Der Schlamassel an der Oberfläche verdeckt, dass darunter vieles glänzt. «Der Rückzug des FC Wohlen aus der Challenge League, die Krise in Aarau: Der Aargauer Spitzenfussball gibt derzeit kein gutes Bild ab. Leider geht dabei vergessen, wie gut es an der Basis und in der Ausbildung läuft», sagt Jürg Widmer. Mit 60 Jahren ist Widmer, in der Fussballszene von allen nur «Gügs» genannt, zurück in seiner Spezialdisziplin: die Nachwuchsausbildung.

SC Schöftland Trainer Jürg Widmer ©Otto Luescher(Umlaut)

Jürg "Gügs" Widmer, hier als Trainer des SC Schöftland

SC Schöftland Trainer Jürg Widmer ©Otto Luescher(Umlaut)

Widmer war 2006 einer der Initianten des Team Aargau, damals eine Revolution im Kantonalfussball: Die ewigen Rivalen Baden, Wohlen und Aarau bündelten im Juniorenbereich ihre Kräfte und bilden seither gemeinsam die besten Nachwuchskicker des Kantons aus. Die Ergebnisse lassen sich sehen: Im Verhältnis zur Anzahl Spieler gehört das Team Aargau Jahr für Jahr zu den besten Lieferanten der Schweizer Junioren-Nationalteams. Silvan Widmer (FC Basel) und Loris Benito (Young Boys) sind die berühmtesten Namen, die ihre Karriere im Team Aargau lanciert haben.

Portrait von Silvan Widmer und Loris Benito von den Young Boys und dem FC Basel, welche am kommenden Sonntag (23.9) gegeneinander auf dem Feld stehen werden. (20. September 2018)

Silvan Widmer und Loris Benito

Portrait von Silvan Widmer und Loris Benito von den Young Boys und dem FC Basel, welche am kommenden Sonntag (23.9) gegeneinander auf dem Feld stehen werden. (20. September 2018)

Trotzdem knirschte es regelmässig im Gebälk, wenn die zahlungskräftigen und dickköpfigen Alphatiere der drei Mitgliedervereine aufeinanderprallten. Letztmals knallte es vor einem Jahr, als der neu dazugekommene Aargauer Fussballverband (AFV) nach kurzer Zeit wieder aus dem Team Aargau austrat. Offizielle Begründung: aus organisatorischen und strukturellen Gründen. Inoffizielle Begründung: Es menschelte.

Der Zerfall des Konstrukts «Team Aargau» drohte. Und so weit wäre es auch gekommen, hätten seither in den Vereinen nicht neue, modern denkende Gesichter die Führung übernommen (Heinz Gassmann in Baden, André Richner in Wohlen) oder wichtige Schaltstellen besetzt (Sandro Burki als Sportchef in Aarau, Sven Christ als operativer Leiter des Team Aargau). Im September liess sich der 33-jährige Burki zum Präsidenten des Team Aargau wählen – quasi als Symbol des Neustarts.

Revolutionär und vorbildlich

Die Zukunft ist bis auf weiteres gesichert, konstruktives Arbeiten ist wieder möglich. Der AFV, nicht mehr Mitglied, aber befreundeter Partner des Team Aargau, lancierte im Sommer das Projekt «Kicker Talents», geleitet von «Gügs» Widmer. «Kicker Talents» ist eine Reaktion auf eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Erkenntnis: Bei der flächendeckenden und lückenlosen Rekrutierung, der Betreuung der Talente und der Wertevermittlung an die Spieler besteht in der Aargauer Juniorenausbildung Luft nach oben. Das Projekt dient dem Schweizerischen Verband (SFV) als Pilot. Die Aargauer Ideen könnten künftig landesweit eingeführt werden.

Der Aargauer Weg für Fussballtalente

Der Aargauer Weg für Fussballtalente

Statt wie bisher mit 13 Jahren beginnt der «Aargauer Weg» (Dorfklub – Team Aargau – FC Aarau/Wohlen/Baden) neu schon mit 11 Jahren. Der AFV beauftragt jeden Frühling 16 unabhängige, speziell geschulte Beobachter, alle 1200 E-Junioren im Kanton zu beobachten. Die Auffälligsten gelangen in eine Datenbank, nach einer weiteren Siebung werden mit rund 120 Spielern die acht Stützpunkt-Teams aufgefüllt. Die hohe Anzahl dieser über den ganzen Kanton verteilten «Talentzellen» verhindert sehr frühe Klubwechsel der Kinder. Was wiederum die Identifikation der Junioren mit ihrem Stammklub fördert.

Das Revolutionäre an «Kicker Talents» ist: Die besten 11- bis 13-Jährigen trainieren nicht nur einmal wöchentlich zusammen, sondern bilden eine Mannschaft. Die acht Stützpunkt-Teams messen sich in einer eigenen Meisterschaft. Im zweiten Jahr von «Kicker Talents» werden die besten Talente auf noch vier Stützpunkt-Teams verteilt. Die Ausgeschiedenen kehren zu ihren Stammklubs zurück.

Absichtserklärungen zwischen dem AFV und allen Aargauer Fussballklubs ermöglichen eine lückenlose Rekrutierung. Unentdeckte Talente, die in die Nachwuchsabteilungen von GC, FCZ, FCB, zu YB oder Luzern wechseln, soll es nicht mehr geben. Da neu bei mehr Vereinen als bisher rekrutiert wird, bluten einzelne Juniorenteams nicht mehr aus, wenn plötzlich fünf oder mehr Spieler ins Team Aargau wechseln. Die grössere Auswahl wiederum bei der Bestückung der Stützpunkt-Teams erhöht die Qualität der Spieler, die nach «Kicker Talents» ins Team Aargau wechseln.

«Verbände müssen anpacken»

Einfach gesagt: Der AFV übernimmt für das Team Aargau das Scouting bei den 11- bis 13-Jährigen und bereitet diese auf die professionellen Ausbildungsstrukturen vor. «Verbände sind nicht nur da, um zu verwalten», sagt Jürg Widmer, «sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen und anpacken. Das neue Modell hat für alle Seiten Vorteile. Die Buben können länger in ihren Stammvereinen bleiben, so bleiben die wichtigen sozialen Kontakte bestehen. Die Vereine erhalten Weiterbildungs-Angebote für ihre Trainer. Das Team Aargau und später die A-Teams in Aarau, Wohlen und Baden erhalten top ausgebildete Spieler.»

Man ahnt es: Das Projekt «Kicker Talents» steht und fällt mit der Frage: Erhält der Aargau ein neues Fussballstadion oder nicht? Lehnt das Aarauer Stimmvolk im nächsten Jahr das Stadion- und Hochhausprojekt im Torfeld Süd ab, müsste der AFV «Kicker Talents» justieren. Mehr noch: Widmer stellt infrage, ob dann überhaupt noch Geld für die hochklassige und teure Juniorenförderung da wäre. «Wenn das Stadion nicht kommt, ist es gut möglich, dass es im Aargau bald keinen Profifussball mehr gibt. Das wäre ein harter Schlag für den Aargauer Juniorenfussball. Für die Jungen gäbe es kein Ziel mehr vor der Haustüre. Und die Klubs stünden vor der Frage: Wofür sollen wir Geld für teure Ausbildungsmodelle ausgeben, wenn die besten Talente früher oder später eh zu Klubs in anderen Kantonen wechseln?»