Michael Hunziker sitzt im Sitzungszimmer der Kanzlei Schärer Rechtsanwälte und hat einen Stapel Papier vor sich. Hier, an der Hinteren Bahnhofstrasse in Aarau, ist der 52-Jährige seit 2003 als Anwalt und Notar tätig.

Es liegen so viele Blätter vor ihm, dass sie kaum mehr ins Sichtmäppchen passen. «Das sind die Einzahlungen eines einzigen Tages, es ist überwältigend», sagt Hunziker. Bis gestern Mittag sind 341 669 Franken zusammengekommen.

Projekt «meinstadion.ch»

«Die Leute realisieren, dass es Matthäi am Letzten ist. Am 18. Mai 2018 muss klar sein, ob das Stadion gebaut wird. Dann verfällt die Baubewilligung», sagt Hunziker. Vor gut einer Woche haben er und seine Mitstreiter das Projekt «meinstadion.ch» (AZ vom 16. November 2017) vorgestellt.

Es geht darum, bis Ende März 2018 vier Millionen Franken zu sammeln, damit das neue Stadion des FC Aarau unabhängig von den beiden geplanten Hochhäusern gebaut werden kann. Hunziker sagt: «Es geht um alles oder nichts. Wer jetzt noch mit einer neuen Idee kommt, ist zu spät.»

Geschrieben auf einem Segelschiff

Seine eigene geht auf Anfang Mai zurück, als er in der AZ las, dass die Totalunternehmerin HRS mit dem Bau des Stadions erst beginnen werde, wenn sie eine rechtsgültige Baubewilligung für die Hochhäuser habe.

«Da wurde mir klar: Jetzt muss etwas passieren», sagt Hunziker. Beim Joggen an der Aare sei dann die Idee mit dem Crowdfunding herangereift, und in den Ferien auf einem Segelschiff in Kroatien habe er niedergeschrieben, wie man das Stadion finanzieren könnte. Er stellte ein Kernteam mit sieben Personen zusammen, und dieses machte sich an die Arbeit.

Im Wissen, dass das Projekt nur dann eine Chance hat, wenn die ganze FCA-Familie dahintersteht: der Leistungsfussball, der Breitenfussball, die Frauen, der Aargauische Fussballverband und die Sponsorenvereinigung.»

Die Rettung des FCA

210 Arbeitsstunden hat Hunziker seit Ende August ins Projekt investiert. Um zu verstehen, weshalb er dies tut, ist ein Blick zurück ins Jahr 2002 hilfreich. Hunziker war damals Präsident des FC Aarau geworden und stellte einen Monat später fest, wie prekär die finanzielle Situation war und dass der Verein dem Konkurs entgegensteuerte.

Es fehlten drei Millionen Franken, um alte Schulden zu begleichen, und eine Million, um die Liquidität zu sichern. Hunziker hatte die Idee, den FC Aarau in eine AG zu überführen und dafür Aktien zu verkaufen. Nach einem harzigen Beginn stand kurz vor Weihnachten fest: Der FCA ist gerettet!

Kommt jetzt die zweite Rettung?

15 Jahre später schickt sich Hunziker zusammen mit seiner Crew ein zweites Mal an, dem FCA zu helfen. «Wenn dieser nicht überlebt, würden meine vier Jahre als Präsident keinen Sinn ergeben», erklärt Hunziker, weshalb er noch einmal mit vollem Einsatz in die Hosen gestiegen ist. Ein zweiter Grund ist das Herzblut.

«Meine Familie trägt das FCA-Gen in sich», sagt Hunziker, dessen Frau ebenfalls Mitglied des Kernteams ist. Die Tochter Julia (17) spielt bei den U19-Frauen des FCA, der Sohn Gabriel (13) bei den C-Junioren. «Als ich Präsident war, nahm ich Julia jeweils mit an die Spiele. Auf der Rückfahrt von den Auswärtspartien hat sie dann hinten im Teambus geschlafen.»

Es waren vier turbulente Jahre mit dem 100-Jahr-Jubiläum, dem vermeintlichen Abstieg, der Rettung am Grünen Tisch, der Rettung vor dem Konkurs − und immer schaffte der FCA den Ligaerhalt.

Ein Kampfspiel

Heute ist dieser finanziell kerngesund, spielt aber nur noch in der Challenge League. «Das ist eine Hungerliga», sagt Hunziker, der seit 2011 wieder Präsident der FCA-Sponsorenvereinigung Club 100 und ein regelmässiger Matchbesucher ist.

Er wird auch am Montag beim Derby in Wohlen sein und erwartet ein Kampfspiel auf Biegen und Brechen. Und dass die Spieler so kämpfen wie er um das neue Stadion. Aber er betont:

Zusammenhalt ist gefragt

«Das Projekt ist keine One-Man-Show. Alleine wäre ich chancenlos.» Doch Hunziker ist sich sicher: «Es gibt im Aargau keine Institution, die durch alle politischen Parteien, Alters- und soziale Schichten hindurch einen solchen Zusammenhalt generiert wie der FC Aarau.»

Vor Hunziker liegt ein Zeitungsausschnitt von 2002. In einem Interview hat er damals gesagt: «Ohne neues Stadion keine Zukunft.» Hunziker sagt: «Es ist verrückt, dass dieser Satz aktueller denn je ist.»