Schwimmen

Andrea Seiler gibt vollen Einsatz für ein normales Leben

Andrea Seiler bei ihrem täglichen Training im Hallenbad. Baranzini

Andrea Seiler bei ihrem täglichen Training im Hallenbad. Baranzini

Direkt hinter dem Fussballstadion des FC Luzern stehen zwei Wohnblocks. Im vorderen der beiden gelben Neubauten ist Andrea Seiler aus Gränichen zu Hause. Der Sport verhilft der Aargauerin zu Anerkennung in der Gesellschaft.

Die 22-jährige Andrea Seiler lebt allein in Luzern, in der grosszügigen, hellen Wohnung im dritten Stock. Dass die junge Aargauerin allein wohnt, stört sie nicht. Im Gegenteil; sie ist stolz, ihren Alltag allein bewältigen zu können. Dass dies nicht selbstverständlich ist, wird klar, wenn Seiler ihre Geschichte erzählt. Der 5. Mai 1998 hat ihr Leben für immer verändert. Damals, drei Tage vor ihrem achten Geburtstag, war sie mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Freund. An einer unübersichtlichen Weggabelung unweit ihres Wohnorts kommt es zum Unfall. «Ich habe die Strasse korrekt überquert, aber das Auto ist viel zu schnell gefahren», erzählt sie. Was danach geschah, weiss Andrea Seiler nur aus den Erzählungen ihrer Familie. Sie selbst hatte das Bewusstsein verloren. Ihre Mutter und ihre Schwester, die sich gerade auf den Weg machten, Geburtstagsgeschenke für Andrea einzukaufen, waren mit die ersten am Unfallort. Die Ambulanz traf wenig später ein und Andrea wurde ins Spital nach Aarau gebracht.

Schule abgeschlossen

Die Ärzte diagnostizieren ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und einen offenen Bruch des linken Beines. Seiler lag drei Wochen im Koma. Als sie wieder aufwachte, wurde sie nach Affoltern in eine Spezialklinik verlegt. Drei Monaten später durfte sie nach Hause. Bald schon ging sie wieder zur Schule. Doch die Aphasie, eine Sprachstörung, aufgrund der Seiler Wörter verwechselt oder vergisst, und die partielle, halbseitige Lähmung, was im Fachjargon als Hemiparese bezeichnet wird, machten ihr das Leben schwer. Sie musste einsehen, dass sie in der Schule nicht mitkam. «Ich war zu langsam und wegen den vielen Arztbesuchen fehlte ich oft», erinnert sie sich. Seiler beendete daher die Schule im Zentrum für körperlich Behinderte in Aarau und absolvierte dann in der Nähe von Luzern im geschützten Rahmen eine zweijährige Ausbildung zur Büroassistenz. Doch Andrea Seiler wollte beweisen, dass sie mehr kann.

Sport, Sport und nochmals Sport

Das ist ihr gelungen. Trotz den bleibenden Schäden des Unfalls besorgt sie heute ihren Haushalt selber, spielt Klarinette in der Harmoniemusik Luzern + Horw, arbeitet freiwillig im Altersheim und treibt viel Sport. «Ich gehe joggen, mache Krafttraining und Yoga und tanze Hip Hop», sagt Andrea Seiler stolz. Doch die meiste Zeit verbringt sie mit Schwimmen. Nach ihrem Unfall war dies die erste Sportart, die sie ausüben durfte. «Da es gelenkschonend ist, gehörte es stets zur Therapie», so Seiler. Doch sie war talentiert, begann zu trainieren und nahm regelmässig an nationalen und internationalen Wettkämpfen teil. Dabei sammelte sie fleissig Medaillen, die in ihrem Zimmer fein säuberlich aufgereiht sind. Drei Jahre war sie im Nationalteam der Behindertensportler.

Gigathlon als Ziel

2009 hörte Andrea Seiler jedoch auf, Wettkämpfe zu bestreiten. Sie fühlte sich im Nationalteam nicht mehr akzeptiert und ging ihren eigenen Weg. Das Schwimmen hat sie nicht aufgegeben. Jeden Tag trainiert sie im neu gebauten Hallenbad, das nur ein Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt liegt. «Ich schwimme immer zwei Kilometer. Für mich. Einen Trainer habe ich keinen», sagt sie. Andrea Seiler hat jedoch ein Ziel vor Augen. Sie will zum dritten Mal als Schwimmerin eines Fünferteams am Gigathlon teilnehmen. Weshalb der Gigathlon? «Es ist toll unter ‚Normalen’ zu sein und ich kann zeigen, dass ich dasselbe leisten kann wie sie.» Eine Antwort, die zu der jungen Frau passt, die sich auf dem Weg zurück zur Normalität von nichts und niemandem aufhalten lässt.

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