Welche zwei Räder dürfen es denn sein? Rennvelo, Zeitfahrmaschine, Mountainbike oder Bahnrad – Aline Seitz beherrscht sie ohne Ausnahme. Und zwar so gut, dass die 21-Jährige bereits in allen Disziplinen an internationalen Meisterschaften teilgenommen hat. Ein Multitalent des Radsports, genau nach der Ausbildungsphilosophie des nationalen Verbandes Swiss Cycling, der mit den Nachwuchsfahrern ein vielseitiges Training bestreitet.

Schliesslich gewinnen heutzutage ehemalige Bahnfahrer die Tour de France, brillieren Mountainbiker an der grossen Rundfahrten bei Bergetappen und hat sich Supersprinter Peter Sagan bei den Olympischen Spielen 2016 auf das Bike gewagt.

«Die verschiedenen Disziplinen liegen näher beieinander, als viele denken», sagt Thomas Peter. Der Leistungssportchef von Swiss Cycling sagt, man benötige überall die gleiche Energiebereitstellung. Aline Seitz bezeichnet er als «so etwas wie ein Pilotprojekt». In der Förderung der jungen Talente setzt man nicht nur auf ein vielseitiges Training, sondern seit kurzem auch auf eine aufwendige Leistungsdiagnostik mittels eines Stärke- und Schwächeprofils. Und diese hat bei der Aargauerin als Resultat ermittelt: höchst vielversprechende Perspektiven auf der Bahn.

Aline Seitz ist ein Multitalent des Radsports.

Aline Seitz ist ein Multitalent des Radsports.

Freiheit und Adrenalin

Für Aline Seitz haben alle Disziplinen ihren Reiz. Sie geniesst die Freiheit mit dem Bike in der Natur, sie spürt das Adrenalin in den Kurven des Bahnovals. Und sie liebt die Abwechslung. Von dieser erlebt sie aktuell zur Genüge. Im Frühling auf der Strasse ein Mehretappen-Rennen in Tschechien, das Zeitfahren an den Schweizer Meisterschaften, vor kurzem der erste Mountainbike-Marathon in den Dolomiten (Seitz: «Das längste Rennen, das ich in meinem Leben je gefahren bin.»), ab heute die Bahn-Europameisterschaften in Glasgow und Anfang September als Highlight und Abschluss zugleich die Heim-WM der Mountainbiker auf der Lenzerheide.

Abschluss deshalb, weil der Fokus danach tatsächlich der Bahn gilt. Nicht unbedingt, weil es der Computer so errechnet hat. Vielmehr, weil sie in dieser Sparte dem olympischen Traum am nächsten ist. Schliesslich gewann die ehemalige Sportkanti-Absolventin aus Buchs in Minsk bereits ein Weltcuprennen in der Disziplin «Scratch». Tokio 2020 ist ihr grosses Ziel, dafür ordnet sie alles andere unter und geht ihren Weg.

Im vergangenen Winter etwa als Sport-Rekrutin in Magglingen. «Das war eine super Erfahrung. Ich habe von den anderen Athleten und von den diversen Ausbildungen viel profitiert Es war zum Beispiel sehr inspirierend, mit so vielen Spitzensportlern gemeinsam im Kraftraum zu trainieren», sagt sie. Einen Ort, den sie nicht unbedingt liebt, um den eine Bahnfahrerin jedoch nun mal nicht herumkommt. Das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe von Gleichgesinnten half bei der Motivation enorm. «Gut taten auch die Gespräche, wie die anderen das Leben als Spitzensportler managen.»

Die 21-jährige Aline Seitz bezeichnet sich trotz Weltcupsieg nach wie vor als Anfängerin auf der Bahn.

  

Auch an eine olympische Medaille konnte sich Seitz in Magglingen bereits herantasten – im wahrsten Sinne. Der Mixed-Curler Martin Rios absolvierte nach Pyeongchang seinen Sportler-WK mit Edelmetall im Gepäck. «Es war ein motivierender Moment, die Silbermedaille anzufassen», sagt Seitz.

Traum einer Medaille

Die 21-Jährige bezeichnet sich trotz Weltcupsieg nach wie vor als Anfängerin auf der Bahn. Die Sportart sei derart taktisch, dass sie noch viel lernen könne und so manche Rennsituation erstmals erlebe. Die Disziplin «Madison» etwa sei auch technisch äusserst komplex. Entsprechend vorsichtig ist sie mit Rangzielen für die EM. Nuancen im Wettkampfverlauf können aus einem zehnten Zwischenrang einen Podestplatz machen – oder umgekehrt.

Deshalb ist der effektive Rang letztlich immer nur die halbe Wahrheit. «Ich müsste aber lügen, wenn ich nicht insgeheim mit einer Medaille liebäugeln würde.» Gute Leistungen sind nicht nur aus persönlicher Sicht gefragt. Mit Glasgow beginnt der Qualifikationsprozess für Tokio. Der Olympia-Start will erarbeitet sein.

An die Arbeit, genauer gesagt ans Studium, macht sich Seitz unmittelbar nach der Rückkehr aus Schottland. Sie beginnt am 20. August an der Fern Uni Schweiz die Ausbildung zur Psychologin. Die sechs obligatorischen Präsenztage pro Semester glaubt sie, neben dem Leistungssport meistern zu können. «Ich habe in den letzten Monaten die Kopfarbeit zunehmend vermisst. Deshalb freue ich mich mega auf die wertvolle Abwechslung zum Training», sagt die Buchserin.

Sportlich beherrschen die Sommerspiele 2020 das Denken der Aargauerin. Es sei ein eigenartiges Gefühl, wenn man seit langem auf dieses Datum hinarbeite und realisiere, dass es jetzt nicht einmal mehr zwei Jahre bis dahin gehe. «Zwei Jahre sind eine kurze Zeit», sagt Aline Seitz. Im Wissen, dass es bis dorthin trotzdem noch ein langer Weg ist.