Limmat-Lauf
Annäherung an den Asylsuchenden Äthiopier aus Villmergen

Guta Fikiru dominierte die 13. Austragung des Badener Limmat-Laufs. Doch wer ist dieser 23-Jährige, der lieber läuft als redet? Eines ist gewiss: Er ist in ausgezeichneter Form. Bei den drei letzten az-Goldläufen stand er jedes Mal auf dem Podium.

Andreas Fretz
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Impressionen vom Badener Limmat-Lauf.
11 Bilder
Der zweitplatzierte Markus Joho von der LR Wohlen.
Der drittplatzierte Samuel Keller aus Gebenstorf.
Siegerin Jutta Brod aus Konstanz (D).
Die drittplatzierte Brigitte Mc Mahon.
OK-Co-Präsidentin Jacqueline Keller aus Gebenstorf.
"Starter"-Ammann Geri Müller (rechts) wurde instruiert von Leichtathletik-Profistarter Roland Winter.
Läufer entlang der Limmat.
Läufer im Aufstieg vom Roggenboden nach Nussbaumen.
Läufer beim Power-Sprint.
Läufer entlang der Limmat am Limmat-Lauf 2013.

Impressionen vom Badener Limmat-Lauf.

Foto Wagner

Eine knappe Stunde nach seinem Sieg sitzt Guta Fikiru alleine auf einer Holzbank im Leichtathletik-Stadion Aue, verpflegt sich aus seinem Rucksack und fällt in seinem grauen Trainingsanzug kaum jemandem auf. Der gebürtige Äthiopier wirkt scheu, zurückhaltend, vielleicht etwas misstrauisch.

Laufen fällt ihm leichter als reden. Ein paar Brocken Englisch, mehr geht nicht. Ob er wirklich realisiert, dass ein Journalist vor ihm steht, wird nicht ganz klar. Vielleicht hält er den aufdringlichen Fragesteller für einen Fremdenpolizisten.

Jutta Brod: Ihr fünfter Sieg in Baden

OK-Präsident Fabian Keller war zufrieden. Zufrieden mit der Teilnehmerzahl und zufrieden mit dem Abschneiden seiner Familienmitglieder. Sohn Samuel klassierte sich in der Gesamtwertung der Männer auf dem dritten Rang. In der Kategorie M20 reichte es dem 20-jährigen OL-Läufer aus Gebenstorf für Rang zwei hinter Guta Fikiru. Jacqueline Keller, Co-Präsidentin des Anlasses und Frau von Fabian Keller, verpasste in der Gesamtwertung der Frauen das Podest als Vierte knapp. Den Bronzeplatz schnappte ihr die frühere Olympia-Triathletin Brigitte McMahon weg. Bereits den fünften Sieg bei ihrer sechsten Teilnahme feierte Jutta Brod aus Konstanz. Dass ihr eigener Streckenrekord aus dem Jahr 2008 ausser Reichweite lag, habe sie früh gemerkt, sagte die 39-jährige Deutsche. Eine Woche zuvor absolvierte sie in Rheinland-Pfalz einen Halbmarathon. «Den habe ich noch etwas gespürt», sagte Brod in Baden. Bereits nach 2,5 Kilometern habe ihr der Mann auf dem Begleitvelo mitgeteilt, dass sie der restlichen Frauenkonkurrenz enteilt sei. Wie bei den Männern waren auch bei den Frauen die Podestplätze früh verteilt. Insgesamt zählte der 13. Badener Limmat-Lauf 921 klassierte Läuferinnen und Läufer. Die Rekordzahl von 1257 aus dem Vorjahr blieb unerreicht. «Dafür drohten in diesem Jahr nicht die Startnummern auszugehen», bemerkte Fabian Keller mit einem Lachen. Der Limmat-Lauf fand in diesem Jahr wegen Ostern zwei Wochen früher als gewohnt und somit zeitgleich mit dem renommierten Kerzerslauf statt. Das Hauptfeld schickte der neu gewählte Badener Stadtammann Geri Müller auf die 13,17 Kilometer lange Strecke. (afr)

Zumindest kommt dieser Gedanke kurz auf, als Fikiru auf einmal seine Ausweispapiere zückt. Ein grosses N steht auf dem blauen Papier. Es ist ein Ausweis für Asylsuchende.

Seit fünf Jahren sei er in der Schweiz, zeigt Fikiru mit seinen langen Fingern an. Ob diese Zahl wirklich stimmt? Bei der Dauer von Asylverfahren durchaus möglich. Fikiru ist in der Freiämter Gemeinde Villmergen wohnhaft.

Arbeiten dürfe er nicht, rennen dagegen schon, sagt er. Geboren ist er 1990, doch seine harten Gesichtszüge lassen ihn älter aussehen. Welche Geschichten sich hinter dem Gesicht dieses Mannes verbergen, dazu fehlen die Worte.

Nur beim Namen Kadi Nesero beginnen seine Augen zu leuchten. Nesero ist ein Landsmann Fikirus, etwas älter, etwas erfolgreicher und in der Läuferszene bekannter. Nesero wohnt in Aarau, ist Mitglied im BTV, und Fikiru nennt ihn seinen Trainingskollegen. Das BTV-Athletics-Trikot, dass Fikiru am Limmat-Lauf trägt, ist wohl ein Geschenk seines Landsmannes.

Das vermutet jedenfalls der Presseverantwortliche des BTV Aarau. Denn der Name Guta Fikiru sei ihm nicht geläufig. Fikiru ist einer dieser zahlreichen unbekannten Athleten aus Afrika, welche die regionale Läuferszene der Schweiz dominieren. Still und leise, aber auf schnellen Sohlen.

So wenig über diesen Mann bekannt ist, eines ist gewiss: Er ist in ausgezeichneter Form. Bei den drei letzten az-Goldläufen stand er jedes Mal auf dem Podium. In Baden erstmals als Gesamtsieger. Für die 13,17 Kilometer benötigte er 41:46 Minuten. Den Streckenrekord aus dem Vorjahr verpasste er deutlich, deutlich war aber auch sein Vorsprung auf Markus Joho von der Läuferriege Wohlen.

«Guta war eine Klasse besser als der Rest des Feldes», anerkannte der Zweitplatzierte neidlos. Als er vernahm, dass Fikiru am Bremgarter Reusslauf Dritter wurde, nickte er anerkennend. Dass es sich an der Spitze um ein Freiämter Duell handelte, war Joho nicht bewusst.

«Ich weiss nur, dass er auf den ersten Kilometern ständig ‹gekickt› hat», sagte Joho, «er wollte wohl unbedingt die Sprintwertung auf der Wehrbrücke nach vier Kilometern gewinnen.»

200 Franken in bar kassierte Fikiru bei diesem Sprint. Es war ein «good race», ein gutes Rennen, sagt der Sieger hinterher. Bei der Verabschiedung verneigt er sich höflich.

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