Challenge League

Billiger Erfolg gegen teures Elend: Was Leader Wil vom Krisenklub FC Aarau unterscheidet

So wars im Hinspiel: Aussenseiter Wil jubelt (hinten) über den 2:0-Sieg, die hochdotierten Aarauer versagen.

So wars im Hinspiel: Aussenseiter Wil jubelt (hinten) über den 2:0-Sieg, die hochdotierten Aarauer versagen.

Freitag 20 Uhr im Stadion Brügglifeld: 5 Millionen Lohnbudget gegen 1 Million - FC Aarau gegen FC Wil - Letzter gegen Erster. Die Ostschweizer sind zum Sparen verdammt und machen aus der Not eine Tugend. Der FC Aarau leistet sich die teuerste Mannschaft der Challenge-League-Geschichte und kämpft gegen den Abstieg.

Es ist genau ein Jahr her, als der FC Wil war, was der FC Aarau heute ist: Tabellenletzter der Challenge League.

Im Dezember 2017 übernimmt der langjährige Verwaltungsrat Maurice Weber (56) das Präsidentenamt vom scheidenden Roger Bigger. Der Chef einer Architektur- und Ingenieurfirma mit 80 Angestellten zementiert den Ruf des Vereins als «Stehaufmännchen», indem er ihn von ganz unten nach ganz oben führt: Die Wiler sind seit Jahresbeginn die beste Mannschaft der Challenge League und gastieren am Freitagabend als Tabellenführer beim Tabellenletzten im Brügglifeld.

Wil-Präsident Maurice Weber

Wil-Präsident Maurice Weber

17 Punkte trennen Wil und Aarau vor dem 12. Spieltag. Eine vor der Saison durchaus vorstellbare Differenz, aber mit vertauschten Rollen. Maurice Weber erklärt den Erfolg unter seiner Regie.

Lohnpolitik:

Der panische Rückzug der türkischen Mäzene im Januar 2017 hallt bis heute nach. «Jeden Monat begleichen wir offene Rechnungen», sagt Weber. Wegen des Spardrucks kann er sich keinen Sportchef leisten, sondern führt im Nebenamt alle Gehaltsverhandlungen selber. Knallhart. Das Wiler Lohnbudget für die Profimannschaft beträgt in dieser Saison rund 1 Million Franken. Zum Vergleich: Der FC Aarau gibt über 5 Millionen aus. Weber: «Wir haben drei Lohnstufen: für junge, für mittelaltrige und für erfahrene Spieler. An den Obergrenzen rütteln wir nicht.» Als im Juni Granit Lekaj, der Captain, ein finanziell besseres Angebot aus Winterthur erhält, zieht Weber nicht nach und lässt ihn gehen. «Wenn Einer geht, weil er woanders mehr verdient, spielt er wegen des Geldes. Dann ist er der Falsche für uns.» Grosse Gehaltsunterschiede seien Gift fürs Gruppenklima: «Spielt Einer schlecht, verdient aber zehn Mal mehr als die anderen, gibt es Ärger.» In Aarau bewegen sich die Fixlöhne zwischen knapp 2000 und 12 000 Franken!

Charakter:

«Egos haben bei uns keinen Platz, unsere Anführer müssen die Demut und den Fleiss vorleben.» Als Weber Präsident wurde, standen zwei grosse Namen im Kader: Johan Vonlanthen und Roman Kienast, ehemalige Nationalspieler für die Schweiz und für Österreich. Kurz darauf war Kienast weg und Vonlanthen nur noch Statist .

Weber sagt: «Bei welchem Klub ein Spieler schon gespielt hat oder was er alles erreicht hat, das interessiert mich nicht. Mich interessiert der menschliche Inhalt.» Denn: «Wer mehrere Jahre Fussballprofi ist, der kann gut genug kicken für die Challenge League.» Bevor er einen älteren Spieler verpflichte, wolle er diesem ins Gesicht schauen und die Bereitschaft spüren, für einen verhältnismässig kleinen Lohn Grosses zu leisten.

In den Beinen der Aarauer Profis stecken weit über 1000 Super-League-Spiele. Elsad Zverotic und Stefan Maierhofer haben in der Premier League, der besten Liga der Welt, gespielt. Die Achse des FC Wil besteht laut Weber aus Nils von Niederhäusern, Sandro Lombardi und Silvio. Das Trio vereint gerade mal 71 Super-League-Einsätze.

Umso höher ein Spieler in seiner Karriere war, umso schwerer fällt es ihm, sich für die unprätentiöse Challenge League zu motivieren. Das gilt für Alt und Jung. Die Leihspieler des FC Aarau stammen aus den Nobelklubs FCB, YB und GC. Ihr Abstieg ist emotionaler schwerer zu verdauen als jener der Wiler Leihspieler vom FC St. Gallen, denen der Umweg via Wil vorausgesagt wird. Die Challenge League, so Weber, sei die ideale Ausbildungsstätte. «Kicken können alle Talente in der Schweiz. Ob eines den Sprung nach oben schafft, entscheidet sich im Kopf. Wer bescheiden und demütig ist, schafft es bei uns zum Stammspieler und später in eine höhere Liga.»

Jung vor Alt:

Weber sagt: «Sind zwei Spieler gleich gut, spielt der jüngere, wenn er uns gehört. Die jungen Spieler kommen zu uns, weil sie Perspektiven sehen.» Das würde auch in Krisenzeiten gelten. «Junge rauszunehmen mit dem Argument, man müsse sie schützen, halten wir für falsch. Wer sich in diesen Phasen durchbeisst, der ist mental bereit für höhere Aufgaben.» Mit dem Transfer von Basil Stillhart im Sommer zu Thun hat sich Webers Philosophie nach kurzer Zeit ein erstes Mal ausbezahlt. Der letzte Aarauer, der in eine höhere Liga wechselte, war 2015 Joël Mall (zu GC).

Trainer:

Statt nach dem katastrophalen Herbst 2017 Konrad Fünfstück zu entlassen, hielt Weber am Deutschen fest. Bedingung: Das fade Spielsystem wird verändert und: Ab sofort zählen Namen nichts mehr, ab sofort ist Wil nur noch ein Ausbildungsverein. Neun Spieler mussten gehen. Resultat: 49 Punkte im Jahr 2018 – Bestwert.

Mit dem FC Wil sehr erfolgreich unterwegs: Trainer Konrad Fünfstück

Mit dem FC Wil sehr erfolgreich unterwegs: Trainer Konrad Fünfstück

Demut:

Maurice Weber sagt: «Auf dem Papier ist Aarau der Favorit gegen uns. Aber in der Challenge League schiesst Geld keine Tore. Teamspirit und Bescheidenheit sind wichtiger.» So ändere beim FC Wil der Höhenflug nichts: «Jeder Sieg gibt Selbstvertrauen, wir bremsen die Spieler nicht. Aber wir erwarten immer noch das Gleiche wie zu Beginn der Saison. Ehrliche Arbeit und vollen Einsatz. Dass wir auch nach Niederlagen Gewissheit haben: Jeder Einzelne hat bis zum Schluss für den FC Wil gekämpft.»

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