entlasten. Die Gründe für eine erfreuliche Entwicklung.

Sebastian Wendel
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Olivier Jäckle, lange ein Sorgenkind, ist seit geraumer Zeit beschwerdefrei - ein Verdienst der hochklassigen medizinischen Abteilung beim FC Aarau.

Olivier Jäckle, lange ein Sorgenkind, ist seit geraumer Zeit beschwerdefrei - ein Verdienst der hochklassigen medizinischen Abteilung beim FC Aarau.

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2017 wurde Sandro Burki über Nacht vom Captain zum Sportchef des FC Aarau. Obwohl es sportlich damals alles andere als rund lief, war seine erste Neuverpflichtung kein Spieler, sondern ein neuer Mannschaftsarzt. Henning Ott von der Altius Klinik in Rheinfelden, den Burki zu Spielerzeiten kennen und schätzen gelernt hat. Ott ist mittlerweile in seine Heimat Deutschland zurückgekehrt, die Altius indes ist weiterhin die erste Anlaufstelle für gröber verletzte FCA-Spieler.

Fanszene kehrt ins Brügglifeld zurück

Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Hardcore-Fans heute wieder geschlossen im Brügglifeld. Mit der lautstarken Unterstützung seiner Anhänger hofft der FCA auf den ersten Heimsieg überhaupt gegen Stade Lausanne-Ouchy (bis dato zwei Remis und zwei Niederlagen). In der Tabelle liegen die Romands einen Zähler vor Aarau. Anpfiff ist am Samstag 18 Uhr, die AZ berichtet wie gewohnt mit Liveticker. (wen)

Mit dem Zentrum für Sportmedizin arbeiten unter anderen Schweizer Meister YB und Klubs aus der Bundesliga zusammen – ein Beleg dafür, wie gut und ­modern die Mannschaft des FC Aarau medizinisch betreut wird. Ebenso erhalten Spieler, die eine physiotherapeutische Behandlung benötigen, diese im «Med&Motion» im Aarauer Torfeld Nord. Im Brügglifeld sind zudem mit Assistenz- und Athletiktrainer Norbert Fischer, den Physios Phil Tiernan und Fabian Strütt sowie Osteopath Dirk Wüst Fachkräfte im Training und am Spielalltag vor Ort, um die der FC Aarau schweizweit beneidet wird.

Der frühere FCA-Teamarzt Henning Ott (Mitte) war die erste Verpflichtung von Sportchef Sandro Burki. Rechts neben ihm Physiotherapeut Phil Tiernan.

Der frühere FCA-Teamarzt Henning Ott (Mitte) war die erste Verpflichtung von Sportchef Sandro Burki. Rechts neben ihm Physiotherapeut Phil Tiernan.

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Das ist vor allem ein Verdienst von Sportchef Burki, der bei Amtsantritt den Aufholbedarf in diesem Bereich erkannt hat. «So wie es gute und weniger gute Spieler gibt, gibt es für uns besser und weniger geeignetes medizinisches Personal. Unser Anspruch ist es, im Rahmen der Möglichkeiten die besten Leute zu haben», sagt Burki.

Der medizinische Betreuerstab (es fehlt Assistenz- und Athletikcoach Norbert Fischer).

Der medizinische Betreuerstab (es fehlt Assistenz- und Athletikcoach Norbert Fischer).

Im Gegensatz zu früher erhalten die Profis individuelle, auf ihre Bedürfnisse und Schwächen angepasste Trainingspläne. Viel Gewicht haben präventive Übungen und die technische Überwachung der körperlichen Belastung. Gemäss Burki können so nicht nur muskuläre Verletzungen verhindert werden, auch das Risiko für Kreuzbandrisse, die eine monatelange Ausfalldauer zur Folge haben, verringert sich.

Besser als Spitzenklubs in den Topligen

Die Ausgaben für den Betreuerstab sind in den vergangenen vier Jahren deutlich gestiegen, im Gegenzug sind durch die neue Transferstrategie (Potenzial statt Prominenz) die Spielerlöhne gesunken. So langsam aber sicher trägt der Wandel Früchte: In einer Studie zur Saison 2020/21, in der die Ausfalldauer von Fussballern pro 1 000 Arbeitsstunden verglichen wurde, schneidet der FC Aarau besser ab als Spitzenvereine aus den europäischen Topligen, die sich Betreuerstäbe so gross wie Spielerkader leisten. Aktuell ist einzig Arijan Qollaku aus gesundheitlichen Gründen nicht einsatzfähig, der Verteidiger steht nach seiner im vergangenen Oktober erlittenen Knieverletzung jedoch kurz vor der Rückkehr ins Teamtraining.

Hat das Aufholpotenzial in der medinizischen Versorgung der FCA-Spieler erkannt: Sportchef Sandro Burki.

Hat das Aufholpotenzial in der medinizischen Versorgung der FCA-Spieler erkannt: Sportchef Sandro Burki.

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Sinnbildlich für die Entwicklung steht Olivier Jäckle: Wegen muskulären Problemen und unerkannten Problemen im Bewegungsapparat musste er jahrelang immer wieder pausieren. In der vergangenen Saison verpasste Jäckle nur drei Partien – nicht verletzt, sondern gesperrt. Zur Erinnerung: In der Saison 2017/18 fiel neben Jäckle 21 (!) Mal ein Spieler mindestens drei Wochen aus.

Nicht mehr jedes «Boboli» wird angemeldet

Das aktuell leere Lazarett ist zwar eine Momentaufnahme, auch beim FC Aarau werden sich wieder Spieler verletzen. Trotzdem: Die erfreuliche Entwicklung ist alles andere als Zufall. Und sie wird mittel- bis langfristig, wenn die Verletzungsrate tief bleibt, auch die Klubkasse entlasten.

Hintergrund: Der FC Aarau zahlt – wie schon 2020 – in diesem Jahr knapp eine Million Franken Prämien an seine Unfallversicherung; 2018 waren es noch 188000 Franken. Die Kostenexplosion ist eine Folge der Verletzungsflut in der Saison 2017/18, die UVG-Prämien belasten aktuell rund einen Sechstel des Gesamtbudgets. Und das, obwohl die beanspruchten Versicherungsleistungen in einem krassen Missverhältnis stehen zu den Prämien – der FCA zahlt also die Zeche für die Vergangenheit.

Neben der Aufrüstung der medizinischen Abteilung gab es auch eine Korrektur in der Abrechnungskultur – sprich: Nicht mehr jedes «Boboli» wird bei der Versicherung angemeldet. Dies und der Verweis auf die sinkende Verletzungsrate, zumindest hoffen das die FCA-Verantwortlichen, sind gute Argumente für eine Senkung der UVG-Prämien – die Verhandlungen für 2022 beginnen im Herbst.

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