Aargauer Sport

Alounga, Hegi und Co.: Diese Sportler aus dem Aargau sind die Gewinner des Corona-Sportjahres

Yvan Alounga, Oliver Hegi und Melanie Hasler hatten trotz Corona ein gutes Jahr.

Yvan Alounga, Oliver Hegi und Melanie Hasler hatten trotz Corona ein gutes Jahr.

Keine Frage: Die Sportbranche wurde durch das Coronavirus mit am härtesten getroffen. Keine Olympischen Spiele, keine Fussball-EM, dazu unzählige weitere Absagen auf allen Ebenen. Trotzdem gab es Aargauer Sportler, die auf ein erfreuliches Jahr zurückblicken dürfen. Hier sechs ausgewählte Kandidaten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Fussballer Yvan Alounga

Fussball Kaum Spiele und somit kaum Möglichkeiten, sich in den Fokus zu spielen – und nächstes Jahr stossen bereits die nächsten nach: Für Fussball­talente, die am Ende ihrer Ausbildung und an der Tür in den Profibereich stehen, sollte 2020 das Jahr der Belohnung werden – stattdessen drohen sie wegen der ausserhalb des Profitums lahmgelegten Sportwelt in Vergessenheit zu geraten. War all der Verzicht, der Aufwand und der Stress für die Katz? Unbesorgt können nur die mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten sein, die sogenannten Supertalente. Zu dieser Kategorie gehört zweifellos auch Yvan Alounga, dessen grösste Qualität ist: Hat er einmal Fahrt aufgenommen, kann er wie ein Eisbrecher am Nordpol gegnerische Abwehrbollwerke durch­brechen.

Das enorme Potenzial, das in Alounga schlummert, hat sich weit über die Landesgrenzen hinaus herumgesprochen. Den Zuschlag bekam im vergangenen September der FC Luzern, eine auf den ersten Blick gute Kompromisslösung für den 18-Jährigen: den Sprung in die höchste Schweizer Liga. Trotzdem kann Alounga weiterhin bei der Familie in Olten wohnen. 2020 ist das Jahr, in dem für Alounga die Türen zur grossen Fussballwelt aufgegangen sind. Nun muss er nur noch hindurchgehen. Anders gesagt: Er muss den Penalty verwerten.

Aber eben: Das ist einfacher gesagt als getan. Nicht wenige Stimmen hätten es für besser gefunden, Alounga wäre noch ein bisschen länger beim FC Aarau geblieben, im gemachten Nest, um sich eine Liga tiefer das Rüstzeug für den Männerfussball zu holen: Denn so viel, wie Alounga für eine internationale Karriere bringt, mindestens so viel fehlt ihm noch dafür. Taktik, Spielverständnis, Orientierungssinn, Handlungsschnelligkeit – der hochbegabte Individualist muss ­lernen, im Kollektiv zu funktionieren.

Kein Wunder, schliesslich spielt Alounga erst seit sieben Jahren Fussball im Teamgefüge, erste Station war 2013 der FC Olten. Vorher, als er noch in Kamerun lebte, kickte er mit anderen Kindern auf der Strasse. «Alle wild durcheinander», so Alounga. Das Gute: Aloungas Disziplinen mit Nachholbedarf sind solche, die erlernbar sind. Nicht solche, die man in die Wiege gelegt bekommt oder nicht. Wenn sie in Luzern Geduld mit ihm haben, wenn sie ihm die Nachhilfe geben, die er braucht, und wenn Alounga sich endlich bewusst wird, wie gut er eigentlich ist, dann wird dereinst das Jahr 2020, das für viele Gleichaltrige das Ende der Profiträume bedeutete, für ihn hingegen das Jahr, in dem er in Richtung grosse Karriere abgebogen ist.

Bobfahrerin Melanie Hasler

Melanie Hasler (rechts) zusammen mit ihrer Anschieberin Jasmin Näf.

Melanie Hasler (rechts) zusammen mit ihrer Anschieberin Jasmin Näf.

Melanie Hasler durfte zu Beginn des Jahres erstmals Weltcup-Luft schnuppern. Die Berikerin, die erst vor kurzem den ungewöhnlichen Wechsel vom Volleyball in den Bobsport vollzogen hatte, ahnte damals, als die Saison 2019/20 Corona-bedingt abgebrochen wurde, noch nicht, dass sich das Jahr für sie in eine sogar viel positivere Richtung entwickeln würde. Melanie Hasler gehörte im Sommer zu einem auserlesenen Kreis von Spitzensportlern, die in Magglingen die ­Rekrutenschule absolvieren durften. «In diesen 18 Wochen konnte ich voll trainieren im Hinblick auf die neue Saison», erinnert sich die 22-Jährige gerne an diese Tage zurück.

Kommt dazu, dass Hasler es schaffte, in Lettland, aller Corona-Behinderungen zum Trotz, den neu gekauften Schlitten abzuholen. Kein Wunder, gelang ihr mit dieser körperlichen und materiellen Basis auch leistungsmässig ein grosser Sprung. Nachdem sie zuerst für den Europacup vorgesehen war, qualifizierte sie sich mit ihren Trainingsleistungen für den Weltcup. Dort gelang ihr auf Anhieb ein vierter Platz. So darf es auch im kommenden Jahr weitergehen.

Handballer Tim Aufdenblatten

HSC-Torhüter Dario Ferrante und Tim Aufdenblatten (rechts) jubeln mit dem Pokal.

HSC-Torhüter Dario Ferrante und Tim Aufdenblatten (rechts) jubeln mit dem Pokal.

Vor jeder neuen Spielzeit, vor jeder neuen Phase der Saison, vor jeder Partie. Immer und immer wieder. Der Trainer, die Co-Captains, der Flügel, der Kreisläufer, der Torhüter, der Geschäftsführer, der Präsident. Mantramässig haben sie alle beim HSC Suhr Aarau davon gesprochen: «Wir treten an, um Titel zu gewinnen.» Schon seit dem letzten Aufstieg der Aargauer in die NLA im Frühling 2016 ging das so. Und siehe da: Vier Jahre später ist es so weit! Der HSC holt dank eines souveränen 25:20-Sieges gegen die Kadetten Schaffhausen mit dem Supercup seinen ersten Titel nach 20 Jahren des Wartens.

Und das ausgerechnet im Jahr 2020, das gerade auch in sportlicher Hinsicht vor allem wegen Nichtereignissen in Erinnerung bleiben wird. Anders sieht das bei HSC-Co-Captain Tim Aufdenblatten aus: «Die Saison abgebrochen, der Cupfinal ersatzlos gestrichen – nach so viel harter Arbeit standen wir plötzlich mit abgesägten Hosenbeinen da. Ohne Chance, uns für die bis dahin starke Saison zu belohnen. Umso schöner, dass wir das im Supercup nachholen konnten. Endlich haben wir unseren ersten Titel.»

Kunstturner Oliver Hegi

Oliver Hegi, Kunstturner, fotografiert am 28. Mai 2020 in Lenzburg.

Oliver Hegi, Kunstturner, fotografiert am 28. Mai 2020 in Lenzburg.

Der Plan war perfekt durchdacht. Trainieren in Magglingen bis zu den Olympischen Spielen in Tokio. Danach die Rückkehr in den Kanton Aargau. Beginn des Physikstudiums an der ETH im Herbst und das Ausklingenlassen der Karriere im Hinblick auf die EM in Basel im Frühling 2021. Aber eben: Corona machte auch Oliver ­Hegis durchdachtem Plan einen dicken Strich durch die Rechnung. Für ihn stellte sich vor allem nach der Olympia-Verschiebung um ein Jahr die Frage, ob er nicht sogar zurücktreten will.

Am Ende brauchte es eine Kompromisslösung, die sich für Hegi als Glücksfall erwies. Er verlegte Lebensmittelpunkt und Trainingsbasis bereits im Frühjahr zurück in den Aargau. Training im RLZ Niederlenz, die Wohnung nur ein paar Minuten entfernt. Zusammen mit dem strengen Studium, das er im September begann, eine ideale Konstellation. Deshalb sagt er: «Das Jahr 2020 hatte für mich trotz Corona eine posi­tive Seite. Ich konnte einen neuen ­Lebensabschnitt beginnen. Mit dem ETH-Studium und dem selbstständigen Training in Niederlenz durfte ich endlich ein grosses Ziel erreichen.»

Mountainbiker Joel Roth

Joel Roth mit seiner WM-Bronzemedaille.

Joel Roth mit seiner WM-Bronzemedaille.

Der Kölliker Mountainbiker Joel Roth blickt gerne auf das Jahr 2020 zurück: «Ich habe sportlich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe.» Im Juli fuhr der 21-Jährige an der Schweizer Meisterschaft in Gränichen souverän zum Sieg in der Kategorie U23. «Über einen zweiten Platz wäre ich enttäuscht gewesen», sagt Roth rückblickend auf seinen Sieg. Anders war die Gefühlslage vor dem WM-Rennen im Oktober. Der Kölliker setzte sich eine Medaille zum Ziel und durfte sich über die Bronzemedaille freuen. «Es war ein spezielles Rennen.» Die Freude wurde durch den grossen Abstand auf das Führungsduo ein wenig überschattet.

Anders war die Gefühlslage nach dem EM-Rennen, das eine Woche später im Tessin stattfand: «Das war definitiv mein persönliches Highlight der Saison.» Bis zum Schluss lieferte sich Roth einen spannenden Schlagabtausch mit seinem Teamkollegen Vital Albin. «Ich musste alles geben, konnte mich am Ende aber durchsetzen», erinnert sich Roth. «Bei diesem Sieg war emotional alles dabei. Deswegen ist der Europameister-Titel für mich definitiv der schönste Erfolg des Jahres.»

Radprofi Silvan Dillier

Das schmerzhafte Saisonende: Silvan Dillier bricht sich das Schlüsselbein.

Das schmerzhafte Saisonende: Silvan Dillier bricht sich das Schlüsselbein.

Es gibt viele Gründe für Silvan Dillier, aus sportlicher Optik mit dem Jahr 2020 zu hadern. Kurz nach dem Saisonstart im Februar herrschte fünf Monate Stillstand. Im August hätte es wieder losgehen sollen. Doch dann kam dem Schneisinger ein positiver Corona-Test dazwischen. Zu schlechter Letzt beendete er die Saison nach einem Sturz mit einem gebrochenen Schlüsselbein im Spital. Kommt erschwerend dazu: Sein Vertrag beim französischen AG2R-Team lief aus. Gelegenheiten, sich für neue Arbeitgeber zu empfehlen, gab’s nur wenige.

Immerhin dann im November doch das Happy End: Das belgische Alpecin-Fenix-Team nahm Dillier für das kommende Jahr unter Vertrag. Sowieso: Was auch immer sportlich im Jahr 2020 bei Silvan Dillier schieflief, es wurde doppelt und dreifach kompensiert durch sein privates Glück. Im Januar war Söhnchen Ilja auf die Welt gekommen. «Dank Corona hatte ich die Möglichkeit, viel Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen», sagt er. Sowieso beherzigt er auch in schlechten Zeiten gerne das Motto: «Nicht auf den Boden schauen, sondern den Blick stets nach oben richten.»

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