Letztlich wurden die Heim-EM letzten August im Zürcher Letzigrund doch noch ein Highlight für Philipp Weissenberger. Davor war er lange im Ungewissen, ob es überhaupt für die Teilnahme reichen würde. Im Februar hatte er sich im Trainingslager in Südafrika am Fuss verletzt. Die Verletzung war hartnäckig. So kam es, dass er auf den Einzelstart verzichten musste, obwohl er die Limite mit persönlicher Bestzeit (46,62 Sekunden) klar unterboten hatte.

Gemeinsam mit seinem Trainer entschied er sich, den Fokus auf die Staffel zu legen und das Einzelrennen sausen zu lassen: «Für mich war das völlig in Ordnung. Dass ich die Staffel noch einmal als Captain anführen durfte, machte mir grosse Freude», sagte der 31-Jährige rückblickend. Nach den EM war Schluss – eine eindrückliche Karriere ging zu Ende. Weissenberger wurde viermal Schweizer Meister über 400 Meter, nahm an mehreren internationalen Wettkämpfen sowie eben den Heim-EM 2014 teil.

Dass er danach aufhören würde, war für ihn bereits zwei Jahre vor dem Grossanlass klar. Es sollte noch ein letztes grosses Highlight werden: «Die Heim-EM vor allem für die etwas älteren Athleten ein Höhepunkt. Ich konnte noch einmal viele positive Erinnerungen mitnehmen und das Kapitel Leistungssport abschliessen.»

Per Zufall zur Leichtathletik

Doch damit es überhaupt zu der erfolgreichen Karriere kommen konnte, brauchte es auch ein wenig Glück. Denn bis in die Teenager-Jahre spielte Weissenberger Fussball, vom 400-Meter-Lauf war noch keine Spur. Bis ihn ein Kollege einmal ins Leichtathletiktraining einlud, von da an packte ihn die Leidenschaft. «Wie fast alle Junioren fing auch ich mit dem Mehrkampf an, die Trainer merkten dann aber relativ schnell, dass ich vor allem schnell rennen kann», schildert er.

Zu Beginn trainierte er noch ausschliesslich zu Hause in Windisch. «Als dann aber bei den Junioren die nationalen Erfolge kamen, arbeitete ich immer enger mit dem nationalen Leistungszentrum in Zürich zusammen. Erst ging ich einmal nach dorthin ins Training, dann zweimal, bis sich der Trainingsschwerpunkt schliesslich von Windisch nach Zürich verschob.»

2009 holte Weissenberger den ersten Titel bei der Elite. Er lief an der SM erstmals unter 47 Sekunden und gewann damit Gold – ein Meilenstein für ihn: «Als ich mit der Leichtathletik begann, war mein grosses Ziel immer der Schweizer-Meister-Titel. Als mir das zum ersten Mal gelang, war es etwas Grossartiges und bis heute einer meiner Höhepunkte.»

Das Loch nach dem ersten Erfolg

Doch der Erfolg brachte nicht nur Positives mit sich: «Im Jahr nach meinem ersten Titel fiel ich in ein Loch, kurzfristig fehlten mir die Perspektiven, es fiel mir schwer, mich zu motivieren.» Ein Jahr lang dauerte das Tief, in diesem kam er nie die in Form und lief der Konkurrenz hinterher. Doch das sollte sich ändern.

In den Jahren darauf nahm er so richtig Fahrt auf: «Nach 2010 lief es mir wieder besser und ich wurde dreimal in Serie Schweizer Meister – es wurde fast schon zur Normalität.» In der Tat stellte sich jeweils nur noch die Frage, wer hinter ihm Zweiter wird. «Dadurch wuchs natürlich auch der Druck, aber diese Zeit hat mir sehr viel Freude bereitet.»

Im Jahr 2013 lief Weissenberger an der SM seine persönliche Bestzeit und schaffte die Limite für Zürich. Alles war bereit für ein grosses Leichtathletik-Fest. Doch dann kam besagter schicksalsträchtige Moment der Verletzung. Zu beginn ahnte noch niemand, wie schlimm es wirklich ist. «In einem Trainingslager hat man immer kleinere Blessuren, da fiel das nicht weiter auf.»

Wieder Freude am Trainieren

Doch es wurde lange nicht besser, erst im Frühsommer, als er es mit neuen Einlagen versuchte – da war es aber bereits zu spät. So musste er das 400-Meter-Rennen im Stadion verfolgen. Ein Problem? «Nein», sagt der Windischer bestimmt, «denn ich hatte ja lange Zeit, mich mit diesem Gedanken zu befassen.»

Nun, wo er den Spitzensport hinter sich gelassen hat, kann er sich voll auf seine Arbeit als Quality Manager bei der ABB konzentrieren. Die Firma verkauft unter anderem Komponente für Windenergieanlagen in Windparks, die man beispielsweise in der Nordsee antrifft. «Als Quality Manager bin ich dafür zuständig, dass die Komponente reibungslos funktionieren, und allfällige Fehler behoben werden und in Zukunft nicht wieder auftreten», erklärt er seine Aufgaben.

Neu ist das Arbeitsleben für Weissenberger nicht, auch während seiner aktiven Karriere hat er dort nebenbei immer 100 Prozent gearbeitet. Aber auch im Training ist er weiterhin dreimal pro Woche anzutreffen. «Es ist schön, ich ‹darf› wieder ins Training, denn nun ist der Druck weg. Und wenn es einmal zeitlich nicht ins Training reicht, dann ist es halt so. Jetzt steht wirklich der Spass im Vordergrund.»