Sven Christ macht einen aufgeräumten Eindruck, als ihn die «Schweiz am Sonntag» in einem Aarauer Lokal trifft. Drei Tage dauert es zu diesem Zeitpunkt noch bis zur heutigen Partie seines FC Winterthur beim FC Aarau.

In der vergangenen Winterpause hatte der 42-jährige Trainer beim Zürcher Challenge-League-Klub einen Vertrag über anderthalb Jahre unterschrieben – neun Monate nach der Entlassung beim FCA.

Nein, ein Spiel wie jedes andere wird es für Sven Christ heute Nachmittag nicht. «Ich würde lügen, wenn ich das Gegenteil behaupten würde», sagt er. Es ist das erste Mal, dass er in seiner Trainerkarriere in einem Pflichtspiel auf seinen ehemaligen Klub trifft.

Dass er zum FCA eine spezielle Beziehung hat, zeigt schon ein kurzer Blick in die Fussball-Geschichtsbücher: 252 Mal trug er als Spieler das Trikot mit dem Adler auf der Brust während eines Ernstkampfes. 29 Mal führte er als Trainer die Geschicke des Klubs in Pflichtspielen.

Die Rückkehr ins Stadion Brügglifeld ist für Christ speziell, obwohl er seit seiner Entlassung immer wieder an FCA-Heimspielen anzutreffen war – in der Hinrunde als Zuschauer auf den Stehplätzen, in der Rückrunde noch dreimal als Beobachter des jeweiligen Gegners auf der Tribüne. Denn wie es der Zufall wollte, traf sein neues Team gleich mehrmals auf eine Mannschaft, die in der Vorwoche beim FCA zu Gast war.

Der Zufall spielte Christ auch zuletzt in die Karten: Am vergangenen Mittwoch bestritt Winterthur das wegen des vielen Schnees im Februar verschobene Spiel bei Le Mont (0:2). «Diese Konstellation passt mir. So war ich bis und mit Donnerstag noch anderweitig beschäftigt und hatte gar nie Gelegenheit, nervös zu werden», sagt er.

Seine speziellen Gefühle im Hinblick auf die Partie haben aber nicht nur mit dem Gegner zu tun: «Aarau als Ganzes liegt mir sehr am Herzen.» Christ wohnt in Rombach unweit der Aarauer Stadtgrenze, seine drei Kinder leben bei der ehemaligen Partnerin in Küttigen, und auch sonst ist ein Grossteil seines Umfeldes in der Region verankert. Ob beim Einkaufen, beim Kaffeetrinken oder auch beim gemütlichen Bier: Christ ist regelmässig in Aarau anzutreffen.

Obwohl er nur 2,5 Kilometer Luftlinie vom Stadion Brügglifeld entfernt wohnt, reist Christ heute ganz normal mit seiner Mannschaft aus Winterthur an. Sowohl in diesem als auch in allen anderen Punkten der Vorbereitung gilt: Routine ist Trumpf. Obwohl er sich bewusst ist, dass diese Partie für ihn speziell werden wird, hat sich Christ nicht anders darauf vorbereitet als sonst auch.

«Ich bin darauf eingestellt, dass es massiv mehr Hände zu schütteln gibt als sonst. Darauf und auch auf das Spiel freue ich mich sehr.» Dass er trotz Entlassung keinerlei Groll gegen den FCA hegt, hatte Christ in den vergangenen Monaten immer wieder betont.

Auch in Aarau freut man sich auf seine Rückkehr: «Ich halte immer noch sehr viel von Sven. Er ist ein guter Trainer. Als wir ihn vor einem Jahr entlassen mussten, geschah das aus der Situation heraus», sagt FCA-Vizepräsident Roger Geissberger und fügt schmunzelnd an: «Ich wünsche ihm nur das Beste – aber nicht gegen Aarau.»

Vieles wird anders sein heute Nachmittag im Stadion Brügglifeld, als sich das Christ aufgrund seiner früheren Auftritte hier gewohnt ist. Etwas aber bleibt auf jeden Fall gleich: Nach dem Verlassen der Katakomben muss Christ beim Betreten des Platzes wie aus seinen früheren Tagen gewohnt nach links abbiegen. Denn der FC Aarau hat unter Trainer Marco Schällibaum die Heimbank gewechselt.

Da, wo während der Amtszeit von Christ noch Staff und Ersatzspieler des FCA untergebracht waren, ist nun die Gästebank – jene Trainerbank also, die für Christ und seinen FC Winterthur reserviert ist.

Er muss sich also keine Gedanken darüber machen, dass er aus Gewohnheit die falsche Bank ansteuern könnte. Und sobald die Partie läuft, rückt alles andere in den Hintergrund. Dann ist Sven Christ einfach nur der Trainer des Gastteams, der unbedingt gewinnen will.