Schwingen
Armon Orlik – der halbe Aargauer Trumpf für den Unspunnen Schwinget

Wer ist der Aargauer Geheimtipp für den Höhepunkt des Schwingerjahres in Interlaken? Etwa der schlaue Routinier Mario Thürig? Oder der temperamentvolle Jungspund Nick Alpiger? Oder der kolossale Königsschreck Patrick Räbmatter? Weder noch. Es ist Armon Orlik, ein halber Aargauer aus den Bergen.

Rainer Sommerhalder
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Kann Armon Orlik das Unspunnenfest gewinnen?

Kann Armon Orlik das Unspunnenfest gewinnen?

Keystone

Es ist zu hoffen, dass mit der zarten Aufbruchstimmung im Nordwestschweizer Teilverband für einmal auch die Aargauer in die Auseinandersetzung um den Tagessieg eingreifen können. Was leider, wenn es um die ganz grossen Trophäen im Schweizer Nationalsport geht, bisher nicht möglich war.

Doch halt! Eine Geheimwaffe bleibt. Eine, von der kaum jemand etwas weiss. Unser Trumpf aus den Bergen. Armon Orlik, der Schlussgangteilnehmer am Eidgenössischen und Jahresbeste von 2016. Er ist quasi der Freiämtersturm auf den Schwingerthron.

Mutter aus dem Freiamt

Selbstverständlich ist der 22-Jährige in erster Linie Bündner. Ein stolzer Herrschäftler aus Maienfeld. Doch Orlik ist eben auch ein wenig Aargauer. Seine Mutter Helena stammt aus einer Bauernfamilie in Unterlunkhofen. Orliks Tante bewirtschaftet den Hof im Reusstal noch heute. «Ich komme immer gerne in den Aargau. Wir haben viele Verwandte im Freiamt und auch mein älterer Bruder Flavio wohnt im Aargau», sagt Armon Orlik.

Seine Freiämter Cousins gehören zu den grössten Fans. Im letzten Jahr am Eidgenössischen in Estavayer waren sie allgegenwärtig. Lautstark und mit einer gigantischen Fahne unterstützten sie ihren berühmtesten Verwandten. Bei Familienfesten ist das Diskussionsthema oft gegeben.

Armon Orlik gehört zu den ganz heissen Eisen fürs Unspunnen-Fest. Sein kompromisslos offensiver Kampfstil und seine Bescheidenheit bringen ihm weit über die Bündner Herrschaft hinaus Sympathien ein. Auch am Aargauer Kantonalen diesen Frühling in Brugg war er das unwiderstehliche Aushängeschild. Bis ihn der Nordwestschweizer Routinier Bruno Gisler im vierten Gang mit einem Konter überraschte.

In Brugg blieb Armon Orlik nach einem unglücklichen Sturz liegen. Sein Gegner Bruno Gisler kümmert sich gleich um ihn.

In Brugg blieb Armon Orlik nach einem unglücklichen Sturz liegen. Sein Gegner Bruno Gisler kümmert sich gleich um ihn.

Severin Bigler

Orlik fiel derart unglücklich auf den Nacken, dass er einen spinalen Schock mit Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen erlebte. Eine kurze Zeit lang musste man mit dem Schlimmsten rechnen. Nach der körperlichen Entwarnung brauchte der 110 Kilogramm schwere Musterathlet Zeit, um den Schreckmoment mental zu verkraften.

Auch Armon Orliks Verwandte aus dem Freiamt und die ehemaligen Judo-Kollegen aus Brugg wohnten dem Drama am Schwingfest bei. Früher war Armon wie sein in Brugg wohnhafter Bruder Flavio auch ein grosses Talent im Judo. «Ab und zu weilte ich zu Trainingszwecken im nationalen Leistungszentrum in Brugg», erzählt der 1,90 m grosse Musterathlet.

Die Leidenschaft für den Kampfsport liegt in der Familie. Bereits Vater Paul war ein erfolgreicher Judoka und Schwinger. Heute sind Armon Orliks Visiten im Aargau seltener geworden. Das sportliche Trainingspensum und die Ausbildung zum Bauingenieur an der Hochschule für Technik in Chur lassen Freizeit zum Luxusgut werden. Dennoch bleibt er mit dem Freiamt verbunden, auch als Firmgötti eines Cousins.

Ein Bad in der Reuss

Was gefällt ihm besonders gut in seiner «zweiten Heimat»? Orlik grinst und antwortet: «Der Nebel». Dem neunfachen Kranzfestgewinner, der auch 2017 bereits wieder zwei Kranzfestsiege auf dem Konto hat, gefällt es durchaus in der Heimat seiner Mutter. «Ich finde die ländliche Gegend im Freiamt sehr schön, die Felder und die Obstbäume», sagt er.

Auch ein Sprung in die Aare oder die Reuss zur Abkühlung gehört zu seinem Besuchsprogramm. Am Sonntag beim Unspunnen-Fest in Interlaken soll es dann eher wieder das Bad in der Menge sein – idealerweise als viel umjubelter Festsieger. Auf den neben den Cousins auch die anderen Schwingerfreunde aus dem Aargau ein wenig stolz sein dürfen.