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Analyse vor dem Aargauer Derby: Menu Surprise und Hausmannskost

Endlich geht es auch für die beiden Aargauer Challenge-Ligisten wieder los. Der FC Aarau trifft heute auf Wohlen und will mit einem Sieg den ersten Schritt Richtung Wiederaufstieg machen.

François Schmid-Bechtel
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Der FC Aarau spielt um den Aufstieg - Wohlen gegen den Abstieg.

Der FC Aarau spielt um den Aufstieg - Wohlen gegen den Abstieg.

Keystone

Rindsfilet oder Cervelat? Beim FC Aarau ist vieles denkbar. Jedenfalls muss man sich keine Sorgen machen, dass nicht genug auf dem Teller landet. Ganz anders die Situation beim FC Wohlen. Nach einem Jahr der Völlerei ist im Freiamt wieder Hausmannskost angesagt.

Der FC Aarau ist eine Wundertüte. In die Super League zurückzukehren, ist ein ebenso denkbares Szenario, wie chillen im Mittelfeld der Tabelle. Was hingegen ausgeschlossen scheint, ist eine Wiederholung der Horror-Saison nach dem letzten Abstieg.

2011 lief Aarau sogar Gefahr, in die 1. Liga abzusteigen, ehe René Weiler im April als Retter verpflichtet wurde und den FCA durch den Notausgang lotste. Dieses Mal ist ein vergleichbarer Absturz undenkbar, weil Aarau aus den Fehlern von damals gelernt hat.

Damals hat man die Situation unterschätzt. Als Ziel proklamierte man zwar nicht die sofortige Rückkehr in die Super League. Dafür wollte man sich drei Jahre Zeit lassen. Aber sorglos war, dass man sich ohne Konzept erst mal in der Challenge League akklimatisieren wollte. Als Trainer entschied man sich für Ranko Jakovljevic, weil er günstig und anspruchslos war.

Kam dazu, dass die Mannschaft völlig falsch zusammengesetzt worden war. Neben abgehalfterten Ex-Sternchen wie Marazzi, Mitreski und Stojkov wurde das Kader mit eigenen, jungen Spielern wie Ludäscher, Jakovljevic und Müller aufgefüllt, die aber allesamt den Anforderungen nicht genügten und somit verheizt wurden.

Beim FCA hat man die Lehren aus der Vergangenheit gezogen

Heute hat der FC Aarau mit Livio Bordoli einen Trainer, der die Challenge League und den Weg in die Super League kennt. Einen bodenständigen Mann mit hoher Fach- und Sozialkompetenz. Zuversichtlich stimmt zudem, dass der FC Aarau jene Spieler ausgemistet hat, die ausgemistet werden mussten.

Sie heissen Gygax, Andrist, Feltscher, Djuric, Costanzo, Mlinar, Mudrinski und Wieser. Und sie haben alle sportlich enttäuscht und viele von ihnen auch charakterliche Defizite offenbart.

Demgegenüber stehen die Zugänge. Diese drücken insbesondere im Umfeld der Fans auf die Aufbruchsstimmung. Da sind mit Romano und Martignoni zwei junge Rückkehrer, die bei ihrem letzten Engagement in Aarau keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

Da ist mit Perrier ein Wadenbeisser, der in Sion nur Ergänzungsspieler war. Da ist mit Torhüter Deana ein weiterer aus der zweiten Reihe des FC Sion. Mit Stoller ein Weltenbummler. Mit Mart Lieder ein Stürmer, der in 56 Partien in der höchsten Spielklasse Hollands sieben Tore erzielt hat, was eine ernüchternde Bilanz ist.

Und mit Carlinhos ein 21-jähriger Brasilianer, der den zweiten Anlauf in Europa nimmt und von Bordoli als Schlüsselspieler deklariert wurde. Kurz: Hinter allen Neuzugängen steht ein Fragzeichen. Deshalb steigt der FC Aarau nicht als Topfavorit in die Saison.

Das Glück des FC Aarau ist, dass keinem Team diese Rolle zukommt. Der FC Wil weist zwar ein mindestens doppelt so hohes Budget aus wie Aarau. Nur muss sich erst weisen, wie stabil das neue Konstrukt unter türkischer Flagge ist.

Neben Wil und Aarau wird auch Lausanne vorne erwartet. Und Le Mont, das massiv aufgerüstet hat, könnte in die Rolle des FC Wohlen schlüpfen, der letzte Saison die Überraschungs-Mannschaft schlechthin war.

Wohlen muss sich nach dem Höhenflug neu orientieren

In dieser Spielzeit muss sich Wohlen primär mit dem Klassenerhalt auseinandersetzen. Denn die Abgänge der Schlüsselspieler Bühler, Pnishi, Pezzoni, Rapp und Buess wiegen schwer. Demgegenüber kommen die Zugänge ziemlich schmalbrüstig daher.

Der Höhenflug der letzten Saison gründete in einer Vorwärtsstrategie. Die aber nur dank ausserordentlichen Finanzspritzen möglich war. In dieser Saison wird finanziell zurückbuchstabiert. Quasi zurück auf Feld 1. Ohne ausserordentliche Finanzspritzen. So stellt sich die Frage: Hat sich das teure Intermezzo an der Tabellenspitze ausbezahlt?

Ziel der Vorwärtsstrategie war es unter anderem, neue Sponsoren und Fans zu finden. Ausserdem wurde eine Kooperation mit dem FC Basel oder einem anderen Grossklub angestrebt. Und nebenbei sollten die Spieler ihren Marktwert steigern. Doch das Konzept ist nicht vollumfänglich aufgegangen.

Wohlen sucht weiterhin einen Hauptsponsor oder Investor. Der FC Basel hat kein Interesse an einer exklusiven Zusammenarbeit bekundet. Und der Kreis der Fans konnte auch nicht markant vergrössert werden. Und: Mit Rapp (zu Thun) und Pezzoni (zu Wiesbaden) konnten einzig zwei Spieler verkauft werden (die anderen gingen ablösefrei).

Aber das Jahr an der Sonne war Balsam für die Freiämter Seele. Er stärkte das Selbstverständnis und hilft nun, Wohlen als attraktives Sprungbrett für junge Schweizer Fussballer zu etablieren. Selbst wenn nun auf der Niedermatten ehrliche Hausmannskost geboten wird, entspricht dies dem Bedürfnis der Fans und den Möglichkeiten des Klubs.

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