Kunstturnen

Stehaufmännchen Lucas Fischer kehrt aus der einjährigen Verbannung zurück

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Lucas Fischer trainiert nach einer langen Leidenszeit seit einer Woche wieder am Barren. Bis zu den Europameisterschaften im nächsten Jahr will er den Anschluss an die Weltspitze wieder herstellen.

So lange war er noch nie weg. Weg von den Geräten. Seit beinahe einem Jahr konnte Lucas Fischer nicht mehr am Barren trainieren. An jenem Gerät, an dem er noch im Frühjahr 2013 seinen bisher grössten Erfolg als Kunstturner gefeiert hatte – den Gewinn von Silber an den Europameisterschaften in Moskau.

Danach ging es steil nach unten. Anstatt den nächsten Exploit an der Weltmeisterschaft aus dem Hut zu zaubern, setzte den Aargauer des Jahres 2013 wieder einmal ein epileptischer Anfall ausser Gefecht. Es folgten eine geplante – wegen des WM-Verzichts vorgezogene – Knieoperation sowie ein zweiter, ungeplanter Eingriff am Knie wegen Problemen mit dem Knorpel.

Als Lucas Fischer im Februar dieses Jahres unter Narkoseeinfluss auf dem Operationstisch einschlief, wusste der Möriker noch nicht, ob er auch als Spitzensportler wieder aufwachen würde. Der Knorpelschaden bedrohte seine Karriere existenziell. «Niemand konnte mir versprechen, dass es gut kommt», sagt er. «Das war für mich das Schwierigste an der Situation.» Und selbst jetzt, vier Monate später, kann kein Arzt mit Gewissheit sagen, ob es mit dem Comeback des 23-Jährigen auch wirklich klappen wird.

Geduldsprobe

Lucas Fischer lässt sich von dieser Ungewissheit nicht beeinflussen und arbeitet seit Wochen hart an seiner Rückkehr. Das Leben als Stehaufmännchen kennt er inzwischen auswendig. Letzte Woche erlebte der Aargauer Vorzeigeathlet dabei einen Meilenstein – die Rückkehr vom Kraftraum in die Wettkampfhalle, an den Barren. Vorerst bleibt es beim einen Gerät. Es sei noch nicht entschieden, ob er weiterhin an verschiedenen Geräten turnen werde oder es beim Barren belassen werde. Denn auf den grossen Belastungstest muss er sich noch mindestens zwei weitere Monate gedulden: den Abgang als Schlusspunkt seiner Übung. Der Heilungsverlauf nach einem Knorpelschaden braucht Zeit, braucht Geduld. Erst Ende August darf Fischer erstmals einen Abgang turnen, um bei der Landung den ultimativen Belastungstest zu erleben.

Daran verschwendet der zweimalige Aargauer Sportler des Jahres keinen Gedanken. «Ich trainiere und denke, als wäre es für mich klar, dass ich es wieder schaffen werde.» Mit «schaffen» meint er eine Rückkehr an die Weltspitze, mit einer noch schwierigeren Übung. An der Europameisterschaft im April 2015 in Frankreich will es Fischer wieder allen zeigen.

Tagebuch auf Facebook

Lucas Fischer spürt nicht nur dann ein Kribbeln, wenn er an den nächsten grossen Wettkampf denkt. «Es pulsierte richtig in mir, als ich zum ersten Mal wieder am Barren stand», sagt er. Auf Facebook führt er ein Comeback-Tagebuch und postete er ein Video dieser Barren-Premiere. Nach der ersten Trainingswoche hätten seine Arme vor Erschöpfung so richtig gezittert, sagt Fischer. Die Kraft dafür musste er nach der Operation von Grund auf neu aufbauen. «Aber ich genoss das Gefühl, nach einer harten Trainingswoche so richtig nudelfertig zu sein. Ich wusste, jetzt bin ich wieder zurück in meinem Leben.»

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