Er schreibe nicht nur seit 34 Jahren über den FC Aarau, er lebe den FC Aarau auch, sagt AZ-Sportredaktor Ruedi Kuhn eingangs im «Talk Täglich» auf Tele M1. Darum hat es sogar den abgebrühten Reporter, der schon soviel Aufs und Abs des Klubs miterlebt hat, nicht kalt gelassen, als er der FCA nach dramatischer Saison und Aufholjagd am Sonntag  auf dem Brügglifeld den Einzug in die Barrage schaffte.

«Mir läuft es gerade wieder kalt den Rücken runter, wenn ich an die Jubelszenen am Sonntag denke», sagt auch Reporterkollege Sebastian Wendel, der den Meistertitel des FCA 1993 als Sechsjähriger miterlebt hatte.

Die beiden Sportreporter Séêbastian Wendel (links) und Ruedi Kuhn im Gespräch mit Moderator Rolf Cavalli.

Die beiden Sportreporter Séêbastian Wendel (links) und Ruedi Kuhn im Gespräch mit Moderator Rolf Cavalli.

«Klar, wir müssen als Journalisten immer wieder Distanz wahren», so Wendel, «aber wir haben diese Saison so mitgelitten.» Da liege es auch drin, wenn man in einem speziellen Moment mal Emotionen zeige. «Nach dem Spiel gegen Rappi seien auf der Tribüne alle Dämme gebrochen. «Ich habe sogar Ex-Fussballer Andi Egli umarmt, der zufällig neben mir stand.»

«Er sprach ein Jahr lang nicht mehr mit mir»

Wie er mit dieser Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz zum Klub, über den man schreibt in seiner langen Sportreporter-Karriere umgangen sei, fragt Moderator Rolf Cavalli Ruedi Kuhn. Das sei in der Tat nicht immer einfach, sagt Kuhn und schildert ein Beispiel: 2015 habe FCA-Präsident Fredi Schmid, ein Jahr lang nicht mehr mit ihm gesprochen, weil er sehr kritisch über den damaligen Sportchef geschrieben habe (der dann auch zurücktrat).

«Aber bei aller Liebe zum FC Aarau, ich bin nun mal nicht einer der zwölf Apostel. Ich schreibe die kritischen Geschichten, die geschrieben werden müssen. Den Preis, dass der Präsident nicht mehr mit mir sprach, musste ich zahlen.» Heute würden sie sich wieder sehr gut verstehen, so Kuhn.

Wendel unterstützt das: Man dürfe sich als Journalist schon mit dem Klub aus der Region freuen in speziellen Momenten. Wichtig sei, dass man deswegen trotzdem kritisch bleibe, wenn es mal nicht so laufe.

«Es geht um mehr als die nackten Zahlen»

Wendel und Kuhn haben das Wechselbad der Gefühle in dieser verrückten FCA-Saison hautnah miterlebt, beschrieben und auch in ihrem FCA-Talk hier auf der AZ-Website wöchentlich heiss diskutiert, oft kontrovers. Zum Beispiel die Trainerfrage.

Moderator Rolf Cavalli, Chefredaktor der AZ, spielte dazu eine Aussage von Kollege Ruedi Kuhn aus dem FCA-Talk vom Oktober ein, als Kuhn aufgrund der Niederlagenserie und dem damals letzten Platz den Kopf bzw. die Entlassung von Trainer Patrick Rahmen forderte:

FCA-Talk vom 25. Oktober 2018 mit den AZ-Sportreportern Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn.

FCA-Talk vom 25. Oktober 2018 mit den AZ-Sportreportern Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn.

Beim nächsten Heimspiel gegen Wil und eine Woche später gegen Chiasso im Tessin heisst es für Patrick Rahmen «siegen oder fliegen», finden unsere Sportreporter Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn. Oder hat der FCA-Trainer seine letzte Chance schon längst vertan?

Kuhn bereut diese Aussage nicht: «Rahmen macht mir immer noch den Vorwurf. Ich hatte heftige Diskussionen mit ihm. Aber ich stehe auch heute noch zu meiner damaligen Meinung.» Nach elf Spielen und neun Niederlagen müsse einfach der Trainer in Frage gestellt werden. «Der Totomat entscheidet.»

Dem widerspricht Sebastian Wendel vehement. Er hatte stets für das Festhalten an Rahmen geschrieben und erklärt wieso: «Die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer stimmte einfach trotz Misserfolgen. Darum war es richtig, den Trainer nicht zu entlassen.» Bei der Trainerfrage müsse man eben mehr berücksichtigen als die nackten Resultate.

«Der FC Aarau ist Kulturgut»

Einig sind sich Wendel und Kuhn, dass der FCA soviel Begeisterung auslöst in der Region, wie schon lange nicht mehr. «Der FC Aarau ist Kulturgut», so Wendel. «Auf dem Brügglifeld menschelt es einfach mehr als in anderen Stadien.»

Darum schreibt der FCA auch Geschichten gibt, die bei Grossklubs so kaum vorstellbar sind. Eine, so Ruedi Kuhn, sei zwar lange her, erzähle er aber immer noch gerne. Charly Herberth, der Schlüsselspieler im Cupfinal 1985, habe sich im Vertrag eine Cupprämie von 25’000 Franken zusichern lassen, was er ihm dann auf der Busfahrt von Bern zurück nach Aarau verschmitzt erzählt habe. Die anderen Spieler haben offiziell nur 2000 Franken, ein Buch und einen Zinnbecher erhalten.

Ähnliches gibt es auch heute noch. So habe sich Stefan Maierhofer eine Aufstiegsprämie in den Vertrag schreiben lassen, als er im Herbst zum FCA stiess, als dieser am Tabellenende lag. Darauf müsse man erst mal kommen!

Sehen sie hier die Sendung TalkTäglich mit Ruedi Kuhn und Sebastaian Wendel in voller Länge:

Steigt der FC Aarau auf?

Im Hinblick auf die zwei Barrage-Spiele gegen Xamax am Donnerstag und Sonntag fragte Moderator Cavalli ketzerisch, ob ein Aufstieg bei aller Euphorie langfristig gesehen jetzt überhaupt sinnvoll wäre, ohne neues Stadion und der Aussicht auf mehr Niederlagen als Siege in der Super League. So dürfe man nicht denken, findet Kuhn. «Man muss immer den sportlichen Erfolg suchen. Aarau ist jetzt so nah dran am Aufstieg. Jetzt muss er die Chance packen. Jetzt!» (az)

Der nächste FCA-Talk mit Ruedi Kuhn und Sébastian Wendel folgt am Freitagnachmittag: nach dem Hinspiel in Neuenburg und vor dem entscheidenden Rückspiel am Sonntag auf dem Brügglifeld.