Barrage oder nicht? Es sind nervenaufreibende Tage beim FC Aarau. Wie geht es Cheftrainer Patrick Rahmen? Ist der 50-Jährige auch innerlich so ruhig, wie er sich nach aussen gibt? Wir haben ihn am Tag nach dem 1:1 gegen Kriens getroffen. Rahmen hat sich einen Schnupfen geholt – «kein Problem, es ging mir in dieser Saison schon schlechter».

Können Sie in der Freizeit den FC Aarau gedanklich zur Seite legen?

Patrick Rahmen: Ich fühle mich momentan schon wie im Hamsterrad, nach einem Spiel geht der Fokus sofort auf das nächste. Aber mindestens ein halber Tag pro Woche gehört der Familie, zum Beispiel bummeln wir dann durch den Zolli. Wenn ein bisschen Zeit für mich selber übrig bleibt, gehe ich Tennis spielen. Aber das kommt sehr selten vor.

Müssen Ihre Familie und Ihre Freunde zurzeit mehr auf Sie verzichten?

Nicht mehr als sonst. Aber der Trainerjob bedingt, auf Dinge zu verzichten, die für andere Familien selbstverständlich sind. Etwa gemeinsame Ferien: Mitten in den Sommerferien startet die neue Saison. Wir versuchen, im Winter gemeinsam in die Ferien zu gehen. In dieser Saison hat nicht mal das geklappt. Das hat vor allem meine Frau sehr bedauert.

Wie geht sie damit um, dass Familien- und Paarzeit zu kurz kommt?

Ich bin ja schon lange Trainer, sie kennt die Situation. Aber jede Woche birgt Überraschungen, plötzlich muss ich spontan länger im Brügglifeld bleiben oder an einen Termin. Dann führen wir die gleichen Diskussionen wie andere Paare auch. Ich bin sehr froh, dass mir meine Frau zuhause den Rücken freihält und alles im Griff hat.

FCA-Trainer Patrick Rahmen feiert mit seinem Sohn den 3:0-Sieg gegen Lausanne

FCA-Trainer Patrick Rahmen feiert mit seinem Sohn den 3:0-Sieg gegen Lausanne

Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Nein. Aber mir ist bewusst, wie viel Verständnis und Rücksichtnahme es von meiner Frau, meiner Tochter, meiner Sohn und meinen Mitmenschen braucht, damit ich diesen Job ausüben kann. Wenn ich an Trainingstagen abends um 7 Uhr heimkomme, habe ich noch knappe zwei Stunden für die Kinder. In dieser Zeit lege ich dann auch das Handy weg und bin voll für sie da.

Haben Sie ein Ritual, das Sie nach den aufwühlenden Spielen runterholt?

Die Heimfahrt nach Dornach. In diesen 45 Minuten lasse ich die Spiele vor dem inneren Auge Revue passieren, zuhause lese ich den Spielbericht der «Aargauer Zeitung» und gehe dann ins Bett.

Und wie gut oder schlecht schlafen Sie nach der Lektüre ein?

Einschlafen fällt mir nie schwer. Oft kommt es vor, dass ich vor dem Fernseher einnicke.

Sie treten in der jetzigen Erfolgsphase genauso abgeklärt auf wie in der Krise im Herbst. Wie sieht es in Ihrem Inneren aus?

Ich freue mich extrem über Siege, aber innerlich, ich bin keiner, der nach dem Schlusspfiff Purzelbäume schlägt.

Sie stehen seit Herbst unter Dauerdruck. Erst ging es darum, die Abstiegszone zu verlassen. In der Rückrunde hätte eine Niederlage mehr als jene in Vaduz den Barrage-Traum beerdigt.

Nach unserem schlechten Start war ich oft als Feuerwehrmann gefragt. Mittlerweile verspüre ich eine grosse Freude, dass alle im Brügglifeld das Wohl der Mannschaft in den Vordergrund stellen. Den Druck machen wir uns selber, wir sind Sportler, jetzt wollen wir das Maximum. Aber ich denke nicht, dass wir kritisiert würden, wenn wir die Barrage verpassen sollten. Wenn man zusätzlich zu unserem Saisonstart bedenkt, welche finanziellen Möglichkeiten Servette und Lausanne haben.

Wie haben Sie es geschafft, in dieser verrückten Saison stets kühlen Kopf zu bewahren?

Ich habe vorhin in Basel, Hamburg, Biel und Luzern gearbeitet – überall gab es turbulente Phasen, mein Rucksack ist gut gefüllt. Dies verbunden mit der Reife eines 50-Jährigen hat geholfen.

Hätte ein junger Trainer die FCA-Krise im Herbst nicht gemeistert?

Ich denke, einem Jüngeren wäre es schwerer gefallen, ruhig zu bleiben. Das ist nichts als logisch, wenn man so eine Situation zuvor nie hatte.

Sind Sie heute ein anderer Trainer als vor der Saison?

Ich hoffe, ich bin ein besserer Trainer. Ich habe für mich die Bestätigung erhalten, in schwierigen Situation die richtigen Schlüsse zu ziehen und Massnahmen einzuleiten.

Sind Sie auch ein anderer Mensch geworden?

Früher wollte ich es immer allen recht machen. Das ist gerade für Fussballtrainer eine Illusion. Es gibt Regeln, die muss man einfordern und die sind nicht diskutabel. Andererseits erachte ich es als absolut notwendig, dass ich den Spielern ihre Rollen erkläre, vor allem denen natürlich, die nicht spielen. Authentizität ist das Schlüsselwort.

Patrick Rahmen hat ein ausserordentlich gutes Verhältnis zu seinen Spielern

Patrick Rahmen hat ein ausserordentlich gutes Verhältnis zu seinen Spielern

Ihr Assistent Stephan Keller sagt, eines Ihrer grössten Verdienste sei es, dass sich alle in der Gruppe wohlfühlen.

Technisch und taktisch sind die meisten Profitrainer auf ähnlichem Level. Die Spreu trennt sich vom Weizen, wenn es um den Umgang mit den Spielern und den Mitarbeitern im Trainerteam geht. Ich setze mich gerne mit Menschen auseinander. Darum freut es mich so sehr, wie solidarisch die Spieler untereinander sind. Obwohl längst nicht jeder mit seiner persönlichen Situation zufrieden ist, wollen alle, dass die Mannschaft Erfolg hat.

Wie schmal ist der Grat zwischen Leistungskultur und Wohlfühloase?

Falls nötig, werde ich schon laut und unangenehm. Ich gebe den Spielern Leitplanken vor, innerhalb dieser lasse ich sie gewähren. Wer sie überschreitet, kriegt ein Problem mit mir.

Was überwiegt bei Ihnen: Die Genugtuung, die Wende hingekriegt zu haben, oder die Anspannung wegen dem Barrage-Kampf?

Klar haben wir schon jetzt Ausserordentliches geleistet, aber wir sind Sportler, die Meisterschaft läuft. Wenn wir am Ende Dritter werden, haben wir trotz grandioser Aufholjagd nichts in der Hand. Ich bin überzeugt, dass wir es in die Barrage schaffen. Dann werde ich sicher lauter jubeln als sonst.

Müssen Sie sich in einer ruhigen Minute kneifen, was in dieser Saison mit dem FC Aarau passiert ist?

Warum?

Sie haben Fussball-Gesetze ausgehebelt. Wer mit sechs Niederlagen in die Saison startet, ist statistisch quasi abgestiegen, gefühlt sowieso. Ihre Mannschaft aber schnuppert zwei Spieltage vor Schluss am Aufstieg.

Der Verlauf ist schon krass. Aber so überraschend wie für Aussenstehende ist er für uns nicht: Von den ersten sechs Spielen waren nur zwei wirklich schlecht, die anderen vier hätten wir gewinnen müssen. Damals waren null Punkte nicht logisch. Es ist vielmehr logisch, dass wir nun Zweiter sind.

Wann spürten Sie erstmals, dass die Barrage ein realistisches Ziel ist?

In der Winter-Vorbereitung. Es gab keine andere Option: Um den Konkurrenzkampf und die Stimmung aufrecht zu erhalten, mussten wir der Mannschaft hohe Ziele vorgeben.

Denken Sie, die Wahnsinns-Serie mit 54 Punkte aus den letzten 23 Spielen basiert darauf, dass der FCA vorher so tief gesunken ist?

Nein, sie ist die Folge unserer Entwicklung. Gemäss Ihrer These hätte sich die Mannschaft ab dem Moment zurückgelehnt, als der Abstieg kein Thema mehr war.

Als Stefan Maierhofer geholt wurde, hatte der FCA null Punkte. Trotzdem liess er sich eine Aufstiegsprämie in den Vertrag schreiben! Überheblichkeit oder Überzeugung? Maierhofer kannte die Mannschaft ja nicht.

Fragen Sie mal Charly Herberth, warum er 1985 als einziger Aarauer eine Cupsiegprämie im Vertrag hatte. Maierhofer wusste dank seiner riesigen Erfahrung, dass in der Saison noch sehr viel passieren kann, er hat einfach alle Eventualitäten abgesichert. Als Verein denkt man in einem solchen Moment: Wenn wir den Aufstieg tatsächlich schaffen sollten, zahlen wir die Prämie gerne.

Haben Sie eine Barrage- oder eine Aufstiegsprämie im Vertrag?

Details verrate ich keine. Nur so viel: Auch mein Vertrag ist leistungsdotiert.

Die Geschichte, wie Sie den FCA aus dem Keller auf den Barrageplatz geführt haben, ist auch ein Bewerbungsschreiben. Haben sich schon andere Vereine gemeldet?

Nein und daran verschwende ich keinen Gedanken. Einerseits habe ich beim FCA Vertrag bis 2020, andererseits liegt mein Fokus voll und ganz auf den nächsten Spielen.