Der grosse Showdown im Aargauer Handball steigt am Samstag um 19 Uhr in der GoEasy-Arena in Siggenthal Station: Der TV Endingen und der HSC Suhr Aarau machen in einem Wiederholungsspiel den direkten Aufsteiger in die NLA aus. Gewinnen die Surbtaler, spielen sie nächste Saison definitiv im Oberhaus, bei einem Unentschieden oder einem Sieg der Gäste heisst der Aufsteiger hingegen Suhr Aarau.

Dass es zum Wiederholungsspiel kommt, hat das Verbandssportgericht am Donnerstag definitiv entschieden. Noch steht die Begründung für das Urteil aus - der az liegt aber das Urteil der nationalen Disziplinarkommission vor, die letzte Woche gleich entschieden hatte.

Aus dem Urteil geht hervor, dass sich die Kommission bei der Beurteilung der umstrittenen Schlussphase, in der sich der TV Endingen um vier Sekunden betrogen fühlte, massgeblich auf ein Zuschauervideo stützte. Dies hatte Suhr Aarau kritisiert, die Kommission hält in ihrem Urteil jedoch fest: "Soweit der HSC Suhr Aarau dazu vorbringt, Zuschauer-Videos seien in diesem Kontext kein taugliches Beweismittel, trifft das nicht zu." Gemäss dem Rechtspflegereglement des Handballverbandes herrsche freie Beweiswürdigung ohne Einschränkung.

So liefen die letzten Sekunden

Laut der Disziplinarkommission ergibt sich aus dem Zuschauervideo folgender Ablauf der letzten Sekunden:

Beim Stand von 29:29 wird dem TV Endingen unmittelbar nach der Wiederaufnahme des Spiels im Anschluss an ein bei 59:53 angeordnetes "normales" Time-out ein Team-Time-out gewährt. Die Matchuhr wird jedoch fälschlicherweise nicht angehalten und läuft bis 60:00 ab. Es kommt deshalb - erneut, wie schon mehrmals während des Spiels - zu Diskussionen über die verbleibende restliche Spielzeit. Schliesslich wird die Matchuhr für die Wiederaufnahme des Spiels auf 59:54 zurückgestellt.

Nach dem Team-Time-out beginnen die Mannschaften, ihre Aufstellungen auf dem Spielfeld wieder einzunehmen; das Spiel sollte mit einem Freiwurf für den TV Endingen auf der 9m-Linie des HSC Suhr Aarau fortgesetzt werden. Während sich die Spieler aufstellen, wechselt die Matchuhr aus unerfindlichen Gründen von 59:54 auf 59:55. Niemand bemerkt das. Dann betreten auch die Schiedsrichter das Spielfeld, der Feld-Schiedsrichter Robin Sager kontrolliert die Aufstellungen der Spieler und macht sich zur Spielfreigabe bereit.

Situation war unübersichtlich

Es folgen unübersichtliche Sekundenbruchteile: Der Feldschiedsrichter steht zum Anpfiff bereit und beide Mannschaften erwarten offenkundig die unmittelbar bevorstehende Spielfreigabe. Bevor nun aber der auf der 9m-Linie stehende Endinger Spieler überhaupt den Ball spielen kann, macht der hinter ihm stehende Verteidiger des HSC Suhr Aarau, Martin Prachar, einen deutlichen Schritt nach vorne. Der Feldschiedsrichter pfeift praktisch gleichzeitig. Deutlich wahrnehmbar sind drei Time-out-Pfiffe und das entsprechende Handzeichen. Der Feld-Schiedsrichter zeigt Martin Prachar die rote Karte, weil dieser vor Ausführung des Wurfes den Abstand von drei Metern unterschritten habe.

Gegenüber der Kommission erläuterte Robin Sager in seiner Stellungnahme, er habe praktisch gleichzeitig das Spiel angepfiffen und zufolge des Regelverstosses von Martin Prachar umgehend wieder unterbrochen; er sei so "beim Anpfiff direkt in einen Time-out-Pfiff übergegangen". Deutlich nach den drei Time-out-Pfiffen und dem entsprechenden Handzeichen fängt die Matchuhr erneut zu laufen an und stoppt erst wieder bei 59:58. Im Geschehen um die Disqualifikation von Martin Prachar nimmt aber auch das vorerst niemand wahr.

Erst vor der Fortsetzung des Spiels - nunmehr mit sieben Endingern Feldspielern (der Torhüter wurde zugunsten eines Feldspielers ausgewechselt) gegen vier Feldspieler des HSC Suhr Aarau (vor der Disqualifikation von Martin Prachar hatte bei 59:53 bereits Patrick Strebel eine Zweiminutenstrafe erhalten) - merkt die Endinger Spielerbank, dass die Uhr mittlerweile bereits 59:58 anzeigt, und sie beschweren sich darüber am Zeitnehmertisch und insbesondere beim Delegierten.

Delegierter und Schiedsrichter: "Alles korrekt"

Dieser vertritt jedoch die Ansicht, es sei alles korrekt abgelaufen. Gegenüber der NDK erklärte der Delegierte in seiner Stellungnahme wörtlich: "Robin Sager zeigt deutlich mit dem Arm und Hand, wenn er das Spiel mit Pfiff freigibt und mit dem Pfiff läuft auch die Uhr wieder. Unmittelbar nach der Spielfreigabe kommt das Time-out, was von den SR sofort gezeigt wurde. In diesem Zeitfenster sind sicher 2, wenn nicht sogar 3 Sek. vergangen. Für mich war der Ablauf so korrekt."

Die Schiedsrichter ihrerseits verweisen in ihrer ersten Stellungnahme gegenüber der NDK auf den Delegierten, der gesagt habe, die Spielzeit betrage noch zwei Sekunden und das sei korrekt. In der zweiten Stellungnahme ergänzen die Schiedsrichter, auch für sie sei "aufgrund der beiden Spielanpfiffe nach dem Unterbruch 59:53" die Anzeige korrekt gewesen. Der Zeitnehmer und der Delegierte hätten die Richtigkeit der Spielzeit bestätigt. In dieser Situation meldete der TV Endingen den Protest an.

Kommission: "Widerspruch zu den Spielregeln"

Für die Disziplinarkommission steht aber fest, dass das Spiel ab der Wiederaufnahme nach dem Team-Time-out für den TV Endingen entgegen den vorgesehenen sechs Sekunden effektiv nur noch zwei bis drei Sekunden dauerte: Erstens hätte die Uhr nicht von 59:54 auf 59:55 vorgestellt werden dürfen, während sich die Mannschaften aufstellten, und zweitens durfte sie bei der Aktion um die Disqualifikation von Martin Prachar nach dem Time-out-Pfiff nicht für drei bis vier Sekunden laufen.

Dass die Schiedsrichter die Spielzeit von 59:58 beim Wiederanpfiff als korrekt bezeichneten, sei kein unanfechtbarer Tatsachenentscheid aufgrund eigener Beobachtungen. Vielmehr könne dies nicht "viel mehr als ein unbestimmtes Bauchgefühl gewesen sein", hält die Kommission fest. Dies umso mehr, als die Schiedsrichter auch ausführten, sie hätten vor dem Wiederanpfiff nach dem Team-Time-out für den TV Endingen gar nicht auf die Matchuhr geschaut.

Es sei deshalb laut der Kommission erwiesen, dass das Spiel drei bis vier Sekunden zuwenig lang gedauert habe. Dass das Spiel nach der Disqualifikation von Martin Prachar bei 59:58 fortgesetzt wurde, sei demnach "ein Entscheid, der im Widerspruch zu den Spielregeln steht". Daran ändere die Tatsache nichts, dass die Schiedsrichter bei 59:58 wieder angepfiffen hätten. "Bekanntlich stoppen sie die Spielzeit ja nicht selbst. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sie sich dabei ganz schwergewichtig auf die Aussagen des Delegierten und des Zeitnehmers gestützt haben", argumentiert die Kommission.

"Chance auf klare Torgelegenheit"

Die Kommission erläutert zudem, bei einer verbleibenden Spielzeit von sechs Sekunden und dreifacher Überzahl "wäre der TV Endingen nach den Erfahrungen im Handballsport und
menschlichem Ermessen mit grosser Wahrscheinlichkeit noch zu einer klaren Torgelegenheit gekommen; es hätte wohl ein Spieler freistehend zum Wurf gegen den Torhüter ansetzen können." Damit wäre laut der Kommission auch durchaus wahrscheinlich gewesen, dass der TV Endingen noch ein Tor erzielt, das Spiel gewinnt und so den direkten Aufstieg in die NLA erreicht. Deshalb entschied die Kommission letztlich, ein Wiederholungsspiel anzusetzen - dieses findet am Samstag um 19 Uhr in der GoEasy-Arena in Siggenthal statt und entscheidet nun über den direkten Aufsteiger in die Handball-NLA.