Vier Spiele, null Punkte, null Tore und dann dieser Tritt. Ratsch! Syndesmoseband gerissen. Marco Schneuwly ahnt sofort, was die – O-Ton – «brutalen Schmerzen» bedeuten: lange Pause.

Dabei scheint das Spiel in Amriswil am 18. August ein erster kleiner Schritt aus dem Loch zu werden: In der 20. Minute gibt Schneuwly die herrliche Vorlage zum 1:0. Nach vier Nullnummern in der Meisterschaft liegt im Cup der erste Treffer des Aarauer Königstransfers in der Luft. Doch dann macht die übermotivierte Grätsche eines Ostschweizer Hobbykickers alle Anzeichen auf Besserung kaputt.

«Wie gut, ist Schneuwly wieder da»

Zwei Monate später spielt der FC Aarau gegen Wil. Letzter gegen Erster. Nach 75 Minuten nimmt Trainer Patrick Rahmen den 1:0-Torschützen Stefan Maierhofer vom Platz, für den 36-jährigen Österreicher kommt der 33-jährige Marco Schneuwly ins Spiel. Dank dessen Ruhe am Ball gelingt es dem FCA in der Schlussphase, sich immer wieder aus der Schlinge des Gegners zu befreien.

In der 95. Minute ist es Schneuwly, der mit einem Pass auf Varol Tasar das 2:0 einleitet. Im Nachgang der Partie fällt oft der Satz: «Wie gut, ist Schneuwly wieder da.» Auch Rahmen ist froh um das Comeback des Fribourgers: «Was er tut, macht immer Sinn. Dazu ist er ein Vorbild für die jungen Spieler, sie schauen zu ihm hoch.»

Dass Schneuwly bereits Ende Oktober zurückkehrte, damit war nicht zu rechnen. Es hiess gar, Schneuwly werde in diesem Jahr gar keine Spiele mehr bestreiten. «Er hat mehr getan als nötig in den vergangenen Wochen, der Lohn ist die frühe Rückkehr», sagt Rahmen und fügt an: «Marco hat mit seinem Fleiss nicht nur sich selber, sondern auch uns belohnt. Seine Präsenz und seine Erfahrung werden uns in den nächsten Wochen helfen.»

Die Gründe für den Absturz

Am grössten ist die Freude über die Rückkehr bei Schneuwly selber. «Auf der Tribüne zu sitzen und nicht helfen zu können, ist immer unschön. Wenn es dann der Mannschaft nicht läuft, macht das die Machtlosigkeit doppelt schlimm», blickt er auf die zurückliegenden zwei Monate zurück.

Als Zuschauer hatte Schneuwly genug Zeit, sich Gedanken zu machen über die Gründe für den Absturz ans Tabellenende. «Das Erstaunlichste war die Tatsache, dass so viele Spieler gleichzeitig ein Formtief hatten. Normalerweise haben zwei, maximal drei Spieler gleichzeitig Mühe, das kann die Mannschaft im Kollektiv auffangen. Wenn fast alle mit sich kämpfen, geht das nicht.»

Die These, dass es dem FC Aarau in der Vorbereitung mit Siegen gegen Basel, GC und Thun zu gut lief, lässt Schneuwly nicht gelten. «Statistisch sind wir nicht die erste Mannschaft, die auf eine starke Vorbereitung einen schlechten Saisonstart folgen lässt. Aber wer verliert schon extra Testspiele? Wir sind Sportler, wir wollen immer gewinnen. Die zwei Niederlagen zu Beginn gegen Winterthur und Servette dürfen wir nie zulassen, wir waren klar besser. Und dann schrumpfte das Selbstvertrauen nach jedem weiteren Schlag auf den Deckel.»

«Es liegt nun an uns Spielern»

Obwohl er zuletzt nicht auf dem Platz stand, war Schneuwly nah bei den Mitspielern und im Austausch mit Trainer Patrick Rahmen und Sportchef Sandro Burki. Als Teil des Spielerrats stärkte er Rahmen den Rücken, sodass die Klubführung trotz der vielen Niederlagen auf einen Trainerwechsel verzichtete. «Aussenstehende hätten eine Entlassung sofort verstanden. Aber wir, die reinsehen, nicht. Wir Spieler vertrauen dem Trainer. Angesichts der schlechten Resultate ist die Stimmung im Team überraschend gut. Mich freut es sehr, dass der FC Aarau an der Philosophie mit Rahmen festhält, obwohl es schlecht lief. In der Vergangenheit wurden viele Vereine dafür belohnt, in Krisenzeiten am Personal festgehalten zu haben. Wozu wir fähig sind, hat die Vorbereitung gezeigt. Das kann ja nicht einfach alles weg sein. Es liegt nun an uns Spielern, die Geduld der Klubführung zu honorieren.»

Schneuwyl, der Führungsspieler

Schneuwly kommt bei der geplanten Aufholjagd des Tabellenletzten eine Schlüsselrolle zu. Als Führungsspieler, der auch mal das Wort in der Kabine ergreift. Das war früher in Luzern, wo Rahmen und Schneuwly sich kennen lernten, noch nicht so.

Salopp gesagt war es damals so: Schneuwly kam morgens ins Training, fuhr mittags wieder nach Hause und erzielte am Wochenende die Tore so trocken, wie sein Charakter es ist. «Marco spürt, dass sich in Aarau die Mitspieler an ihm orientieren und er als Anführer gefragt ist. Er übernimmt mehr Verantwortung als noch in Luzern», sagt Rahmen.

Eine Hierarchie ist wichtig

Nach 103 Toren und über 40 Assists in der Super League für YB, Thun, Luzern und Sion will sich Schneuwly auch in Zukunft primär an Skorerpunkten messen lassen. «Klar ist: Nur wer Leistung zeigt, ist als Führungsspieler akzeptiert. Ich bin unter anderem nach Aarau gekommen, um den jungen Spielern etwas mitzugeben. Es ist wichtig, dass es in der Kabine und auf dem Platz eine Hierarchie gibt», sagt Schneuwly. «Mein Wort hat Gewicht, das merke ich, das hat sicher damit zu tun, was ich in meiner Karriere schon geleistet habe.»

Das Spiel vor einer Woche war ein Neustart. Für den FC Aarau, den der Schwung aus dem Heimsieg gegen Wil in der Tabelle nach oben führen soll. Und für Marco Schneuwly, der nach der Zwangspause auf das erste Tor für seinen neuen Arbeitgeber brennt.