Gute Besserung

Auch Fussballer schreiben Briefe: Manchester-Superstar muntert Aarau-Profi auf

FCA-Verteidiger Miguel Peralta kann sein Glück kaum fassen: Sein Idol Kyle Walker von Manchester City wünscht ihm mit einem Brief gute Besserung.

Zum fünften Mal in seiner jungen Karriere kämpft sich Aarau-Verteidiger Miguel Peralta nach einer schweren Verletzung zurück auf den Platz. Nun erhält er aus England eine ganz spezielle Motivation für die vielen einsamen Stunden in der Reha.

Während seine Teamkollegen vom FC Aarau Sieg um Sieg einfahren, quält sich Miguel Peralta in der Reha für seine Rückkehr auf den Fussballplatz. Nicht zum ersten, nicht zum zweiten, nicht zum dritten Mal – der Kreuzbandriss, den Peralta am 4. November 2018 in Chiasso erlitten hat, ist die fünfte schwere Knieverletzung in der jungen Karriere des 23-jährigen Rechtsverteidigers.

Dass es der Mannschaft so gut läuft, macht die einsamen Stunden im Kraftraum für Peralta erträglicher. Trotzdem ist die Lust nicht jeden Morgen gleich gross. Also hat Peralta in seinem Zimmer eine «Motivations-Wand» gestaltet. Sie ist das Erste, das er nach dem Aufwachen anschaut.

Ehrenplatz ist noch frei

Bereits hängen dort zwei Foto-Collagen mit Bildern von Peralta im FCA-Trikot – ein Geschenk von Sarah Rölli, gute Seele und Klubfotografin des FC Aarau. Doch der Ehrenplatz an Peraltas «Motivations-Wand» ist noch nicht besetzt – erst reserviert. Sobald Peralta einen passenden Rahmen gefunden hat, wird er den Brief aufhängen. Den Brief? Kein Geringerer als Kyle Walker hat Peralta per Post gute Besserung gewünscht.

Kyle Walker steht seit 2017 bei Manchester City unter Vertrag.

Kyle Walker steht seit 2017 bei Manchester City unter Vertrag.

Zur Erklärung: Walker (28) ist Stammspieler beim englischen Meister Manchester City und in der englischen Nationalmannschaft. In den Augen vieler Experten ist er aktuell der beste Rechtsverteidiger der Welt. Ein Superstar und Vorbild für Millionen Fans und Berufskollegen. Walker schreibt:

«Lieber Miguel. Als ich von deiner jüngsten Verletzung erfahren habe, tat es mir sehr leid. (…) Ich habe gehört, dass du eine starke und positive Persönlichkeit bist. Ich verspürte das Gefühl, meine besten Wünsche an einen grossen Fan von Manchester City senden zu müssen. Ich hoffe, dass es dir bald besser geht (…).»

Der Brief in voller Länge.

Der Brief in voller Länge.

Doch wieso schickt der Star aus der Fussball-Hochburg Manchester einen Brief in die Fussballprovinz Aarau? Kennt Peralta Walker persönlich? Haben sie den gleichen Berater? Ist Walker ein heimlicher Fan des FC Aarau?

Nichts von alldem. Hinter der Aktion steckt Serge Gysi. Der Erlinsbacher ist seit vergangenem November Peraltas Coach und Mentor. «Dass die Zusammenarbeit mit Serge kurz nach dem erneuten Kreuzbandriss begann, war Zufall. Ich war schon länger auf der Suche nach einer Vertrauensperson ausserhalb meines Familien- und Freundeskreises. Nach jemandem, der mich vorher nicht kannte und der mich neutral beurteilen kann», sagt Peralta. Gysi sei ihm von einem anderen Fussballer empfohlen worden.

Kein klassischer Mentaltrainer

«Anfangs war ich skeptisch. Ich bin eher ein verschlossener Typ. Bei Serge Gysi habe ich während unseres ersten Treffens gespürt, dass ich ihm alles anvertrauen kann. Wir reden über Fussball, über meine Verletzungen und die Fragen nach dem Warum und über viele andere private Dinge.»
Gysi sagt denn auch, er wolle nicht als klassischer Mentaltrainer bezeichnet werden. «Der Begriff wird inflationär gebraucht und hat nicht den besten Ruf. Ich sehe mich als Begleiter und Coach für alle Lebensfragen», sagt er. Bei Sportlern gehe es meistens darum, trotz widriger Umstände im Wettkampf die bestmögliche Leistung abrufen zu können.

Im Fall von Peralta heisst das: Gysi ist Zuhörer, wenn bei Peralta Zweifel aufkommen oder ihn sonst etwas beschäftigt. «Oft hilft es schon sehr viel, einfach mal alles loszuwerden, was einen bedrückt.» Gysi zeigt Peralta dann einfache Übungen, mit denen dieser bei Blockaden den Fokus auf seine Ziele neu ausrichten kann.

«Auch Superstars sind Menschen»

In einem ihrer Gespräche ging es um Peraltas Vorbilder. Danach spürte Gysi: «Diesen Brief von Kyle Walker muss ich organisieren, das braucht Miguel.» Doch wie vorgehen? Ausser seinen englischen Wurzeln und der Bewunderung für die Premier League hat Gysi keinerlei Berührungspunkte mit dem Fussball auf der Insel.

Täglich erreichen die Superstars von Manchester City Abertausende Autogrammwünsche. Mit einer Antwort kann man als Fan, wenn überhaupt, frühestens nach einem halben Jahr rechnen. So sagt es die Dame am Telefon auch Gysi, als er das erste Mal in Manchester anruft.
Doch er bleibt hartnäckig, versucht es über andere Abteilungen als das Merchandising und hat dann plötzlich eine Person am anderen Ende der Leitung, die, wie Gysi erzählt, «mich versteht».

Ihm wird versprochen, dass Kyle Walker rasch von Peraltas Geschichte erfährt. Direkten Kontakt mit Walker habe er zwar nicht gehabt. «Aber», so Gysi, «auch die sogenannten Superstars sind Menschen mit Gefühlen. Nur so kann ich mir erklären, dass einige Wochen später Post aus Manchester im Briefkasten lag.»

Beim nächsten Treffen sagt Gysi zu Peralta, er habe da was für ihn, und legt ein Matchprogramm von Manchester City auf den Tisch. Peralta grinst – und als Gysi ein Set mit den unterschriebenen Autogrammkarten aller City-Spieler nachreicht, wird aus dem Grinsen ungläubiges Staunen.

Überraschung geglückt

Schliesslich hält Peralta den Brief seines Idols Kyle Walker in den Händen und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten: «Eine schönere Überraschung gibt es nicht! Ich war überwältigt.»
Die Zeilen aus Manchester bekräftigen Peralta in seinem Vorhaben, trotz fünf schweren Knieverletzungen den Traum von der grossen Karriere nicht aufzugeben.

Gysi ist beeindruckt von Optimismus seines Klienten: «Jeder andere hätte nach der dritten Verletzung den Bettel frustriert hingeworfen und von Fussball nichts mehr wissen wollen. Miguel ist unglaublich positiv und willensstark. Wenn einer es schafft, trotz einer solchen Krankengeschichte durchzustarten, dann Miguel. Davon bin ich fest überzeugt und daran arbeiten wir zusammen.»

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