Einen ersten Blick hatte Amra Sadikovic schon mal gewagt. Am Sonntag, als der Trubel im All England Club noch nicht losgegangen und alles noch so herrlich still war, betrat sie mit ihrem Trainer Muhamed Fetov den Centre-Court von Wimbledon. Genau, den Centre-Court. Für manche ist es Woodstock oder Graceland, für Tennisprofis aber gibt es keinen anderen Ort, der ihnen heiliger ist. Und da stand sie nun, die 1,86 m grosse Aargauerin und konnte ihr Glück kaum fassen. «Das war mega», schwärmte sie, «und ich habe den Rasen angefasst, der fühlte sich unglaublich an.» Heute Mittag darf sie ihn sogar betreten und auf der anderen Seite des Netzes wird keine Geringere als Serena Williams stehen.

Ein Traumlos, so sieht es Sadikovic jedenfalls. «Für mich ist Serena die grösste Tennisspielerin überhaupt. Und wer träumt nicht davon, gegen sie zu spielen – und dann noch auf dem Centre-Court von Wimbledon? Eine Steigerung gibt es da nicht mehr», sprudelte es aus ihr heraus: «Ich freue mich wirklich mega auf das Match.»

Für Momente wie diesen ist die 27-Jährige schliesslich vor einem Jahr auf die Profi-Tour zurückgekehrt und jetzt steht sie erstmals im Hauptfeld eines Grand Slams. Die ewigen Selbstzweifel und der leidige finanzielle Druck waren es, die Sadikovic 2014 letztlich zum Rücktritt bewegten. «Und als ich das damals entschieden habe, habe ich es keinen Moment bereut», erinnert sie sich. Sie arbeitete als Trainerin in Frenkendorf, lebte ihr normales Leben. Und das war auch gut so. «Aber irgendwann merkte ich, dass zwar beruflich und privat alles ganz schön und gut war», erzählte Sadikovic, «aber es hätte mich nicht ganz erfüllt.» Als Trainerin sah sie Spielerinnen, die im Ranking hoch aufgestiegen waren, die sie früher mal geschlagen hatte. Das brachte sie zum Nachdenken. «Ich habe bereut, dass ich das Tennis früher zu wenig genossen, mich zu sehr unter Druck gesetzt habe – das hat an mir gekratzt. Und das wollte ich unbedingt nachholen. Das mache ich jetzt auch.»

Fertig mit Hinterfragen

Die Handbremse im Kopf hat sich endlich gelöst und so stürmte Sadikovic innerhalb von zwölf Monaten bis auf Platz 148 der Rangliste vor. So hoch stand sie noch nie. «Ich habe jetzt sicher die nötige Lockerheit, die ich in der ersten Karriere nicht gehabt hatte», sagte sie strahlend, «ich habe gemerkt, wie schön das Leben auf der Tour ist. Ich wollte jetzt nochmals Gas geben und nicht immer alles hinterfragen.» Früher, sagt sie, sei sie immer ein ängstlicher Mensch gewesen. Sie wollte sich an allem festhalten, suchte immer Sicherheit, beruflich wie privat. «Ich habe dann in meinem Privatleben ein paar Enttäuschungen erlebt, die sehr weh getan haben», erzählt sie, «da fragte ich mich dann: Warum suchst du immer die Sicherheit? Die gibt es nicht, nirgendwo. Man weiss nie, was passiert. Egal, welchen Beruf oder welchen Partner du hast. Also geh zurück auf den Platz und geniesse es. Lass es auf dich zukommen. Du kannst es eh nicht beeinflussen.»

Ängstlich ist sie nicht mehr, schon gar nicht, wenn sie an das Match gegen die 21-malige Grand-Slam-Siegerin denkt. Im Gegenteil. «Ich weiss, dass ich unangenehm spielen kann», sagt Sadikovic, «und wenn ich ausblenden kann, dass da Serena steht, sondern einfach eine Tennisspielerin, dann kann ich ihr schon sehr viele Probleme bereiten.» Das Spiel dafür hat sie zweifellos und es ist sicher ein Plus, dass Serena Williams keine Ahnung hat, wer diese Qualifikantin eigentlich ist. «Darum kümmert sich mein Trainer», sagte die 34-jährige Amerikanerin so beiläufig gelangweilt, wie sie auch die übrigen acht Minuten ihrer Pressekonferenz bestritt. Sadikovic weiss dagegen um ihre Stärken: «Ich spiele sehr variantenreich, gebe der Gegnerin wenig Rhythmus. Ich spiele gerne mal Serve-and-Volley, tauche am Netz auf. Eigentlich spiele ich wie die Männer. Ich habe definitiv kein Frauenspiel. Damit haben viele Probleme.»