Challenge League

Alter schützt vor Einsätzen nicht: Warum der FC Aarau die älteste Mannschaft der Liga hat

Neuzugang Serey Dié (vorne) lässt das FCA-Durchschnittsalter weiter steigen, hat aber bereits im ersten Spiel seinen Wert unter Beweis gestellt.

Neuzugang Serey Dié (vorne) lässt das FCA-Durchschnittsalter weiter steigen, hat aber bereits im ersten Spiel seinen Wert unter Beweis gestellt.

Aarau-Trainer Patrick Rahmen zog zuletzt die Erfahrung der Jugend vor – eine Folge der Kaderzusammensetzung und der Berufseinstellung der Routiniers, die trotz fortgeschrittenem Alter mit Ambitionen ins Brügglifeld gewechselt sind.

Wenn zwei Spieler gleich gut sind: Spielt dann der junge oder der alte? Es ist dies eine der Grundsatzfragen, um die Philosophie eines Trainers zu beschreiben. Andere sind: Ballbesitz- oder Konterfussball? Lieber 5:4 oder 1:0 gewinnen? Oder: Kurze oder lange Leine im Umgang mit den Spielern?

Doch zurück zur Altersfrage: Patrick Rahmen hat sich am vergangenen Samstag auf mehr als der Hälfte der Positionen für «Alt» statt «Jung» entschieden. Gleich sechs Spieler, die 31 oder älter sind, standen im Heimspiel gegen Schaffhausen in der Startelf. Der Blick auf die Aufstellung sorgte auf den Zuschauerrängen für viele Kommentare. Einer davon: «Mit dieser Mannschaft hätte der FC Aarau den Titel in der Senioren-Meisterschaft auf sicher.» Doch spätestens nach dem Schlusspfiff verstummten die Spötter: Aarau feierte einen überlegenen 3:1-Sieg und mit dem 37-jährigen Doppeltorschützen Stefan Maierhofer avancierte ausgerechnet der älteste Spieler auf dem Platz zum Matchwinner.

Stefan Maierhofer (37) - mit zwei Toren Matchwinner gegen Schaffhausen

Stefan Maierhofer (37) - mit zwei Toren Matchwinner gegen Schaffhausen

Rahmen begründete seine auffällige Personalwahl so: «Ja, ich habe in dieser Partie die Erfahrung der Jugend vorgezogen. Einerseits, weil es ein wegweisendes Spiel war, in dem der Druck auf uns gross und deshalb Routine gefragt war. Andererseits, um den Konkurrenzkampf hochzuhalten.»

Routiniers in Aarau nicht aufs Gnadenbrot aus

Der Trainer des FC Aarau macht keinen Hehl daraus, gerne auf die Erfahrung der Routiniers zurückzugreifen. Das beweist auch die Statistik: In der vergangenen Saison hatte die FCA-Startelf einen Altersschnitt von 26,0 Jahren – der dritthöchste Wert hinter Vaduz und Servette. In den sieben Partien der aktuellen Spielzeit betrug der Altersschnitt 27,6 Jahre (siehe Liste neben dem Bild). Es ist mit Abstand der Spitzenwert vor dem heutigen Gegner Stade Lausanne-Ouchy, Vaduz und Tabellenführer Lausanne-Sport.

Das Ganze ist eine logische Folge der Philosophie von Rahmen und Sportchef Sandro Burki. Zu dieser gehört es , ehemalige Super-League-Granden ins Brügglifeld zu holen, die eine letzte Herausforderung ihrer Karriere suchen. Elsad Zverotic, 32, Markus Neumayr, 33, Nicolas Schindelholz, 31, Jérôme Thiesson, 32, Marco Schneuwly, 34, Geoffroy Serey Dié, 34, Stefan Maierhofer, 37, letzte Saison Goran Karanovic, 31, und ab Januar Shkelzen Gashi, 31, – diese Spieler sind in Aarau nicht auf ihr Gnadenbrot aus, sondern haben Ambitionen. Kommt dazu: Die Routiniers belasten das Klubbudget am stärksten. Sie öfter auf die Bank zu setzen als spielen zu lassen, kann sich der FCA nicht leisten. Und nicht zuletzt steckt auch ein wenig Eigennutz dahinter; als Gegenleistung für viele Einsatzminuten weiss Rahmen die älteren Spieler hinter sich.

Im Januar 2020 wird mit Shkelzen Gashi ein weiterer Routinier zum FCA stossen

Im Januar 2020 wird mit Shkelzen Gashi ein weiterer Routinier zum FCA stossen

Die Jungen scharren mit den Hufen

Doch Rahmen wehrt sich gegen den im FCA-Umfeld auch schon aufgekeimten Vorwurf, unter ihm sei die Pipeline für die Jungen zu. «Die älteren Spieler haben alle prominente Namen, die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf sie, weshalb der Eindruck entstehen kann, die FCA-Mannschaft bestünde nur aus älteren Spielern. Doch gegen Schaffhausen und auch in den Spielen zuvor standen junge Spieler in der Startelf.»

Nicholas Ammeter ist erst 18 Jahre alt, schon Stammgoalie beim FC Aarau und der Beweis, dass auch Junge Unterschlupf im Team finden

Nicholas Ammeter ist erst 18 Jahre alt, schon Stammgoalie beim FC Aarau und der Beweis, dass auch Junge Unterschlupf im Team finden

Bestes Beispiel dafür ist natürlich das Tor: Stammgoalie Nicholas Ammeter ist 18, Stellvertreter Marvin Hübel 16 und Notnagel Anthony von Arx 18. Keiner der 20 Schweizer Profiklubs hat ein jüngeres Goalietrio. Im Cupspiel vor neun Tagen gegen Sion zauberte Rahmen am rechten Flügel den 17-jährigen Yvan Alounga aus dem Hut, der bis zu seiner Auswechslung wegen einer Hirnerschütterung einer der auffälligsten Aarauer war. Und mit Innenverteidiger Giuseppe Leo, 24, Rechtsverteidiger Raoul Giger, 21, und Flügelstürmer Petar Misic , 25, gehören drei U25-Spieler zum Stammpersonal, in denen viel Entwicklungspotenzial steckt.

Rahmen in der Zwickmühle

Donat Rrudhani, 20, Gezim Pepsi, 21, Mats Hammerich, 21, und Kevin Spadanuda, 22, sind vier weitere Spieler, die ihre Verletzungen bzw. Formbaisse überwunden haben und heiss auf Einsätze sind. Sie haben ihre Challenge-League-Tauglichkeit schon unter Beweis gestellt und bringen den Trainer in die Zwickmühle – schon heute vor dem Spiel gegen Aufsteiger und Überraschungsteam Stade Lausanne-Ouchy: Zählt Rahmen nochmals auf alle Routiniers, die das Vertrauen gegen Schaffhausen mit Leistung zurückbezahlt haben? Oder mischt er zugunsten der Jungen durch?

FCA-Trainer Patrick Rahmen im Gespräch mit Gezim Pepsi, einem der Jungen, die hinter den Altstars mit den Hufen scharren

FCA-Trainer Patrick Rahmen im Gespräch mit Gezim Pepsi, einem der Jungen, die hinter den Altstars mit den Hufen scharren

Keine einfache Aufgabe: Einerseits müssen die älteren Spieler mit Einsatzminuten bei Laune gehalten werden, andererseits hat es sich der FCA nebst der Einbindung von Altstars auf die Fahne geschrieben, eine Plattform für junge Spieler, vor allem solche aus der Region, zu sein.

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