Challenge League
Carlinhos: «Der Wechsel zu Aarau war für mich der richtige Entscheid»

Erst 21 Jahre alt ist der neue Mann beim FC Aarau. Obwohl er bereits hart einstecken musste in seiner jungen Karriere, lässt sich der junge Brasilianer nicht unterkriegen. Seinen Wechsel in die Challenge League sieht er als grosse Herausforderung.

Dean Fuss
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Carlinhos hat sich auf dem Platz bereits eingelebt - hier im Spiel gegen Rapperswil-Jona.

Carlinhos hat sich auf dem Platz bereits eingelebt - hier im Spiel gegen Rapperswil-Jona.

Sarah Rölli

Guilherme. Giovanna. In geschwungener Schrift prangen die Namen von Carlinhos’ Geschwistern an seinem Hals. Einer links, einer rechts. Dem 21-Jährigen bedeutet die Familie alles. Kein sonderlich überraschender Charakterzug für einen Brasilianer. Und schon gar nicht für einen, der versucht, sich fernab von seiner Heimat, einer Favela São Paulos, als Profi-Fussballer zu etablieren.

Das Engagement beim FC Aarau ist nicht der erste Anlauf, den Carlos Vinicius Santos de Jesus, wie Carlinhos mit bürgerlichem Namen heisst, in Europa nimmt. Aber der Neuanfang in der Challenge League ist auf jeden Fall der beschaulichere Weg.

Es war im Sommer 2012, als der damals 18-Jährige vom Bundesligisten Bayer Leverkusen verpflichtet wurde und voller Hoffnungen nach Deutschland reiste. Ein Jahr später flüchtete er völlig frustriert zurück nach Brasilien. Er hatte sich bei Leverkusen nicht durchsetzen können, war bereits in der Winterpause in die 2. Bundesliga an Jahn Regensburg ausgeliehen worden.

Carlinhos hatte Mühe, sich in Deutschland einzuleben, fühlte sich einsam. Aus der Heimat hatte ihn zudem die Nachricht erreicht, dass zwei seiner besten Jugendfreunde ums Leben gekommen waren. Einer starb an einer Überdosis, der andere verunfallte mit einem gestohlenen Auto.

Sein Karrierestart wurde verfilmt

Die Geschichte seines Scheiterns in Deutschland ist im Dokumentarfilm «Mata Mata – Spiel des Lebens» detailliert dokumentiert, weil Carlinhos damals eines von fünf jungen brasilianischen Talenten war, die die ARD im Vorfeld der WM 2014 während dreier Jahre mit der Kamera begleitet hatte. «Es war nie mein Ziel, so weit weg von zu Hause, von meiner Familie, von all meinen Freunden zu spielen», sagte Carlinhos damals.

Diese Aussage machte er im Frühling 2013 in die Kamera der Dokumentarfilmer – nur wenige Wochen vor seiner Rückreise. Etwas muss sich also geändert haben, dass er es noch einmal in Europa versucht. «Damals war ich noch sehr jung. Ich hatte grosse Sehnsucht nach meiner Heimat, meinem persönlichen Umfeld. Mittlerweile bin ich reifer geworden. Ich bin bereit für die neue Herausforderung hier beim FC Aarau», sagt Carlinhos in diesen Tagen. Obwohl die Zeit in Deutschland nicht einfach gewesen sei, habe sie ihn vor allem fussballerisch ein grosses Stück weitergebracht.

Im Gegensatz zu seiner Zeit in Deutschland fühlt er sich beim FC Aarau auch abseits des Fussballplatzes wohl. «Ich habe hier eine schöne Wohnung, das gefällt mir viel besser als in Deutschland», sagt er.

Seinen Anteil an Carlinhos’ Wohlergehen hat auch Silvan Schertenleib, Präsident der Sponsorenvereinigung des FCA. Er kümmert sich um den Neuzuzug, der sich vorletzte Woche trotz anderer Angebote für den Super-League-Absteiger entschied. «Für mich war das der richtige Entscheid. Mir gefällt die Stadt und ich sehe hier gute Entwicklungsmöglichkeiten für mich», sagt Carlinhos.

Wer ist Ratinho?

Der letzte Brasilianer, der beim FCA richtig für Furore sorgte, war Ratinho. Der heute 44-Jährige bestritt zwischen 1993 und 1996 101 Meisterschaftsspiele für die Aarauer und erzielte dabei 24 Tore. Danach wechselte er in die 1. Bundesliga zu Kaiserslautern. «Der Name sagt mir nichts», sagt Carlinhos. Dafür ist er wohl zu jung. Dass der FCA in jüngerer Vergangenheit keinen Brasilianer mehr im Kader hatte, erklärt sich ganz einfach: Sie sind im Normalfall zu teuer, wie Sportchef Urs Bachmann sagt.

Carlinhos’ Verpflichtung hingegen ist durch das Leihgeschäft mit Red Bull Brasil, wo er noch bis 2019 unter Vertrag steht, tragbar. Der neue FCA-Trainer Livio Bordoli sieht im polyvalent einsetzbaren Carlinhos einen Schlüsselspieler, der wohl für die Zehnerposition vorgesehen ist.

Gute Aussichten für den zweiten Anlauf in Europa. Und auch neben dem Platz sieht es besser aus als noch beim ersten Anlauf: Seine Geschwister trägt er dank der Hals-Tattoos immer bei sich und bald schon soll seine Freundin in die Schweiz nachkommen. Das Flugticket für sie will Carlinhos kaufen, sobald er seinen ersten Lohn beim FCA erhalten hat. Er will sich hier etablieren, schliesslich ist er gekommen, um zu bleiben.

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