Vergangenen Samstag in Lausanne: Maurice Weber steht in der VIP-Lounge des Stade Olympique de la Pontaise und schaut ins Rund der riesigen Sportstätte. Der Präsident des FC Wil setzt eine Sonnenbrille auf, blickt in die untergehende Sonne und nippt an einem Glas Rotwein.

Weber macht vor dem Anpfiff des Duells zwischen Goliath Lausanne und David Wil einen lockeren Eindruck und erzählt aus dem Nähkästchen. Darüber, warum der Verwaltungsrat des FC Wil Ciriaco Sforza zum neuen Trainer bestimmt hat.

Eine Familie

«Der FC Wil ist schon seit Jahren in Kontakt mit Sforza», sagt Weber, «das Timing hat allerdings nie gestimmt. Jetzt hat es endlich geklappt. Ciriaco steht hinter unserem Nachwuchsprojekt und ist bereit, langfristig mit jungen Spielern zu arbeiten. Wir haben vollstes Vertrauen in seine Person und ihm deshalb einen Dreijahresvertrag gegeben, was zugegeben ungewöhnlich ist. Momentan helfen wir ihm, eine Wohnung zu finden. Der FC Wil ist eine Familie. Und in einer Familie sind alle füreinander da.»

Nette Worte! Und so ist Weber vor dem Spiel seiner Wiler in Lausanne guter Dinge. Knappe zwei Stunden später sieht die Welt etwas anders aus. Die Ostschweizer beginnen zwar couragiert, laufen aber schon nach eineinhalb Minuten in einen Konter: 1:0 für Lausanne!

Von diesem Schock erholen sich die Wiler nicht. Sie verlieren 0:2 und oben in der VIP-Loge macht Weber aus seiner Enttäuschung kein Geheimnis. «Das war gar nichts», sagt der 57-Jährige. «Wir waren nicht aggressiv und hatten keinen Biss.»

Das Fiasko im Berner Oberland

Trotz des Tauchers in Lausanne: An Webers Überzeugung, dass Sforza der richtige Trainer für die Wiler ist, ändert sich nichts. «Wir hatten rund siebzig Bewerbungen für die Nachfolge von Ex-Trainer Konrad Fünfstück», sagt er. «Die Wahl fiel auf Sforza, weil er alle Voraussetzungen mitbringt.»

Als Unternehmer und Chef einer Ingenieur- und Architekturfirma mit 80 Angestellten verfügt Weber sicher über die nötigen Menschenkenntnisse, ob Sforza als Person nach Wil passt. Doch kann Weber auch einen guten von einem schlechten Trainer unterscheiden? Das Fussballgeschäft hat eigene Gesetze und ist vor allem eines – unberechenbar!

Sforza soll den FC Wil also bis 2022 führen. Jener Mann, dessen letzte Anstellung beim FC Thun gerade mal drei Monate gedauert hat. Die Zeit vom Juli bis September 2015 war sowohl für die Berner Oberländer als auch für Sforza von A bis Z ein Missverständnis. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen:

Thun-Sportchef Andres Gerber besuchte Sforza an seinem Wohnort Wohlen und rollte dem prominenten Kandidaten den roten Teppich aus. Sforza liess sich überreden, gibt heute aber zu, dass er das Traineramt in Thun nie und nimmer hätte annehmen dürfen. «Das war ein Fehler», gesteht er rückblickend, «ich war physisch und psychisch nicht bereit für diese Aufgabe.»

Voller Tatendrang

Nach dem Fiasko im Berner Oberland entschied sich Sforza für eine Pause, die zur Auszeit von satten dreieinhalb Jahren wurde. Er fühlte sich frei und kümmerte sich um die Familie und seine vier Kinder.

Im Ferienhaus auf der Lenzerheide sammelte er Kraft für den Wiedereinstieg ins Trainergeschäft. Nachdem er seit Beginn dieser Saison für den TV-Sender Teleclub als Experte für den italienischen Spitzenfussball in der Serie A arbeitet, ist er voller Tatendrang und bereit für Neues: Der FC Wil mit seinem Nachwuchsprojekt sei die Art von Projekt, die er gesucht habe.

Genugtuung gegen Aarau?

Gereizt hätte ihn auch der FC Aarau. Im Frühling 2018 war Sforza ein ernsthafter Trainerkandidat im Brügglifeld. Nach der Vorauswahl von Sportchef Sandro Burki blieben zwei Namen auf der Liste: Sforza und Patrick Rahmen.

Einen klaren Favoriten gab es vorerst nicht. Sforza verhandelte genauso wie Rahmen mit den Aarauern. Doch kurz bevor die finale Entscheidung der FCA-Bosse fiel, rief Sforza bei der «Aargauer Zeitung» an und teilte mit, dass er von sich aus auf das Traineramt in Aarau verzichte.

Über die Gründe des Rückzugs kann nur spekuliert werden. Wollte er tatsächlich nicht Trainer des FC Aarau werden? Hatte er Probleme mit gewissen Personen im FCA-Verwaltungsrat? Sprang der Funke zwischen dem FCA und Sforza nicht? Oder spürte er ganz einfach, dass er im Endspurt hinter Rahmen nur die zweite Wahl war?

Klar ist: Sforza will mit dem FC Wil am Ostermontag gegen Aarau gewinnen. In erster Linie, weil es sein Job ist. Aber der Zufall will es, dass Sforza mit seinen Wilern die Aarauer sieben Runden vor Schluss aus dem Barrage-Rennen kicken kann. Auch wenn er dies nie zugeben würde: Für Sforza persönlich wäre ein Sieg gegen Aarau vor allem eines – eine riesige Genugtuung!